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Regina Scheer „Machandel“ Was hat der Engel gesehen?

Regina Scheer erzählt in ihrem Roman „Machandel“ von einem Dorf in Mecklenburg in den Achtzigern. Sie berichtet von Theateraufführungen, von einer Stimmung der Ausweglosigkeit und dem „Aufbegehren gegen diese Endgültigkeit“, von Skepsis und zögerlichem Optimismus in den Oppositionsgruppen.

22.08.2014 15:57
Sabine Vogel
Der Dorfname Machandel bedeutet Wacholder. Foto: Imago

Gibt es solche Leute überhaupt noch? Knorrig wie altes Holz, misstrauisch, verschlossen, zugleich freigiebig wie eine Obstwiese. „Budj silnoi“ – sei stark – hatte die Mutter dem 14-jährigen Mädchen gesagt, als sie 1939 als angebliche Sowjetfeindin abgeholt wurde. Eine Zeit lang überlebt Natalja bei ihrer Oma in Smolensk, dann wird auch sie, 17-jährig, von der Straße weg eingefangen und wie Vieh als Ostarbeiterin nach Deutschland verfrachtet.

Vielleicht wegen ihrer trotzdem noch als „gut“ erkennbaren Seidenbluse wird Natalja von der Baronin als Hausangestellte rekrutiert. So landet die „Russin“ im bald mit Flüchtlingen überfüllten Gutshof von Machandel, der Regina Scheers Roman den Namen gibt. Von dem kriegsgefangenen Ukrainer Grigori, der vom Lager Fünfeichen zum Arbeitseinsatz nach Machandel geschickt wird, bekommt Natalja 1946 ihre Tochter Lena.

Aus dem ausgebombten Hamburg kommt Emma, eine junge Arztwitwe, um für sich ein Dach über dem Kopf zu erhalten und sich der acht Kinder eines eingezogenen Gutsarbeiters in einem ärmlichen Katen anzunehmen. Das älteste Kind fehlt. Marlene wurde „abgeholt“. Wie Emma von den Dörflern erfährt, wurde sie vom Stallarbeiter Wilhelm Strüwe, der die Jugendliche offenbar auch missbrauchte, als verrückt und gewalttätig denunziert. Marlene wird im Zuge des Euthanasie-Programms in der Klinik Schwerin umgebracht. Wilhelm wird Aufseher in Fünfeichen und bewährt sich später als Opportunist bei der sowjetischen Besatzung. Emma bleibt im Dorf, heiratet den Kriegsheimkehrer Peters, Vater der Kinder. „Glück? Solch große Worte haben wir hier oben nicht für das Leben.“

Aus einem polnischen Lager entkommen, verschlägt es den Königsberger Geigenbauer Arthur nach Machandel. Wundersamerweise gerettet auf seiner Odyssee hat er ein Stück des kostbaren brasilianischen Pernambuco-Holzes, aus dem man Geigenbögen macht. Er wird der Lebensgefährte der aus Ostpreußen vertriebenen Waltraud, die eine Tochter hat, Johanna.

Diese pflegt den Kommunisten Hans gesund, der dem Todesmarsch aus dem KZ Sachsenhausen entronnen ist. Johanna und Hans heiraten, bekommen Kinder, ziehen nach Kriegsende nach Berlin. Hans, für immer ein „Soldat der Revolution“, wird 1950–53 Minister für Arbeit in der jungen DDR, später Mitglied der Volkskammer. Johanna promoviert an der Parteihochschule, arbeitet für die Liga der Völkerfreundschaft, stirbt 1994 vom Alkohol zerrüttet.

Und hier sind wir fast in der Gegenwart und damit auf der zweiten Erzählebene des vielstimmigen Romans. Denn die Historikerin Regina Scheer, Autorin akribisch recherchierter Biografien und Sachbücher, lässt in ihrem ersten Roman nicht nur die alten Leute, die den Krieg in jenem mecklenburgischen Dorf Machandel überlebten, in der Ich-Form berichten. Scheer verleiht ebenso deren Nachkommen eine Stimme – und erzählt somit von ihrer eigenen Generation. Die Nachkriegsgeschichte vom Aufbruch in eine neue Gesellschaft wird da zu einer von der Autorin subjektiv beglaubigten Geschichte vom Ende der DDR.

