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Rawi Hage Flutwellen des Glaubens und andere Katastrophen

Ein Geologe berechnet die Ankunft eines Tsunamis in Beirut im Juli 2028, doch mit den Kriegern des IS bricht zuvor ein anderer Alptraum über die Stadt herein. Ein Beitrag des Schriftstellers Rawi Hage.

13.08.2015 16:41
Rawi Hage
Nach dem Ende des Bürgerkriegs im Libanon: Der ehemalige Hauptsitz der christlichen Milizen in Ost-Beirut muss im Jahr 1994 dem Wiederaufbau weichen. Foto: REUTERS

Eine Katastrophe steht bevor, seit zwanzig Jahren warne ich die Behörden davor. Niemand will mir glauben, aber sie wird kommen, und zwar morgen, am 9. Juli 2028. Die erste Flutwelle trifft das Ufer genau um 15:45 Uhr. Und wo? An der Promenade von Beirut. Diese Flutwelle wird meine Geburtsstadt zerstören, und das finde ich großartig.

Erlauben Sie mir aber zuerst einmal, mich vorzustellen. Ich heiße Ghassan El-Hajjar. Ich bin Geologe und war früher Professor. Ich habe an der Universität von Calgary in Geowissenschaften promoviert. Meine Dissertation handelte, um es kurz zu fassen, von Erdbeben und ihren Folgen. Die meiste Zeit meines Lebens habe ich damit zugebracht, historische Flutwellen zu beschreiben, die die Römer brasmatiae nannten, was wörtlich Beben bedeutet und heute als Tsunami bezeichnet wird. Wie gesagt, ich war früher Professor. Seit fünfzehn Jahren warte ich sehnsüchtig auf das große Ereignis – die Welle.

Die Angst vor dem Tsunami

Als Kind schon war ich von der Tatsache fasziniert, dass das römische Beirut im Jahr 551 n. Chr., in der Herrschaftszeit des römischen Kaisers Justinian I., von einer Reihe gigantischer Flutwellen zerstört wurde. Und schon in der Kindheit habe ich mich vor einem weiteren Tsunami gefürchtet, der uns allen den Tod bringen würde.

Dies stieß mein Interesse für Geologie an, ein Fach, dem ich mich seit frühester Jugend widme. Mein Vater, ein aufgeklärter Mann, ermutigte mich dazu. Der kleine Globus, den er mir schenkte, war der einzige Gegenstand, den ich mitnahm, als ich später, in meinem zwanzigsten Lebensjahr, mein Heimatland verließ.

Als Erwachsener machte ich mich daran, die verschiedensten historischen Flutwellen zu untersuchen und aufs Genaueste zu dokumentieren. Aus diesen Untersuchungen schloss ich, dass Tsunamis zyklisch sind und sich tatsächlich mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks wiederholen. Man kann sie sekundengenau vorhersagen. Ich weiß, dass sie mich jetzt für verrückt halten. Keine Sorge, das Gleiche taten auch meine Kollegen im Fachbereich Geowissenschaften, wo ich viele Jahre lang lehrte, bis man mir eine Professur verweigerte und mich schließlich ganz entließ. Als ich mich damals um die Stelle bewarb, war der Berufungsausschuss von den Ideen, die ich präsentierte, noch durchaus angetan.

Es ging um die Wiederkehr von Ereignissen in Natur und menschlicher Entwicklung und um die Frage, inwiefern diese Wiederkehr in Hinsicht auf den Menschen mit der Wahrnehmung des Transzendenten verbunden ist. Als ich mich vorstellte, beeindruckte ich sie mit einem multidisziplinären Vortrag über die Wiederkehr als Metapher und führte meine neue Terminologie ein: transzendentale Geografie.

Der Einfluss von Naturereignissen auf die Glaubenssysteme des Menschen und seine evolutionäre Entwicklung. Vermutlich stärkte die Tatsache, dass ich meine östlichen Identität herausstrich, in ihren Augen meine theologische Argumentationsweise. Natürlich schluckten die Dummköpfe alles. In Wirklichkeit aber war mein Vortrag eine einzige Täuschung. Ich hatte überhaupt nicht vor, diesen postmodernen multidisziplinären Blödsinn in meine Arbeit zu integrieren. Mein Zugang war immer von Pragmatismus und Vernunft geprägt, und vom vollständigen Fehlen religiöser Überzeugung.

Intellektuelle Dolche

Wirklich kontrovers wurde es erst später, als ich verkündete, dass ich in der Lage sei, künftige Katastrophen auf die Minute, sogar auf die Sekunde genau vorauszusagen. Erst jetzt begann es, Spott, Feindseligkeit und Beschuldigungen zu hageln. Die ganze erbärmliche Fachwelt wandte sich gegen mich. Meine Kollegen am Institut, die schlimmer waren als die gefräßigsten römischen Senatoren, hoben, sobald ich zu einer Sitzung kam, ihre schweren Fäuste und trafen meinen Körper so lange mit ihren intellektuellen Dolchen, bis meine Karriere zerstört war.

