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Philosophie Dem Dünkel ein Ende

Hervorragende Hilfen: Der „Grundriss Wissenschaftsphilosophie“ als Einführung in das Denken der Gegenwart.

Flamingos
Diese Flamingos sollen zu Forschungszwecken über die Evolution vermessen werden. Foto: afp

Wer an einer deutschen Universität eine naturwissenschaftliche Fakultät besucht, wird nur in seltensten Fällen zu einem philosophischen Grundlagenkurs verpflichtet. Entsprechend wenige Naturwissenschaftler haben daher ein philosophisches Gespür für ihr Geschäft – Physiker befassen sich mit Physik, Biologen mit Biologie, Geologen mit Geologie.

Noch immer sind die Vertreter solcher Fächer deshalb von der Nachricht überrascht, dass ihre vorgeblich voraussetzungsfreien Wissenschaften auf philosophischen Annahmen beruhen, die höchst strittig sind. Was physikalische Naturgesetze oder biologische Muster etwa sind, ist keineswegs eindeutig: Jeder Physiker und jeder Biologe arbeitet mit Vorannahmen, die sich aus der jeweiligen Wissenschaft heraus nicht belegen lassen, mit Behauptungen über Kausalitäts- oder Evolutionsgesetzen etwa.

Deshalb gibt es die Wissenschaftsphilosophie, seit es Wissenschaften und Philosophien gibt, ausformuliert erstmals bei Aristoteles. Und es bleibt eine sonderbare, nicht zu begründende Leerstelle, wenn die naturwissenschaftlichen Institute auf die Aufklärung durch die Philosophie verzichten. Sie scheinen zu glauben, Philosophie sei allenfalls schönes Beiwerk, ein Freizeitluxus ohne Nennwert. Der Dünkel gegenüber philosophischer Arbeit ist offenkundig institutionalisiert und hält sich entsprechend hartnäckig.

Zugleich gefällt sich aber die Philosophie – in Reaktion auf die Harthörigkeit der Fachwissenschaften – mitunter in einem belehrenden Gestus. Mit weitreichenden Auswirkungen auf das Philosophieren selbst: Die Einzelwissenschaften dienen oft lediglich als Beispielvorrat für generelle Thesen und allgemeine Theorien. Gern tritt die Philosophie demzufolge mit vorgefertigten Vorstellungen an die naturwissenschaftlichen Methoden und Modelle heran.

Der Mainzer Wissenschaftstheoretiker Meinhard Kuhlmann spricht hier von einer Fehlentwicklung, die es dringend zu korrigieren gilt. Und er tut dies in einem bemerkenswert selbstkritischen wie gründlichen Band, der einen zeitgemäßen Grundriss der Wissenschaftsphilosophie präsentiert. Ein Buch ohne Vorläufer im deutschsprachigen Raum.

Denn anders als bislang üblich basieren in ihm die philosophischen Erörterungen auf eingehenden Studien der jeweiligen Wissenschaften selbst. Es wird nicht länger über die Fachwissenschaften hinwegphilosophiert, sondern die Eigenständigkeit der jeweiligen Wissenschaften ernst genommen. Eine allgemeine, alles umfassende Wissenschaftsphilosophie bietet dieser Band nicht – weil es sie nicht (mehr) gibt. Dafür werden in fünf Abteilungen ausführlich verschiedene Wissenschaftsfelder philosophisch diskutiert, nicht nur mit Blick auf den harten Kern der Naturwissenschaften, sondern auch auf die Kognitions- oder Umweltwissenschaften, die Biomedizin oder Soziologie.

Eine Philosophie der Philosophie gibt es entsprechend genauso wie die der Ingenieurwissenschaften oder Mathematik.

Man stößt dabei auf sehr verschiedene, eben fachspezifische Fragen: Gibt es überhaupt die eine, umfassende Evolutionstheorie (oder sind es nicht mehrere, die sich widerspruchsfrei nicht ohne weiteres vereinen lassen)? Zeigen die bildgebenden Verfahren in der Neurowissenschaft das Gehirn (oder liefern sie eine Interpretation, eben eine bildgebende Deutung des Hirns)? Den einzelnen Abhandlungen der insgesamt 29 Autoren möchte man zuweilen zwar eine anschaulichere, unverkrampftere Sprache wünschen. Dennoch ist dieses Buch bestens als Einführung geeignet: in die Philosophie wie in die hier verhandelten Wissensgebiete.

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