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Politbarometer Im Krieg war "Adolf" dann kein Modename mehr

In einer Art Politbarometer des Dritten Reichs untersucht Götz Aly die Stimmung der Deutschen während der NS-Zeit.

06.02.2007 22:02
ALEXANDER JÜRGS

Diktaturen kennen keine unabhängige Demoskopie. Meinungsumfragen wie das "Politbarometer" oder die "Sonntagsfrage" sind in ihnen undenkbar. In Diktaturen wird jeder Zweifel an der Zustimmung zum Regime unterdrückt - mit scharfer Repression gegen echte und vermeintliche Kritiker, mit materieller Unterstützung der Bevölkerung, mit Propaganda. Der NS-Staat war ein Meister in der Inszenierung von Zustimmung: Die Reichsparteitage in Nürnberg, die Olympischen Spiele in Berlin, die Aufmärsche, Fackelzüge und martialischen Reden waren nicht nur ein Mittel der Verführung, sondern auch dazu gedacht, die Skepsis der Deutschen gegenüber den Führern des Dritten Reichs zu überstrahlen.

Wie aber lässt sich ein zuverlässiges Bild von der Stimmungslage der nichtjüdischen deutschen Bevölkerung während des Nationalsozialismus zeichnen? Kann man etwa die Popularität Hitlers im Nachhinein überhaupt messen? Der Historiker und Publizist Götz Aly (Hitlers Volksstaat) geht in dem von ihm herausgegebenen Band Volkes Stimme. Skepsis und Führervertrauen im Nationalsozialismus einen innovativen Weg, um die Stimmung im NS-Staat zu rekonstruieren. Über indirekte Indikatoren, zu denen ausreichendes Datenmaterial vorhanden ist, versucht er Rückschlüsse auf Vertrauen beziehungsweise Skepsis gegenüber der NS-Führung zu gewinnen. Realisiert wurde die aufwändige Untersuchung im Rahmen eines Gastseminars von Aly am Fritz-Bauer-Institut der Frankfurter Goethe-Universität, ein Großteil der Beiträge stammt von am Seminar teilnehmenden Studenten.

Untersucht wurde zum Beispiel, wie häufig Eltern für ihre neugeborenen Söhne Namen oder Beinamen wie Adolf, Hermann oder Horst auswählten. Ein markanter und stetiger Einbruch der "Adolf-Kurve" ist ab dem Kriegsbeginn 1939 zu erkennen - was als sicheres Indiz für die Aussagekraft des Indikators gewertet werden kann. Auffällig ist auch, wie sich Gefallenenanzeigen - analysiert wurden Todesanzeigen in der Parteizeitung Frankfurter Volksblatt und in der bürgerlichen Frankfurter Zeitung - im Lauf der Zeit verändert haben. Sie deuten auf einen steten Rückgang der Kriegszuversicht hin. Zu Beginn des Kriegs war der Zusatz, der Soldat sei "für Führer, Volk und Vaterland" gestorben, weit verbreitet. Bald verzichteten Inserenten aber auf den Hinweis auf den "Führer", 1944 liegt die von den Forschern so titulierte "NS-Quote" selbst im Parteiblatt nur noch bei knapp über zehn Prozent.

Aufschlussreich ist auch die Entwicklung der Kirchenaustritte. Von den Nazis propagiert, bedeutete der Austritt aus einer der christlichen Kirchen ein Bekenntnis zur NS-Ideologie und einen radikalen Bruch mit der Tradition. Von 1936 an nimmt die Anzahl der Kirchenaustritte auffällig zu: Das Führervertrauen überflügelt das Gottvertrauen. Mit Kriegsbeginn setzt eine umgekehrte Entwicklung ein, und spätestens ab 1942 ebbt die Austrittswelle ab. Angesichts der drohenden Niederlage im Krieg und der Angst vor Bestrafung durch die Alliierten bietet die Religion nun wieder Schutz.

Es sind gerade diese scheinbar banalen Indikatoren, die der Untersuchung Überzeugungskraft verleihen. In ihnen lässt sich sehr direkt eine Einstellung ablesen. Andere Beiträge sind dagegen weniger nachvollziehbar. Wenn zum Beispiel aus der Urteilspraxis des Volksgerichthofs und dem Anstieg von Todesurteilen auf ein erhöhtes Vorkommen von Protest geschlossen wird, bleibt unbedacht, dass sich auch innerhalb des Volksgerichthofs eine eigene, für die harten Urteile verantwortliche Logik entwickelt haben kann. Die Untersuchung des Sparverhaltens der Deutschen kann als Stimmungsbarometer ebenfalls nicht vollends überzeugen, da das Datenmaterial zu viele Unsicherheiten offen lässt. Und leider kann man auch über die Gründe für Skepsis oder Ablehnung nur spekulieren. Da die Untersuchung den Weg über die indirekten Indikatoren geht, ist nicht eindeutig zu klären, ob der Vertrauensverlust des Regimes einzig auf militärischen Rückschlägen basierte oder ob auch die Deportationen von Juden und die Gerüchte über den Massenmord in den Konzentrationslagern zu Ablehnung führten.

"Wir betrachten unsere Ergebnisse nicht als endgültig, sondern als ersten Schritt", stellt Götz Aly im Vorwort klar. Auch Albert Müller vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, der die einzelnen Indikatoren zu einer Gesamtstatistik zusammengefasst hat, weist auf den "experimentellen, wenn nicht artifiziellen Charakter dieser Dateninterpretation" hin. Gerade als Experiment aber, als Versuch, der historischen Forschung neue Wege aufzuzeigen, ist diese Arbeit so ausgesprochen wertvoll. Dabei ist ihr Ergebnis überraschend und stellt einige Gewissheiten in Frage. Die weit verbreitete Einschätzung etwa, dass Hitler nach dem siegreichen "Blitzkrieg" gegen Frankreich auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, wird von Alys Analyse widerlegt. Die Auswertung der Indikatoren lässt vermuten, dass der Vertrauensverlust der Bevölkerung bereits im Sommer 1939 begann. Auch Alys These, dass die Deutschen weit weniger ideologisch durch den NS-Staat geprägt waren, als bisher angenommen, wird von den Ergebnissen unterstützt. Die Erforschung der NS-Zeit bleibt also hoch spannend.

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