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Prager Frühling Pavel Kohout wird 90

Dem Schriftsteller und Europäer Pavel Kohout zum 90. Geburtstag.

Pavel Kohout
Pavel Kohout (r.) auf der Frankfurter Buchmesse, im Jahr seiner Ausbürgerung aus der CSSR 1979. Foto: dpa

Natürlich müsste vor allem von seiner Arbeit zu reden sein, wenn es gilt, Pavel Kohout zum 90. Geburtstag am heutigen Freitag zu gratulieren. Da wären die Stücke von „So eine Liebe“ (1957) bis „Eine kleine Machtmusik“ (2005), dann die Romane von „Die Henkerin“ (1978) bis „Tango Mortale“ (2012), die Fernsehspiele auch, etwa fürs ZDF. Ein reiches Arbeitsleben gilt es zu würdigen, geehrt mit dem Österreichischen Staatspreis für Literatur oder dem Kunstpreis zur deutsch-tschechischen Verständigung.

Doch verlockender ist es, von seinem Lebensweg zu erzählen. Denn darin spiegeln sich Entwicklungen der Zeitgeschichte auf geradezu lehrreiche Weise. Dass jemand sich vom überzeugten Sozialisten zu einem entschiedenen Gegner des Sozialismus in seiner im 20. Jahrhundert „real existierenden“ Form wandelt, war so selten nicht. Aber wie Kohout zur Kommunistischen Partei kam und wie er sich von ihr abwandte, nämlich durch das praktische Erleben, dass eine Reformierung nicht möglich ist, kann schon als besonders gesehen werden.

Tatsächlich lassen sich beide Erzählungen verknüpfen. Pavel Kohout hat nämlich nicht nur als Dramatiker das Gespür für Timing und glaubhafte Dialoge, nicht nur als Romancier das Verständnis für einen langen Spannungsbogen, auch seine autobiografischen Werke lesen sich so an- wie aufregend. 1969 erschien „Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs“, in dem er, mit fiktiven Episoden angereichert, von der Entwicklung eines Mannes schreibt, der als Zehnjähriger die Besetzung seiner Heimatstadt Prag durch Hitlers Abgesandte miterlebte, von vielen dort lebenden Deutschen begrüßt.

Als junger Erwachsener hat er die sowjetischen Panzer in den Prager Straßen 1945 als echte Befreiung erlebt. „Ich versuchte, die Lage seines Denkens in verschiedenen Zeitschichten der Vergangenheit und Gegenwart möglichst authentisch aufzuzeichnen“, schreibt Kohout damals im Vorwort. 1946 trat er in die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei ein, er studierte, schrieb Verse, erste Stücke, wurde mit 22 Jahren Chefredakteur einer satirischen Zeitschrift, arbeitete beim Fernsehen und als Theaterregisseur, kam in Kontakt zu Schriftstellern wie Ludvík Vaculík, Arnost Lustig, Jirí Grusa, er wurde schließlich als fast Vierzigjähriger einer der Wortführer des Prager Frühlings und 1969 dann aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen.

Wie es weiterging, erzählt Pavel Kohout, der drei Ehen schloss und Vater von vier Kindern ist, in dem Buch „Wo der Hund begraben liegt“, das 1987 im Westen erschien. Adressat der reichlich 500 Seiten im Tagebuchstil ist sein Rauhaardackel. Die Autoren, die sich 1968 unter dem Manifest der 2000 Worte zusammenfanden, konnten nicht mehr publizieren, sie reichten sich ihre literarischen Arbeiten weiter und tippten sie in mehreren Durchschlägen ab. So kamen sie wenigstens auf Kleinstauflagen. Kohout gehörte schließlich zu den ersten Unterzeichnern der Charta 77, deren Entstehung er in dem Buch auch schildert.

Dieses Manifest berief sich auf die Schlussakte der Konferenz von Helsinki über die Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Es forderte die Einhaltung der Menschenrechte in der Tschechoslowakei. Der Dramatiker Václav Havel, einer seiner Verfasser, kam anschließend ins Gefängnis. Pavel Kohout wurde seiner Wohnung verwiesen und anlässlich einer Reise nach Wien ausgebürgert. So blieb er in Österreich, bis der Ostblock auseinanderbröckelte. Auf seiner Homepage heißt es: „Heutzutage ist er Staatsbürger zweier Mitgliedsländer der Europäischen Union. Er lebt, arbeitet und wählt sowohl in Prag als auch in Wien.“

Das nächste autobiografische Werk erschien 2010. Der Titel „Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel“ spielt mit Schwejk’schem Humor auf die tolldreisten Eingriffe in seinen Lebensweg an. Es gehört zu den aufschlussreichsten Büchern, die es über die Möglichkeiten und Zwänge eines Intellektuellen in der Zeit des Kalten Krieges und der Folgejahre gibt. Denn im Westen musste Kohout sich gegen Vereinnahmung von Konservativen wehren und sah sich von Linken ausgegrenzt.

Das Dilemma der freien Welt beschäftigte ihn: Einerseits werde die Manipulation durch Macht angegriffen, doch beteilige sich der Bürger „selbst mit seiner Feigheit und Verblendung an dieser Manipulation durch die Macht“. Das Buch widmete er seinen Lebensgefährten, „die es nicht schafften, ihre Erlebnisse und Erkenntnisse aufzuzeichnen“, und den Enkeln, „damit sie verstehen können, was wir nicht verstanden haben“. Heute nun ist Pavel Kohouts Hauptberuf der des Zeitzeugen. Als solcher verteidigt er die Idee eines friedlichen Europa.

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