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Philipp Stoellger Wer hat die Deutungsmacht?

Der Philosoph und Theologe Philipp Stoellger analysiert die Macht, die uns sehen lässt und fühlen macht: Ein Gespräch und ein Blick in den von Stoellger herausgegebenen Sammelband "Deutungsmacht".

13.04.2015 16:31
Von Dirk Pilz
Philipp Stoellger, Herausgeber des Bandes "Deutungsmacht". Foto: epd-bild / Norbert Neetz

Nehmen wir die Sache mit den Griechen. Es braucht Reformen, heißt es. Aber welche? Darüber wird seit Jahren gestritten. Und wer darf hier das Sagen haben? Die EU oder die Griechen? Die Kanzlerin? Oder vielleicht Journalisten? Das Volk womöglich? Es geht in der Griechenland-Debatte nicht allein um Geld und Reformen, es geht um Deutungsmacht. Um die Macht zur Deutung und die Macht einer Deutung selbst.

„Deutungsmacht ist die Macht, uns sehen zu lassen und fühlen zu machen, so oder so“, sagt Philipp Stoellger. Er sagt: Wer deutet, übt Macht aus, und wer Macht ausübt, setzt Deutungen als handlungsleitend. Deutungsprozesse sind entsprechend immer machtbesetzt – und Machtprozesse immer deutungsabhängig. Der Griechen-Streit: ein Deutungsmachtkonflikt. Es steht nicht nur der Euro und das Projekt Europa auf dem Spiel. Mit ihm wird das Wesen der Demokratie verhandelt, werden ihre Grenzen und Möglichkeiten getestet.

Gegen die Kurzatmigkeit

Philipp Stoellger, Jahrgang 1967, ist Philosoph und Theologe. Er hat in Rostock das Institut für Bildtheorie geschaffen. In Zürich war er geschäftsführender Oberassistent des Instituts für Hermeneutik und Religionsphilosophie, in Hamburg Fellow am Käte-Hamburger-Kolleg. Seit 2006 begreift er seinen Rostocker Lehrstuhl für Systematische Theologie und Religionsphilosophie als Auftrag, Geisteswissenschaft als Gesamtzusammenhang zu denken.

Er hat mehrere Angebote, an eine größere Universität zu wechseln, abgelehnt, im Sommer aber zieht er um, nach Heidelberg. Seinen Selbstanspruch, die Geisteswissenschaft aus ihrer kleinfächerigen Kurzatmigkeit zu befreien, nimmt er an seine Professur an der Theologischen Fakultät mit.

Es ist eine herrliche Herausforderung, sich mit Stoellger zum Gespräch zu treffen. Er zieht sich in keine theologischen oder philosophischen Winkel zurück, er bringt alles miteinander in Verbindung. Von der Hermeneutik zur Dekonstruktion, von der Gehirnforschung zur Ästhetiktheorie und wieder zurück: Es ist, als hätte er alles gleichzeitig im Kopf, als suche er, was die Geisteswissenschaften fatalerweise glaubten aufgeben zu können: den Über- und Unterbau menschlichen Daseins zu begreifen, das Gesamt des gesellschaftlichen und ideengeschichtlichen Netzes, das uns umgibt.

Deshalb auch „Deutungsmacht“. „Deutungsmacht“ ist ein von Stoellger geleitetes und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit gut 2,5 Millionen gefördertes Graduiertenkolleg in Rostock, eines der wenigen großen DFG-Projekte, das weder empirisch noch historisch-kritisch angelegt ist. Es ist der Versuch, die komplexen Wechselverhältnisse von Deuten und Machthaben begriffs- und ideengeschichtlich, semantisch und politisch zu ergründen, mit besonderem Blick auf religionsphilosophische Fragen.

Ein Sammelband mit Aufsätzen demonstriert, wie grundlegend diese Forschung ist; sie handeln von den Deutungsmächten in ökonomischen und rechtstheoretischen Belangen, in Bildungs- und Bürgerkriegsfragen, in Gewalt- und Gerechtigkeitsdebatten. Deutungsmacht scheint ein Phänomen zu sein, das überall zu Hause ist. Das macht dieses Vorhaben so anspruchsvoll wie problematisch. Man stößt auf grundstürzende Fragen: Ist Deutungsmacht demokratisch verfasst? Wer steuert sie, durch was wird sie kontrolliert? Welchen Zielen, Anlässen folgt sie?

Je tiefer man in die weiten Felder der Deutungsmacht vordringt, desto erstaunlicher ist, dass sie bislang kaum Thema wurde, wahrscheinlich, weil sie derart grundlegend die Welt- und Menschenverhältnisse bestimmt. Insofern ist dieses Projekt aufklärerisch im besten Sinne: Es untersucht, was das Menschsein bestimmt, was Menschen über sich wissen können, was nicht.

Stoellger hat dabei einige hilfreiche, kluge Entscheidungen getroffen. Deuten zum Beispiel nicht lediglich als subjektives Fürwahrhalten zu begreifen, sondern als das Etablieren von Geltungsansprüchen. Und Macht nicht nur als Herrschaftsmittel zu sehen, sondern auch als Ermöglichungsweise: Wer Macht hat, setzt nicht nur Grenzen, sie ist auch eine Kraft, Unmögliches möglich zu machen.

Und was ist möglich, was unmöglich? Auch das ist deutungsabhängig, wird Stoff von Deutungsmachtkonflikten. Auch das ist, zum Beispiel, am Griechenland-Streit ablesbar. Es braucht dafür allerdings ein hohes Maß an Selbstreflexion, an der Fähigkeit, über Begriffs- und Fachgrenzen hinauszudenken: Das „Deutungsmacht“-Projekt ist eine Schule, sich im Blick über die eigenen Schultern zu üben.

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