Jetzt ging es in meinem Leben erst einmal bergab. Ich zog nach Montreal und arbeitete in der Stadtverwaltung. Viele Jahre brachte ich damit zu, harmlose Aufgaben zu erledigen, in einem Büro voller kleinlicher Bürokraten, deren einziges Vergnügen darin bestand, mit Hilfe ihrer geringfügigen Machtbefugnisse kleine Vorteile zu erkämpfen.

Oh, wie viele Flutwellen habe ich herbeigewünscht! Wie oft habe ich von der alaskischen Landzunge den Tsunami der Lituya-Bucht aus dem Jahr 1958 herbeigerufen, um die gesamten 30,6 Millionen Kubikmeter Wasser auf die Glatze von Réjean, diesen elenden Speichellecker, auf seine jämmerliche Butterbrotdose und seinen laffen Morgenkaffee herabzusenden! Was hätte ich darum gegeben, wenn Erdbeben und Tsunami von Lissabon den Fettsack Gaetan gedemütigt hätten, der es nicht lassen konnte, jedem seine Universitätsausbildung unter die Nase zu reiben.

Wenn meine Stelle irgendetwas für sich hatte, dann die Tatsache, dass ich Marie, meine zukünftige Frau, kennenlernte. Sie arbeitete als freie Übersetzerin vom Französischen ins Englische. Wir schrieben uns einige E-Mails. Wir begannen, uns regelmäßig zu treffen. Nach ein paar Monaten erzählte ich ihr, dass ich beschlossen hatte zu kündigen und für ein Jahr in meine Heimat zurückzukehren, um Flutwellen und das Phänomen ihrer regelmäßigen Wiederkehr zu erforschen. Ich erklärte ihr, dass ich mich im Libanon näher mit dem Tsunami vom 9. Juli des Jahres 551 auseinandersetzen wollte, als die Römer das Land beherrschten.

Sie kannte sich mit der Geschichte der Region nicht aus und wusste nicht, dass die Römer diesen Teil der Erde vor vielen Jahrhunderten erobert hatten. Tatsächlich war es so, dass sie, wie sie mir oft zu erklären versuchte, stolz darauf war, wie eine Buddhistin in der Gegenwart zu leben. Maries Freundeskreis bestand überwiegend aus Künstlern, allerdings solchen, die ich für Pseudokünstler hielt. Einige stellten Modeschmuck her, faux bijou, wie er in Montreal genannt wird, andere töpferten und wieder andere waren Umweltaktivisten. An den Wochenenden rauchten wir Gras und spielten Gitarre. Die Natur wurde überraschenderweise ein Teil meines Lebens: Spaziergänge, Komposthaufen, Recycling, Tofu, und nicht zu vergessen, die selbst gemachte Seife.

Ich und Astro-Mathilde

Auf einer dieser Partys kam es zu einem großen Streit zwischen mir und Astro-Mathilde. Marie war sauer, dass ich ihre Freundin beleidigt hatte, und rief mich eine Woche lang nicht zurück. Dann traf ich sie zufällig auf der Straße, und sie kam mit in meine Wohnung. Wir fickten, und dann erklärte sie mir, dass ihre Freunde alles für sie seien.

Sechs Monate später heirateten wir ganz spontan und, wenn ich so sagen darf, mysteriöserweise. Wir hatten etwas getrunken und verspürten eine große, unerklärliche Nähe. Wir waren außerdem high. Ich machte ihr einen Antrag, einfach so, und sie lachte und antwortete: „Nur wenn wir unsere Flitterwochen in Beirut verbringen.“

Wir kamen im Libanon an und verbrachten einige Wochen in der Hauptstadt. Dann machten wir uns ins Gebirge auf. Wir mieteten ein Haus in dem kleinen Dorf Aytabeit, dessen Name wahrscheinlich aramäischen Ursprungs ist. Das Wort bezeichnete in dieser toten Sprache Dorf und Haus, wie ich Marie erklärte. „Aber die Geschichte bedeutet mir nichts“, erwiderte sie, „ich interessiere mich viel mehr für die Menschen im Dorf.“ Sie spazierte in ihren bunten Hippiekleidern durch den Ort und grüßte jeden. Sie mochte die authentischen Dorfbewohner viel lieber als die überheblichen Städter.

