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Philosophie des Geldes Kein Ende der Utopie

Unsere Hoffnung heißt Schuldenmachen: Neue Bücher der Philosophen Christoph Türcke und Franco Berardi gehen der Geschichte, Gegenwart und möglichen Zukunft des Geldglaubens nach.

30.07.2015 13:47
Von Dirk Pilz
Geldpacken einer Megainflation. Foto: REUTERS

Ist Griechenland jetzt gerettet? Niemand weiß es. In Finanzfragen ist ohnehin nie etwas sicher. Entscheidend ist deshalb, was unter Rettung verstanden wird – hier kommt die Politik ins Spiel. Es gibt keine politikbefreite Finanzwirtschaft wie umgekehrt keine vom Finanzsektor losgelöste Politik. Fragt man bei der Europäischen Zentralbank oder Wolfgang Schäuble nach, was Rettung bedeuten soll, lautet die einmütige Antwort: Die Sparvorgaben müssen umgesetzt werden. Diese Vorgaben folgen jedoch einzig dem Imperativ des Marktes. Er verlangt den Abbau von Arbeitsplätzen, Sozialausgaben und staatlichen Beschränkungen – und huldigt einer Gleichgewichtsphantasie. Das Credo des Marktes lautet, am besten könne er sich regulieren, wenn er seinen Kräften überlassen wird.

Kaum ein Ökonom bestreitet, dass diese Annahmen falsch sind. Dennoch halten Politik und Finanzwirtschaft unbeirrt an ihrem neoliberalen Marktweltbild fest, allerdings weder aus Dummheit noch aus Dreistigkeit, sondern weil es gesiegt hat. Die vermeintlichen Sieger der Geschichte glauben immer die Wahrheit auf ihrer Seite.

Christoph Türcke schreibt in seiner fulminanten „Philosophie des Geldes“ hierzu: „In der Geschichte des Geldes gärt wie in aller Geschichte viel Unerledigtes. Sie ist noch für manche Überraschungen gut“. Es gärt gewaltig. Und Türcke findet einen überraschenden Grund: Der heutige Umgang mit dem Geld ist seine Wurzeln im Kult nicht losgeworden. Die Geldgeschichte hat als Opfergeschichte begonnen – die erste Zahlung war, was Zahlung immer ist: Begleichung von Schuld, am Anfang in Form von Menschenopfern.

Der Übergang zum Tieropfer, zu Edelmetallen, zu Münzen, Papier und Computerdaten: eine lange Geschichte von Ersatzhandlungen. Ihre Opferherkunft schleppt sie immer mit. Und „wer von seiner Kindheit nichts mehr wissen will, den holt sie ein.“ Auch das ist derzeit zu erleben: Der gegenwärtige Geldglaube will von seiner Geschichte nichts wissen – und wird von ihr eingeholt. Geld ist uns Heutigen heilig, mit allen Folgen, die solcher Götterglaube fordert, unbedingten Geldgehorsam zum Beispiel.

Es ist ungemein aufschlussreich, was Türcke über die Geneaologie des Geldes schreibt, der erste Teil seines Buches. Je weiter man in der Geldgeschichte zurückblicke, desto episodenhafter nehme sich der globale Kapitalismus aus, desto absurder der Glaube an seine Unabänderlichkeit. Desto naiver auch, diesem Kapitalismus einen höheren ökonomischen Realitätssinn zu unterstellen als anderen Modellen, der Sowjetwirtschaft etwa: „Als ob die marktliberalen Gleichgewichtsphantasien auch nur einen Deut weniger utopisch wären als kommunistische Zusammenbruchsphantasien.“ Besonders Marktliberale sind Utopisten, sie verkünden etwas als machbar, was unerreichbar bleibt: ein selbstregulierender Markt.

Das von der Kanzlerin gebetsmühlenartig wiederholte Dogma der „Alternativlosigkeit“ und Schäubles Dauerpredigt vom Segen der Austeritätspolitik ist deshalb derart unüberhörbar von Priestertönen durchsetzt, weil sie damit diesen Utopieglauben stärken wollen – der Unterschied zu den einstigen Verkündern eines real existierenden Sozialismus ist nicht allzu groß. Und wie damals werden alle Zweifel als „systemgefährdend“ bekämpft.

Beradi spricht von einem „kommenden Aufstand“

Dass Utopien sehr unterschiedliche Humanitätsniveaus haben können, belegt Türcke allerdings auch – ein Lob des Kommunismus findet man bei ihm genauso wenig wie Rufe zur Revolution. Globale Finanztransaktionssteuern, Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken, Schuldenschnitte – das seien keine Lösungen, aber sie helfen, vor allem den Armen. Damit ist seine Philosophie des Geldes klar politisch positioniert. Ein Plädoyer für Pragmatismus mit historischer Tiefenkenntnis.

Den Gegenentwurf liefert der italienische Philosoph Franco Berardi. Er spricht von einem „kommenden Aufstand“, der zwar nur wenig zu bejubeln habe, weil er von Rassismus und Gewalt geprägt sein werde, aber unvermeidlich sei. Interessant bei Berardi: Er diagnostiziert einen Mangel an gesellschaftlicher Phantasie – und hofft auf die Poesie. Gerade sie lehre, was phantasievolles, sensibles, mitmenschliches Handeln sei. Interessant auch, dass Berardi die moderne Kunst in ihrer Verliebtheit in alles Fragmentarische mitverantwortlich macht für einen freischwebenden Finanzmarkt, der keine Gesetze außerhalb seiner selbst duldet – und er dennoch von dieser Poesie sich Rettung verspricht. Als könne man sich selbst aus dem Sumpf ziehen.

Kann man das? Mit Christoph Türcke gesprochen, wäre das die größtmögliche Überraschung der globalen Geldgeschichte überhaupt. Sicher ist nur: Die Geldgeschichte wäre auch damit nicht zu Ende. Sie käme erst in einer Welt ohne Schuld und Schulden zum Stillstand. Eine Utopie.

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