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Philosophie Der Autonomie die Treue halten.

Die Philosophin Beate Rössler hat einen „Ein Versuch über das gelungene Leben“ vorgelegt

Freiheit
Autonomie ist ein hartnäckig gefährdeter Zustand, meint Beate Rössler. Foto: afp

Wer selbstbestimmt leben will, befindet sich in guter Gesellschaft, denn selbstbestimmt leben wollen eigentlich alle. Bei der Verwirklichung aber gibt es Hindernisse. Mal erweisen sich die eigenen Lebensumstände, höflich gesagt, als etwas sperrig, mal spielen die Mitmenschen nicht mit, von denen man womöglich schon vorher keine gute Meinung hatte, ohne sich deshalb gleich Sartres Diktum „Die Hölle, das sind die anderen“ zu eigen gemacht zu haben. Schließlich erweist sich auch der psychische Apparat, in dem unser kleines Ich eingebettet ist, gern als eigenbrötlerisch oder wird gar normsprengend, was dann einer freiheitlich orientierten Existenz grundsätzlich im Wege steht.

Von Autonomie also, nach der wir mehrheitlich streben, ist leichter zu reden, als sie in die Tat umzusetzen. Das weiß auch die in Amsterdam lehrende Philosophin Beate Rössler (Jahrgang 1958), die über dieses Thema ein ebenso anregendes wie kluges Buch geschrieben hat, das dem Leser allerdings einiges abverlangt, vor allem Geduld, da er sich einer beträchtlichen Materialfülle ausgesetzt sieht, die von der Autorin, ohne hektische Anwandlungen, gesichtet und bewertet wird.

Rössler: Autonomie erweist sich als unverzichtbar

„Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben“ heißt Rösslers Untersuchung, die auf Grundsätzliches abzielt: „Autonomie, so will ich argumentieren, hat Wert und Bedeutung für uns, weil sie konstitutiv ist für die Selbst- und für die Weltaneignung. Doch Ambivalenzen, Selbstentfremdung, die Intransparenz des eigenen Selbst, autononomieerschwerende oder verhindernde Strukturen gehören zu unserem autonom gelebten Alltag – und ebendeshalb sind wir hier mit Spannungen konfrontiert.“

Autonomie, so Rössler, erweist sich als unverzichtbar, sie behauptet sich trotz hartnäckiger Gefährdung, der immer wieder der Soll-Zustand entgegenzusetzen ist: „Wenn eine Person autonom handelt, dann weiß sie, was sie denkt, und sie weiß, was sie will; sie muss sich also selbst kennen, um selbstbestimmt handeln und leben zu können.“

Diese Voraussetzung bedeutet allerdings, dass man in einer Art Kreisgang unterwegs ist, der sich, in bestimmten, fast zwanghaft anmutenden Momentaufnahmen, als wenig autonomiefreundlich erweist, was Rössler, die den Psychoanalytiker Jonathan Lear zitiert, bekannt sein dürfte: „Das Eigenartige am Schicksal ist, dass es auf keiner Seite der Trennung zwischen Ich und Nicht-Ich richtig passt.“ Um so mehr gilt es, dem Idealbild der Autonomie, das uns, unauffällig zumeist, begleitet, die Treue zu halten; nur „das gelungene Leben“ zählt, zumindest in den Leitlinien der Hoffnungen und Zukunftsentwürfe und irgendwann dann wohl auch in der Rückschau, die wir von einer allerdings nie ganz zuverlässigen Erinnerung eingespielt bekommen: „Ich werde … von gelungenem Leben nur dann sprechen, wenn es autonom ist und darüber hinaus sinnvoll und glücklich.“

Gefahren kommen aus den Tiefen der globalen Datenströme

Ein Großteil der Zitate, die Beate Rössler anführt, entstammt literarischen Texten (u.a. von Jane Austen, Franz Kafka, Max Frisch, Siri Hustvedt). Das ist, im innerphilosophischen Diskurs, eher ungewöhnlich und verdient Anerkennung, besonders wenn Autoren benannt werden, die Literatur als Fortsetzung der Philosophie mit anderen Mitteln betreiben. Auch Iris Murdoch gehörte zu diesen Autoren; ihre Spezialität war es, listige Zweifel auszustreuen, wenn es um die „Planbarkeit des eigenen Lebens“ geht: „Und doch geschehen Menschen solche Dinge, werden Leben ruiniert, verdorben und düster und unwiderruflich zerstört, werden falsche Abzweigungen genommen und beharrlich verfolgt, und die, die nur einen Fehler machen, richten auch den Rest zugrunde, aus Wahn oder vielleicht aus Groll.“

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