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Rausch, Alltagsverherrlichung & Rebellion

Erwin Einzinger erzählt in seinem Roman "Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik" assoziativ, wüst und durchaus unterhaltsam

02.11.2005 00:11
INSA WILKE

Was bitte soll der gebeutelte, reizüberflutete Leser davon halten? Da kommt einer her und verspricht im Titel Einblicke in die Entstehung und Entwicklung der U-Musik, täuscht mit Personenregister und Fußnotenapparat wissenschaftliche Überschaubarkeit vor. Derselbe Autor deklariert sein 500 Seiten starkes Konvolut von Anekdoten, Kommentaren und lexikonartigen Ausführungen aber zugleich als Roman und sprengt dabei sämtliche germanistische Mindestanforderungen.

"Im Heilbronner Intelligenzblatt erschien 1838 ein Inserat des damals noch nahezu unbekannten Nahrungsmittelproduzenten Knorr, in welchem auf die Qualität des in seinem Hause hergestellten Zichorienkaffees hingewiesen wurde." Die Notiz zum Aufstieg des Gaumenfreuden versprechenden Tütensuppenkonzerns eröffnet Einzingers "Unterhaltungsmusik" und die rasante Tour durch die Windungen seiner assoziativen Verknüpfungen. An die Beliebtheit der Erbswurstsuppe schließen übergangslos die durch den "Grützbeutel" hervorgerufenen Plagen an. Unter ihnen leidet ein Fahrradhändler, der auf Seite 2 seinen kurzen Auftritt hat und mit seiner Begeisterung für den Mississippi-Blues die Musik ins Spiel bringt.

Es treten auf: Ginsberg, Burroughs...

Solches Prinzip ist stilbildend für den Roman: Die Episoden und Anekdoten sind hart aneinander gefugt, keine länger als drei Seiten, die Konstruktion der Übergänge nicht verbrämt, sondern als assoziative Freiheit zum Stilmittel erhoben. Suppen unterschiedlichster Geschmacksrichtung, Grützbeutel, Büffel und Kuhglocken sind Leitmotive des Zusammenhanglosen. Erwin Einzinger ist nicht nur Experte und Kompilator dieser internationalen, nationalen und regionalen Raritäten, sondern auch Übersetzer amerikanischer Autoren wie Robert Creeley, William Carpenter und James Schuyler. Amerika - sei es als Land der Büffelherden und Indianer, sei es als Wiege von Jazz, Rock und Pop - ist ein Fixpunkt im Taumel der Orte, Personen und Ereignisse. Die Beat-Generation der Sechziger, ihre literarischen Konglomerate aus Rausch, Alltagsverherrlichung und anarchischer Rebellion sind untrennbar verbunden mit der Musikszene.

Die Alltagslyriker Allen Ginsberg, William Burroughs und Robert Creeley verlinken bei Einzinger als Protagonisten seiner Anekdoten nicht nur die literarische mit der musikalischen Szene, sondern verweisen auch auf die Wurzeln der für Einzinger charakteristischen Poesie des Alltags: "Und hinter einer Parkbank, auf der ein Schulkind sitzt und eine Multiplikation in unsichtbarer Schrift auf den Handteller schreibt, weht der Wind in einen Strauch, in dem schwarz glänzendes Nylon hängt." (Nicht nur hier klingt die manchmal erstaunlich zarte Wortwut Rolf Dieter Brinkmanns an, der die deutsche Literatur am gründlichsten für die modernen amerikanischen Einflüsse öffnete.)