An einem Abend, dort in unserem Häuschen in dem Dorf, nannte sie mich einen Bourgeois und bezichtigte mich, der Elite anzugehören, die die Dritte Welt unterdrücke, wie ein Franzose. Sie meinte, ich würde die Dorfbewohner mit Herablassung behandeln. Ich warf ihr vor, sie sei naiv. Ich erklärte ihr, dass diese Dörfler im Bürgerkrieg Massaker angerichtet hätten, sie seien in keiner Weise unschuldig zu nennen. Sie seien durch und durch heimtückisch, sagte ich. Maries Sehnsucht nach einer exotischen Erfahrung und die Suche nach dem edlen Wilden hätten sie hinters Licht geführt. Diese Leute würden sich gegenseitig mit Pistolen bedrohen und ihre Nachbarn abschlachten. „Nur ein paar Dörfer weiter, in Syrien, herrscht Krieg. Die Fundamentalisten kommen vielleicht schneller, als wir alle denken. Jeder könnte hier abgeschlachtet werden.“

Sie nannte mich ein Ungeheuer, einen Reaktionär, der den Unterdrückten selbst die Schuld zuschiebe. Und dann begann sie, mich und meine Prophezeiungen der kommenden Flutwelle zu verhöhnen, wie der Rest der Welt es schon getan hatte. „Was nennst du denn fundamentalistisch, wenn nicht deine Katastrophenwarnungen?“, schrie sie mich an. „Im Gegensatz zu dir bin ich mit dem Tod und mit der unausweichlichen Notwendigkeit von Veränderung versöhnt. Ich sehe sie und gehe auf sie zu. Sollen sie doch kommen, die Krieger und die Wellen! Wovor hast du denn Angst?“ Und mit diesen Worten öffnete sie die Tür und ging nach draußen.

Die Männer packten ihre Waffen

Am Morgen hörte ich Glockengeläut und die Schreie der Frauen. Die Männer packten ihre Waffen, und sie rasten mit ihren Autos durch die schmalen Gassen. „Sie kommen“, riefen alle durcheinander, „die Islamisten sind auf dem Weg hierher! Sie haben die Grenze schon überschritten.“ Ein Soldat schrie in sein Megafon: „Lasst alles zurück und lauft, nehmt nichts mit und seht euch nicht um!“ Ein weiterer Soldat stand auf dem Dach eines Jeeps und rief: „Männer, die hier bleiben wollen und Waffen brauchen, kommen mit mir. Wer jetzt hierbleibt, der wird kämpfen. Sie werden ihren Familien und Kindern die Flucht ermöglichen, aber sie selbst werden nicht fliehen können.“

Ich suchte nach Marie, sie war aber nicht da. Eine Alte meinte, sie hätte gesehen, wie Marie den Hang hinaufgegangen sei, den Angreifern entgegen. Ich habe sie verloren. Ich habe sie einfach verloren. Am Nachmittag kamen einige Kämpfer zu mir und sagten: „Professor! Sie nehmen jetzt eine Waffe, oder Sie verschwinden. Ihre Frau ist entweder in Gefangenschaft oder schon tot.“ Ein anderer Kämpfer sagte: „Wenn sie ganz viel Glück hat, werden sie sie verschonen und ihr den Namen Meriam geben.“ Und seine Freunde kicherten.

Ich weiß längst genau, wann und an welcher Stelle die Welle kommen wird. Sie wird Beirut morgen Nachmittag, am 9. Juli des Jahres 2028, um 15:45 Uhr, treffen. Und ich sehe dem Ereignis mit großer Freude entgegen. Diese Stadt ist heute schließlich nichts anderes als eine Basis für eine durchgedrehte Sekte von Fundamentalisten, denen es vor zwölf Jahren gelungen ist, durch das Gebirge bis hinunter zur Küste vorzudringen, womit sie nur das Unausweichliche wiederholt haben, wie die Plünderung Roms durch die germanischen Stämme, die Zerstörung Bagdads durch die Mongolen, die Niederlage der Amerikaner in Vietnam.

Ich habe all das gesehen. Ich habe miterlebt, wie die Stadt gefallen ist. Wenn morgen die erste Welle auf die Küste zurast, werde ich mich mit einem Fluggerät über Beirut befinden und die Welle filmen, die auf die Millisekunde genau auftreffen wird. Die erste Welle wird den Küstenstreifen zerstören, die zweite wird die Stadt dem Erdboden gleichmachen. Die Welle wird genau dann die Küste erreichen, wenn die bärtigen Krieger mit ihren Frauen über die Promenade spazieren, die wir früher die Corniche genannt haben. Ich werde zusehen, wie die Bewohner dieser uralten Stadt, erdrückt vom Gewicht der Fluten und der Gebete, nach Luft schnappen.

Und ja – meine Frau Marie beziehungsweise Meriam wird vielleicht da sein, mit einem Kind im Arm und einem zweiten an der Hand. Und ja – wenn die Welle kommt, wird sie ihr zweifelsohne entgegengehen.

Übersetzung: Gregor Hens

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