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Philosophie Sentimentale Erinnerung an Wittgenstein und Heidegger

Die Sache des Denkens mit ganzem Einsatz: Manfred Geiers lesenswerte Doppelbiografie über zwei völlig unterschiedliche Philosophen, die doch eine Sache eint.

Martin Heidegger
Martin Heidegger, deutscher Philosoph. Foto: epd

Das Produkt des Philosophen ist sein Leben (vor seinen Werken)“, befand Friedrich Nietzsche, der von vielem, wenn nicht gar von allem eine Ahnung hatte. Philosophen bringen ihre Lebensgeschichte(n) mit in die Philosophie – ein Vorgang, den die Beteiligten, aus Gründen der Diskretion und eines alles vereinnahmenden Erkenntnisinteresses, nicht recht wahrhaben wollen. Dabei sind Philosophen, notgedrungen, auch mit dem Alltag befasst, der ihr Denken zuweilen derart derb konterkariert, dass sich daraus eine Einübung in die Kunst des wissenden Scheiterns ableiten ließe.

Eine nicht unerhebliche Kluft tut sich auf zwischen dem hehren Anspruch der Philosophie und der gewöhnlichen Lebenstüchtigkeit, die man, leider, auch den Philosophen abverlangt. Aus ihr blitzt, wiederkehrend, jene Heiterkeit auf, die wir in unseren besten Stunden als tröstenden Schimmer ausmachen können, der über den Dingen liegt. Es ist, wie es ist; viel mehr bleibt nicht vom Gebrauchswert der philosophischen Wahrheit, die ein geheimes Verfallsdatum hat – welches im übrigen auch für das Leben selbst gilt, das immer lebensgefährlich ist und, bei passender oder unpassender Gelegenheit, sein letztes Stündlein geschlagen bekommt.

Wer es mit den eigenen Denkanstrengungen, aus den angedeuteten Gründen, also lieber nicht übertreiben will, ertappt sich dabei, dass ihm die Lebensgeschichten der Philosophen irgendwann interessanter vorkommen als jede noch so schlaue Gesamtdarstellung der Philosophie. Die Philosophen rücken näher an uns heran, erscheinen menschlich, ohne dass ihnen dadurch etwas von der Bewunderung, die sie fast immer verdienen, abhanden käme.

Zwei exemplarische Lebensgeschichten der Philosophie erzählt Manfred Geier in dem empfehlenswerten Buch Wittgenstein und Heidegger, das in einer Art Doppelbiographie zwei Denker zusammenbringt, die, meint man vorab einwenden zu dürfen, eigentlich doch wohl nicht so ganz viel miteinander zu tun haben. Es lohnt sich jedoch, genauer hinzuschauen: „Wittgenstein und Heidegger“ nämlich „gehören zu den letzten Solitären der Philosophie, weil beide einen Typus verkörpern, der ein … Denken praktiziert, für das es mit seinem Eigennamen einsteht.“

Das unverwechselbare, mit Markenschutz belegte Philosophieren, dem auch in der Resignation noch Besitzansprüche zufallen, ist etwas aus der Mode gekommen; die Herren Wittgenstein und Heidegger, gingen sie denn noch einmal ohne ihre jeweilige Personalakte an den Start, sähen sich heute feingesponnenen Widerständen ausgesetzt: „Nicht mehr die individuierte leidenschaftliche Begeisterung für ein Philosophieren, das nur in der Einsamkeit zu seiner eigentlichen Stärke finden kann, scheint gegenwärtig nötig zu sein, sondern eine international vernetzte Kooperation von Fachleuten, die dazu ausgebildet worden sind, unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse argumentativ die Probleme zu behandeln, die es aktuell vor allem in praktisch-ethischer Hinsicht zu lösen gilt.“

Um so mehr wiegt die sentimentale Erinnerung an zwei Philosophen, die, bei all ihrer Unterschiedlichkeit, die Sache des Denkens mit ganzem Einsatz betrieben, wobei besonders Wittgenstein, dem Depressionen wahrlich nicht fremd waren, an seine Existenzgrenzen kam. Heidegger, insgesamt deutlich anmaßender und selbstwertbezogener, durchmusterte erst die schlechte Wirklichkeit, wobei er sich, zurückhaltend formuliert, auch auf politische Abwege begab, und wurde schließlich, bei bester Aussichtslage vom hohen Sein herab, zum Technik- und Apparatekritiker, dem wir einige fast prophetisch anmutende Einsichten verdanken. Geier gelingt es, von Leben und Werk dieser beiden Philosophen auf ebenso spannende wie unterhaltsame Weise zu berichten; dafür ist er uneingeschränkt zu loben.

Deutlich wird, dass in den Biographien der Philosophie ein Wiedererkennungswert zu entdecken ist, der mit uns selbst zu tun hat; man muss kein Philosoph sein, zumindest keiner vom Fach, um an ein Leben zu geraten, das, abseits herkömmlicher Besinnlichkeitsmuster, als Prüfung erscheint, die man irgendwann gar nicht mehr bestehen will. Dann aber ist man schon mitten drin in der großen Müdigkeit, der mit Durchhalteparolen kaum mehr beizukommen ist.

Als Wittgenstein, aus schwerreichem Elternhaus stammend, der sich zwischenzeitlich mit diversen, eher der Praxis als der Theorie verpflichteten Jobs durchbrachte, ungeahnte Schwierigkeiten hatte, für sein Erstlingswerk, das später unter dem Titel „Tractatus logico-philosophicus“ weltbekannt wurde, überhaupt einen Verlag zu finden, bekannte er: „Ja, wo meine Arbeit untergebracht werden kann, das weiß ich selbst nicht! Wenn ich nur selbst schon wo anders untergebracht wäre als auf dieser beschissenen Welt!“ Dazu passte sein Kommentar zur Krebsdiagnose, die man ihm 1949, knapp zwei Jahre vor seinem Tod, mitteilte: „Ich war keineswegs erschrocken, als ich erfuhr, dass ich Krebs habe, aber ich war’s, als ich erfuhr, dass man dagegen etwas unternehmen könne, denn ich hatte nicht den Wunsch weiterzuleben.“ Am Ende überwog die Erleichterung: „Sagen Sie ihnen, dass ich ein wundervolles Leben gehabt habe!“; danach gab es dann wirklich nichts mehr zu sagen. Auch Heidegger, der nicht gering von sich dachte, ließ zum Schluss Bescheidenheit anklingen, die allerdings weniger ihm selbst, sondern dem unangenehm kompliziert gewordenen Großen und Ganzen galt: Auch einer wie er sehe sich außerstande, „die Welt im Ganzen so zu durchschauen, dass er praktische Anweisungen geben könnte“, gab er im berühmten „Spiegel“-Interview von 1966 zu Protokoll. Und fügte hinzu: „Aber die größte Not des Denkens besteht darin, dass heute … noch kein Denkender spricht, der ‚groß‘ genug wäre, das Denken unmittelbar und in prägnanter Gestalt vor seine Sache und damit auf seinen Weg zu bringen. Für uns Heutige ist das Große des zu Denkenden zu groß.“

Daran hat sich nicht viel geändert, der Mensch, auch der, der sich als Philosoph ausgibt, bleibt bis auf weiteres ein Geheimnisträger in eigener Sache. Das aber muss auszuhalten sein.

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