Diese neuen Blicke "auf die Erscheinungen des Alltags" umspielen die Legenden aus dem Bereich der Musik und ihrer Stars, sind ihnen mal Bass, mal Melodie. Mit Rückblicken in die Anfangszeit Björks, die damals noch Gudmuntsdottir hieß, Einsichten in den Kult um die Leitfigur der Pop-Kultur, Andy Warhol, mit dem Bericht vom Aufstieg und Fall des Roy Orbison und "Only the Lonely" stückelt Einzinger tatsächlich eine Geschichte der Unterhaltungsmusik vom Wiener Walzer über den Westcoast-Jazz bis zu den Bekenntnissen des Dr. Motte zusammen. Sein Roman leistet jedoch noch mehr und schafft nicht nur Verbindungen zwischen bildender Kunst, Literatur und Musik, sondern auch zwischen so unterschiedlichen Räumen wie österreichischen Kleinstädten, amerikanischen Metropolen und Südseeinseln.

Episoden werden Tracks

Es werden dabei Gemeinsamkeiten in der Funktion und Bedeutung der Musik auffällig, denen Kontinuitäten in zeitlicher Hinsicht entsprechen. Vom Ende des 19. Jahrhunderts springt Einzinger in die Sechzigerjahre, von dort in die Fünfziger und zurück in die Zukunft, in die Pop-Kultur der Gegenwart. Jede Zeit hat ihre besondere Tönung und birgt doch Motive der vorangegangenen Epochen. Einzinger erzählt damit nicht nur aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik, sondern schreibt nebenbei in einer Mischung aus Fakten und Fiktionen ein Stück Kulturgeschichte.

Die Komposition des Textes setzt das Versprechen "Unterhaltungsmusik" um: Episoden werden zu Tracks, der Roman zur Platte, einer B-Seite der Musikgeschichte. Scheinbar nur willkürlich sind die Stücke dieses Albums aneinander gereiht. Erst bei genauerem Hinhören erschließen sich die kunstvoll vernetzten Bezüge, und manchmal ertappt man sich auf der Suche nach einem Sinn, der nicht vorhanden ist. Die Suche erübrigt sich vielleicht, solange Wahrnehmungen verändert und erweitert werden, solange Unterhaltung gewährleistet ist.

In jüngster Zeit hat sich Einzingers österreichischer Kollege Josef Winkler - ebenfalls ein Meister der kleinen Prosaform - durch penible, detaillierteste Alltagsbeschreibungen einen Namen gemacht. Die Aneinanderreihung von Alltagsbeobachtungen kann bei Winkler aber eher vor dem Hintergrund filmischer Techniken und den Mitteln der bildenden Kunst gelesen werden. Sein Schreiben entspringt einer Wut und einer Faszination an der Absurdität und Morbidität des Lebens. Einzinger scheint aus einem anderen Impuls heraus zu schreiben: Er blickt belustigt, manchmal spöttisch, auch kritisch und selbstironisch auf die Geschehnisse um ihn herum. Vielleicht liegt dies daran, dass die Musik im Hintergrund seines Textes pulsiert, dass deren Emotionalität vielschichtiger, unbestimmter, vielleicht auch gelassener sein darf, als die ihrer beiden Geschwister.

Ein Liebhaber der aktuellen Unterhaltungsmusik ist es nicht, der aus ihrer Geschichte erzählt. Eine Fußnote pflichtet denen bei, die eine "zum Einheitsbrei" verkommene Pop-Musik "aus tiefster Seele zum Kotzen finden", eine Musik, die an Instant-Suppen mit "exakt gleich großem Format" erinnert, nur durch die Geschmacksrichtung zu unterscheiden. So endet ein Roman, der mit dem Aufstieg der Tütensuppe beginnt, schlussendlich doch bei einer Geschichte der Unterhaltungsmusik. Wie wir diese zu bewerten haben, sagt uns der Roman selbst: "Der für alles aufgeschlossene Herausgeber fand sofort Gefallen an dem fiktiven Bericht, obwohl ihn die Frage, was es mit dem Titel auf sich haben könnte, noch ein Zeit lang beschäftigte."

Erwin Einzinger: "Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik." Roman. Residenz Verlag, Salzburg 2005. 534 Seiten, 24,90 Euro

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