Lade Inhalte...

Philosophie Nationalsozialismus Heidegger Dichter, Denker, Täter

Das „Philosophie Magazin“ legt eine sehr konstruktive, sorgsame Sonderausgabe zur NS-Zeit vor

19.01.2015 17:05
Von Dirk Pilz

Es ist nicht so, dass dieses Thema von der Forschung übersehen worden wäre. Erst im letzten Jahr erhielt die Debatte neuen Stoff – durch den prominentesten Fall, das Erscheinen von Martin Heideggers Denktagebüchern unter dem Titel „Schwarze Hefte“. Aus ihnen ist zu ersehen, dass Heideggers „geistiger Nationalsozialismus“ auf einem Antisemitismus beruht, der wesentlich zu seinem „Denken des Seins“ gehört.

Jetzt hat das „Philosophie Magazin“ die Sonderausgabe „Die Philosophen und der Nationalsozialismus“ auf den Weg gebracht. Dem „Fall Heidegger“ ist darin ein eigener Schwerpunkt gewidmet. In einem aufschlussreichen Interview berichtet Jacques Taminiaux, der Heidegger ins Französische übersetzte, von seiner Teilnahme an privaten Seminaren des meistgelesenen deutschen Philosophen im 20. Jahrhundert, von dem „Gebaren eines Propheten“ und der Arroganz Heideggers. Heidegger habe sich gewünscht, so Taminiaux, der philosophische Berater Hitlers zu werden, um die Nazi-Bewegung zu zähmen und über sich selbst hinauszuheben – das zeuge von seiner tiefen Verwurzlung im NS-Denken und „wahnhafter Selbstüberschätzung“.

Der Fall Heidegger

Hilfreich ist, dass gleich nach dem Interview die entscheidende Passage aus Karl Löwiths „Der europäische Nihilismus“ von 1940 gedruckt ist; in ihr weist Löwith früh und unmissverständlich auf die geistige Nähe Heideggers zum Nationalsozialismus hin. In einem prägnanten Aufsatz zeigt die Philosophin Sidonie Kellerer zudem, dass er sich auch nach Kriegsende nicht von der NS-Ideologie entfernt hat.

Das ist die Stärke dieser sorgsam gemachten Sonderausgabe: Nie flüchtet sie sich in verschwiemelte Sprache, nie in Begriffe, die bloßen Eindruck schinden wollen – und nie wird gottlob ein Schachteldenken bedient, das Ideen, Denker und Philosophien in festgezimmerte Kategorien pfercht.

Catherine Newmark, Philosophin an der FU Berlin und Gastherausgeberin, stellt in ihrem kurzen Editorial eine einfache, aber folgenreiche Frage: Trägt die Philosophie als Liebe zur Weisheit Mitschuld an der Entstehung der menschenverachtenden NS-Ideologie? Es gibt darauf keine abstrakte, alles und alle umfassende Antwort. Deshalb sind hier Textauszüge von Philosophen und Schriftstellern versammelt, die das gesamte Spektrum abschreiten, von dem NS-Erziehungsideologen Ernst Krieck über Leo Trotzki und Carl Schmitt bis zu Adorno, Hannah Arendt und Paul Celan.

Es findet sich ein aufrüttelndes Interview mit dem Philosophiehistoriker und Menschenrechtsexperten Hans Jörg Sandkühler über die „unheimliche Kontinuität“ der NS-Philosophen in der BRD, eines mit der Passauer Ideengeschichtlerin Barbara Zehnpfennig über die Denkungs- und Machart von Hitlers „Mein Kampf“, eines mit dem Berliner Philosophen Volker Gerhardt über die Rezeption von Nietzsche im Nationalsozialismus: ein Denker, der immer wieder vereinseitigend gelesen wurde und wird, nicht nur im Nationalsozialismus.

Dieses überaus gelungene Heft erinnert damit an die einfache, aber schwer zu fassende Tatsache, dass auch – und gerade – die Philosophie menschenverachtend werden kann, weil sie von Menschen gemacht wird, die für Ideologien anfällig bleiben.

Wenn es eine Botschaft gibt, die sich daraus ableiten ließe, dann der urphilosophische Aufruf, wachsam zu bleiben, der eigenen Weltanschauung mit Skepsis zu begegnen, sich kritisch, also distanzierend über die eigene Schulter zu schauen.

Philosophie Magazin, Sonderausgabe „Die Philosophen und der Nationalsozialismus“. Januar 2015. 98 Seiten, 9,90 Euro.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum