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Rainer Werner Fassbinder 70 „Mein liebes Rainerchen“

Er dichtet, er wird betrachtet. Zwei Bücher zeigen den Filmemacher Rainer Werner Fassbinder: als schreibenden Jungen und als historisches Objekt. Am 31. Mai wäre sein 70. Geburtstag gewesen.

„Die Sehnsucht der Veronika Voss“, 1981: Hilmar Thate (l.), Rosel Zech, Fassbinder (r.) bei den Dreharbeiten. Foto: dpa

Vor 33 Jahren starb Rainer Werner Fassbinder. An diesem Wochenende wäre er 70 Jahre alt geworden. In den 37 Jahren, die sein kurzes Leben dauerte, drehte er 44 Spielfilme. Er rückte der Öffentlichkeit so nah auf den Pelz, dass sie zu seinen Lebzeiten nie dazu kam, sich ein gelassenes Bild von ihm zu machen. Fassbinder ließ keine Distanz.

Das ist jetzt anders. Anhand der vielen Ehrungen zu seinem runden Geburtstag, kann man erleben, wie sich das Bild eines Menschen im Abstand ändert, was die Zeit mit einem Menschen macht, wenn sie über ihn hinweggeht.

Erstens wird er biografischer wahrgenommen. Aus der Distanz ergibt sich eine Lebensgeschichte; die Kindheit, nie Thema zu Fassbinders Lebzeiten, wird deutlich in ihrer Herrschaft über das ganze Leben. Und zweitens wird er historisiert, steht typischer, symptomatischer da, als die Zeitgenossen ihn wahrnahmen.

Dass Fassbinders Mutter, die literarische Übersetzerin Lieselotte Eder, wichtig für ihn war, wusste man. Als Filmgeschäftsführerin lavierte sie etliche Produktionen durchs Chaos. Jetzt aber wird bei Schirmer und Mosel ein Band neu aufgelegt, der die ganze Tiefe der Mutter-Sohn-Beziehung erahnen lässt. Im Kern enthält er Gedichte und Prosastücke des 16- bis 17-Jährigen, die er Weihnachten 1962 seiner Mutter schenkte, liebevoll mit der Hand in einen Umschlag gebunden, geschmückt mit einer Postkarte von Marc Chagall.

Meisterwerke sind die Gedichte nicht, aber ausdruckstarke, formbewusste, an der Tradition geschulte Verse, die hier und da kraftvoll zulangen: „Wir gehen durch die Straßen, die Nacht / Ich halte deine Hand und schweige / Es ist Satan, der freudig lacht / Weil ich die Liebe nicht zeige!“

Unfassbar und doch typisch, dass ein derart begabtes Kind nicht mal die Realschule schaffte und später auf der Abendschule seinen Abschluss nachmachen musste – trotz allen guten Zuredens seiner Mutter. Segensreich wird der Ernst gewesen sein, mit dem sie ihrem Sohn begegnet.

1958 schreibt sie ihm aus dem Krankenhaus, zitiert im Vorwort des Buches: „Filie care – mein liebes Rainerchen ... nach meinem Eindruck fehlt es Dir nicht an der nötigen Intelligenz für ein Gymnasium ... Du solltest Dir klar darüber werden, daß es gar nicht so sehr auf das ,was‘ ankommt, was Du jetzt lernst, sondern daß das wichtige die Konzentration ist, das Arbeitenlernen überhaupt, das Denkenlernen, das Dir vor allem in Latein beigebracht wird ... Auch wenn Du einen künstlerischen Beruf ergreifen solltest... Du wirst ruhiger werden – und Du wirst Gebiete finden, die Dir Freude machen, die dich trösten, wenn Du traurig bist.“

Den zweiten Aspekt der Fassbinder-Aufarbeitung, die Historisierung, erfüllen Antje Vollmer und Hans-Eckardt Wenzel geradezu im Übersoll – schon im Titel ihres Buches: „Hinter den Bildern die Welt. Die untergegangene Bundesrepublik in den Filmen von Rainer Werner Fassbinder“. Die Politikerin der Grünen und der Liedermacher haben sich das komplette Werk Fassbinders angeschaut und darüber einen intensiven Briefwechsel geführt. Aus der West- und der Ost-Perspektive verständigen sie sich darüber, was sie in den Filmen über die BRD erfahren.

Sie tauschen Erinnerungen aus, korrigieren sich, spekulieren etwa darüber, warum in den Filmen Landschaften eine so geringe Rolle spielen. Wenzel erkennt beim Filmsichten die Möglichkeit, dass man im Osten eine andere Welt hinter der Grenze annehmen konnte, als großes Glück. Landschaft verhieß schon Alternative. Dagegen sieht er den Westler, besonders den radikalen Fassbinder, illusionslos im Immergleichen stehen: „Ihr konntet keine Ausreiseanträge stellen. Wohin auch?“

Und Antje Vollmer wird dem Regisseur, der sie bisweilen abgestoßen und verstört hat, ohne falsche Verbrüderung gerecht. Der wüste Fassbinder, der „ungebändigte und unverständliche Ableger“, wie ihn die Mutter einmal nannte, nun im deutenden Blick der ehemaligen Bundestagsvizepräsidentin, das hat schon was.

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