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Poesie Auf der Zunge brennen Worte

Endlich: Erstmals liegen Gedichte der großen dänischen Dichterin Pia Tafdrup auf Deutsch vor.

Sie ist in Dänemark weltberühmt. In 35 Sprachen wurden ihre Texte übersetzt, aber erst jetzt ist erstmals ein Band ins Deutsche übertragen worden. Peter Urban-Halle, einem der besten Kenner der dänischen Literatur, ist es zu danken, dass es nun dies hier gibt: „Tarkowskis Pferde“, ein Gedichtbuch von Pia Tafdrup.

In Dänemark erschien der Band vor elf Jahren, entstanden ist er zu wesentlichen Teilen in Berlin, in der Immanuelkirchstraße, wo Tafdrup damals zeitweise lebte. Ein Monat zuvor war ihr Vater gestorben, nach langer Demenz. In „Tarkowskis Pferde“ erzählt Pia Tafdrup, was die Krankheit mit ihm gemacht hat, und mit ihr. „Von der Würde eines Lebens“ heißt eines der Gedichte: „Die Armbanduhr / vergisst mein Vater aufzuziehen, / die Zeiger zeigen / auf immer und ewig.“

Ein anderes trägt den Titel „Gute Nacht“, ein Kindheitserinnerungsgedicht: „Jede Gutenachtgeschichte, / die ich erzählt bekam, / hatte ihre eigene Farbe.“ So sind auch ihre Gedichte: eigenfarbig, erzählerisch, immer konkret und klar – und darum immer auch um das wissend, was zwischen den Farben und Worten schimmert.

Pia Tafdrup, aufgewachsen in Nordsjælland, hat zwei Romane, einige Hörspiele und Dramen, vor allem aber 17 Gedichtbände veröffentlicht. „Tarkowskis Pferde“ ist einer ihrer ungewöhnlichsten. Ein Zyklus in freien Versen, in sich geschlossen und dennoch wunderbar porös, welterfahrungsoffen. Der Titel bezieht sich auf Andrej Tarkowskis Film „Andrej Rubljow“, auf die Szene mit den Pferden, die für das Erinnern, das fremde Denken im Eigenen stehen. „Die verwischten Grenzen verändern / die Geographie des Gehirns“, schreibt Tafdrup. Das gilt für den Film, es gilt auch für ihre Gedichte – und die Krankheitserlebnisse.

Peter Urban-Halle, der diese Texte sehr genau, sprachsicher übersetzt hat, sagt im Nachwort: Tafdrups Texte bewegten sich zwischen Transzendenz und Körperlichkeit. Sie selbst hat von einer „Poesie des Schwebens“ gesprochen. Das gilt für viele Dichter, aber ihre Gedichte schweben nicht im luftdichten Raum, es sprechen hier Stimmen, Erfahrungen, Gefühle, Gedanken hinein, die sich nicht auf Himmel oder Erde festlegen lassen. Die Aufgabe der Dichtung sei es, hat Tafdrup kürzlich in einem Interview gesagt, Text für Text das berühmte Diktum Ludwig Wittgensteins zu widerlegen: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man – nicht – schweigen, sondern dichten.

Sie scheut sich nicht, ohne jede Rücksicht auf postmoderne Moden, ihre Dichtung als „andauerndes Erforschen des Absoluten“ zu begreifen, als das, was „jenseits der Grenze des Bekannten und des menschlichen Raums liegt“. Aber ihre Gedichte haben nichts Verschwiemeltes, sie raunen nicht, bedienen keine seifigen Sentimentalitäten. Dass sie ihre große Kollegin Inger Christensen intensiv gelesen hat, verheimlichen sie nicht. Aber Tafdrup findet einen eigenen, unverwechselbaren Ton. „Wörter werden nicht begraben“, so eines ihrer Gedichte in diesem Band, sie „brennen auf der Zunge“.

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