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Raja Alebs „Sarab“ Die Geburtsstunde von Al-Kaida

Raja Alebs „Sarab“ führt ins Saudi-Arabien des Jahres 1979. Damalige Ereignisse sollen die Wurzeln der Al-Kaida-Bewegung sein.

Mekka
Die Große Moschee in Mekka war die Bühne der Rebellen. Foto: afp

Gewalttaten an einem heilig gesprochenen Ort sind ein Tabu. In Saudi-Arabien soll darum niemand mehr an den Massenmord erinnern, der sich 1979 in der Großen Moschee in Mekka ereignet hat. Rebellen verschanzten sich damals im Heiligen Bezirk, um gegen westliche Einflüsse in ihrem Land zu protestieren. Erst nach zwei Wochen konnten sie mit Hilfe französischer Soldaten überwältigt werden. Die Folgen dieser bis heute umstrittenen Geschehnisse wirken weltweit nach. Historiker sehen hier die Wurzeln der Al-Kaida-Bewegung. 

Die saudi-arabische Autorin Raja Alem, die 2011 mit dem International Prize for Arabic Fiction ausgezeichnet wurde, hat jetzt dieses Tabuthema literarisch bearbeitet und die Erstveröffentlichung ihres Romans dem Züricher Unionsverlag anvertraut. Dort ist das brisante Werk in der versierten Übersetzung von Hartmut Fähndrich unter dem Titel „Sarab“ erschienen. Die arabische Urfassung sowie weitere Übersetzungen sollen folgen. 

Die Erzählung beginnt wie ein Thriller. Aus Hubschraubern regnet es Fallschirmtruppen, während sich in der Moschee Rebellen verbarrikadiert haben. Sie alle sind „bereit für den Kampf bis zum Tod“. Die Dramatik der Lage zieht sofort in den Bann und ergreift auch dann, wenn man das historische Datum, auf das der Text sogleich verweist, nicht einordnen kann. Trotz der Spannung, die schon in den ersten Zeilen aufgebaut wird und bis zum Schluss anhält, geht es Raja Alem nicht um ein atemlos vorangetriebenes Kampfszenario. Wer siegen wird, verrät ein allwissender Erzähler schon auf der ersten Seite. 

Im Zentrum der Handlung steht die junge Beduinin Sarab. Als Mann verkleidet, hat sie sich mit ihrem Zwillingsbruder Saif in einem Ausbildungslager für den Dschihad trainieren lassen. Ihr mangelnder Wille zu töten macht sie zur Außenseiterin. Dennoch erfasst sie mehr und mehr die Dynamik eines kriegerischen Sogs. 

Die Erzählung beginnt mit einer absurden Szene in der Endphase der Moscheebesetzung. Sarab kämpft auf der Seite der Rebellen gegen die Soldaten. Um zu fliehen, schlüpft sie in die Uniform eines getöteten Gegners. In dieser doppelten Verkleidung, als Mann und Nationalgardist, nimmt Sarab einen französischen Soldaten gefangen und bringt ihn in ein Haus außerhalb des Heiligen Bezirks. Dort bewacht sie von Puppen umgeben ihren Gefangenen in einem Kinderzimmer. 

Schon diese Eingangszene ist meisterhaft erzählt. Alle Leitmotive des Romans klingen bereits an. Es geht um Fragen der eigenen Schuld, um Kindheitsprägungen und das Wechselspiel höchst ambivalenter Gefühle wie Liebe und Hass oder Reinheit und Lust. In einem Anflug wilder Panik zerschlägt Sarab die Gesichter der Puppen, kratzt Augen, die die Tapete schmücken, von der Wand und tritt dem am Boden liegenden Soldaten lustvoll ins Geschlecht. 

In komplexen Szenen, die zwischen Gefühlen von Schuld und Sühne hin und her schwingen, entfaltet der Roman sowohl islamische als auch westliche Denkhorizonte. Raja Alem ist Enkelin eines Sufi. Die Verse des Koran haben die Heranwachsende tief geprägt. Später studierte sie Anglistik in Dschidda und bezog einen Zweitwohnsitz in Paris, lebt heute immer noch in Frankreich und Saudi-Arabien. Kenntnisreich untersucht sie in ihrem Werk die wechselseitigen kulturellen Einflüsse.

Diese doppelte Perspektive macht „Sarab“ zu einem einzigartigen Mittler zwischen den Welten. Ereignisse sind vielfach analog gebaut und spiegeln ähnliche oder auch kontroverse Sichtweisen. So denkt etwa der am Boden liegende französische Gefangene Raphael ähnlich wie Sarab darüber nach, wieso er vom zartbesaiteten Jungen zum Kampfroboter mutiert ist. Auch hier haben Kindheitsprägungen und der Drill der Soldatenausbildung zu einer Wandlung geführt, die ihn erst zu den extremen Gewalttaten befähigten. 

Sarab fliegt nach dem Ende der Moscheebesetzung an der Seite Raphaels, ihres einstigen Feindes, gen Paris. Hier versucht sie, ein neues, den ursprünglichen religiösen Werten gemäßes Leben aufzubauen. Doch der Weg ist kompliziert. Wo liegt die Grenze zwischen Indoktrination und Selbstachtung? Ist das Tragen eines roten Slips mit Rosenknospe bereits Sünde? Darf sie das von Raphael geschenkte Seidenkleid, in dem sie sich anfangs wie entmannt fühlt, zumindest zu Hause genießen. Wie fühlt es sich an, erstmals selber Geld zu verdienen? 

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