Dann: die Mitte der Achtziger

Mitte der achtziger Jahre besucht Clara mit ihrem jüngeren Bruder Jan das Dorf Machandel. Jan, ein wegen seiner Fotos vom Prager Aufstand geschurigelter Fotograf, ist kurz vor der Ausreise in den Westen. Jan und Clara sind die Kinder von Hans und Johanna; als diese nach Berlin gingen, ließen sie Jan zunächst bei der Oma in Machandel. Clara, eine junge Humboldt-Uni-Akademikerin – unschwer als ein fiktionales Alter Ego der Autorin zu interpretieren –, verguckt sich in den leerstehenden Katen. Clara wird die Spuren der Vergangenheit von den Wänden kratzen, der Wortkargheit der Dörfler das Verschwiegene ablauschen, dem „Abwinken Wilhelms und dem verächtlichen Schnauben Augustes“, den Seufzern und den fremdklingenden Liedern ihre Geschichten entlocken. Zu denen der Flucht, der heimlichen Liebesnächte und des Verrats kommen die Geschichten der Landschaft und ihrer Legende.

Denn der Dorfname Machandel bedeutet Wacholder, und Clara schreibt an einer Dissertation über das Volksmärchen vom Machandelboom. Im Märchen, bei den Brüdern Grimm auf Plattdeutsch, begräbt die Schwester (noch eine Marlene) die Knöchlein ihres von der bösen Stiefmutter geschlachteten, vom Vater aufgegessenen Brüderleins unter dem Wacholderbaum, worauf sich ein schöner Vogel aus seinen Blättern erhebt. Seitdem, sagt man im Dorf, singe die Wacholderdrossel das Lied der Toten. „Das Geheimnis der Erlösung ist die Erinnerung.“

Während Clara mit ihrer Familie das alte Haus bewohnbar macht und sich dem Dorf und seinen auf Dachböden und Erinnerungsspeichern vergrabenen Geschichten annähert, beginnt in Berlin die Zeit des Aufruhrs.

Scheer berichtet von Theateraufführungen, von einer Stimmung der Ausweglosigkeit und dem „Aufbegehren gegen diese Endgültigkeit“. Von Skepsis und zögerlichem Optimismus in den Oppositionsgruppen, von Diskussionen in Küchen und Kirchen, vom Dritten Weg, von der Gründung des Neuen Forums und von den Einschüchterungen durch die grauen Männer der Stasi. Zeitgenossen Scheers werden vermutlich einige Weggefährten hinter den aus Versatzstücken realer Biografien erfundenen Figuren erkennen und ihre eigenen Erinnerungen dagegenhalten.

Die Kadettenschule der NVA in Naumburg traumatisiert Claras Bruder Jan, der dort seinen Freund Herbert kennenlernt. Die Oppositionellen Herbert und seine Frau Maria werden verhaftet, durch Verrat zur Ausreise genötigt, ihre Ehe geht in die Brüche. Wie so vieles. Über den Aufbruch der Wende legt sich bald der Mehltau der Abwicklungen. Scheer lässt ihre Protagonistin vom Selbstmord einer Uni-Kollegin berichten, von den Verleumdungen der Stasispitzel und ihren Entlarvungen, von der „kalten Einsamkeit“ der neuen Zeit.

Zum Ende des historisch so weit ausholenden Romans erzählt jener zur Ausreise genötigte Herbert von seiner Suche nach seinem Freund Jan. In den Wäldern Brasiliens, wo der Pernambuco-Baum dank einer Stiftung des Geigenbauers Arthur wieder angepflanzt wird, rundet sich so der auf dem Dorf begonnene Geschichtenreigen zu einem versöhnlichen Bogen. Herbert ist inzwischen mit Nataljas Tochter Lena zusammen – o seliger Ost-Berliner Zusammenhalt – und Lenas Vater Grigori ist mit (jüdischer) Familie 1994 nach Berlin gekommen. Natalja ist da schon in Machandel begraben, der Kastanienweg ist asphaltiert, der Gutshof wird inzwischen als Schlosshotel von Schwaben, wem sonst, bewirtschaftet.

In der Kirche von Machandel wurde der Engel über der Kanzel mit Naturfarben restauriert. Nun sieht er aus wie ein pausbäckiges Bauernkind. Bloß seine Augen sind schreckensgeweitet. Was hat der Engel gesehen?

Um auf die Anfangsfrage zurückzukommen: Ja, es gibt diese Menschen noch. In abgelegenen Dörfern und in allen Flüchtlingslagern trotzen Menschen Not und Elend Leben ab, spielen, lieben, bekommen Kinder, machen weiter. 17 Millionen sind laut Schätzung des UN-Flüchtlingswerks derzeit auf der Flucht, mehr als 1945. Es braucht jemanden wie Regina Scheer, der ihren in historischen Zusammenhängen und individuellen Träumen verästelten Lebensgeschichten zuhört und sie mit dieser zurückhaltenden Emphase weitererzählt.

Regina Scheer: Machandel. Roman. Knaus, München 2014. 478 Seiten, 23 Euro.

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