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Philip Roth: "Goodbye, Columbus" Für einen Sommer

Den Erstling von Philip Roth „Goodbye, Columbus“, jetzt in neuer Übersetzung, muss wirklich jeder Leser lesen. Er ist voller unglaublich intelligenter erzählerischer Details und legt eine souverän kontrollierte Lust am erzählerischen Experiment an den Tag.

Bildausschnitt: "Dorf im Winter mit Bauern auf dem Eis" von Jan Brueghel dem Jüngeren (1601-1678). Foto: Schloss Wilhelmshöhe Kassel

Wer zum ersten Mal das erste Buch eines schon lange bewunderten Schriftstellers aufschlägt, der sucht unweigerlich nach Anzeichen dessen, was ihn so fasziniert. Im Fall von Philip Roth sucht er die Zeichen vibrierender Wahrnehmung, gespannter Lust an Leben und Mensch, insbesondere Frau, das trickreiche Spiel mit sich selbst, die hintergründige Ironie und die wache Intelligenz dieses Autors. Er hofft, was er kennt, sozusagen noch einmal neu zu entdecken.

Der 25-jährige Philip Roth entblättert in seinem Erstlingsroman von 1959, dem kurzen, 150 Seiten langen „Goodbye, Columbus“, eine Sommerliebe. Die bezaubernde Brenda hat es ihm, beziehungsweise dem Erzähler, angetan. Man kann ihn verstehen. Schon mit dem ersten Satz verfällt man Frau und Geschichte: „Als ich Brenda das erste Mal sah, bat sie mich, ihre Brille zu halten.“ Was für ein Raum von Intimität, Arroganz und Sicht- bzw. Unsichtbarkeit öffnet sich da!

Brenda Patimkin ist schlagfertig und kommt aus dem reichen Vorort Short Hills, sie ist voller Erwartung an Liebe und Leben und – wir sind in den fünfziger Jahren – von erstaunlicher Freizügigkeit. Der Erzähler Neil Klugman dagegen stammt aus einem ärmeren Teil Newarks und arbeitet jetzt in der Stadt als Bibliothekar. Jüdisch sind sowohl Brenda als auch Neil. Einen Sommer hält das, was man vielleicht am besten eine Beziehung nennt. Woran sie zerbricht, muss jeder selbst lesen.

Die Trennung kommt

Diesen Roman muss wirklich jeder Leser lesen. Zunächst ist es so wunderbar leicht, sich in ihm wiederzufinden. Er ist voller unglaublich intelligenter erzählerischer Details. Eine spätjoyceanische Färbung zieht sich durch das Buch, eine souverän kontrollierte Lust am erzählerischen Experiment. Allein wie vieldeutig, motivkettenreich und doch beiläufig-ironisch Roth den schwergewichtigen Titel „Goodbye, Columbus“ wie von selbst aus der Erzählung entstehen lässt, zeigt das Buch als Werk eines großen Meisters.

Neben der überlegen-ironischen Intelligenz des Erzählers stehen Trennungsschmerz, Mitgefühl und kontrollierte Leidenschaft. Schon wenn Neil, ziemlich zu Anfang des Buchs, von einer Welle der Liebe zu Newark übermannt wird, spürt der Leser die kommende Trennung, die allein so intensive Gefühle und Wahrnehmungen ermöglicht.

Brenda ersetzt für einen Sommer vollständig die Welt, aus der Neil stammt. Das gibt dem Roman seine Intensität. Es sind die typischen Gefühle jener Zeit zwischen Studium und restlosem Erwachsenwerden, aus denen Roth diesen Roman erstehen lässt, wo man kein Jugendlicher mehr ist, aber auch noch nicht angekommen. Von nun an, weiß man leider zu genau, wird Neil wirklich alleine gehen müssen. Goodbye, Neil Klugman.

Mit eigenartiger Vehemenz

Sowohl Brenda als auch Neil kämpfen hartnäckig um ihre Beziehung. Sie tun das mit eigenartiger Vehemenz, als ob sie wüssten, dass sie den Kampf von vornherein verloren haben. Es geht einfach nicht. Was das ist, das nicht geht, das untersucht dieses Buch. Es ist dabei analytisch und schonungslos. Weder Brenda Patimkin noch Neil Klugman nehmen ein Blatt vor den Mund.

„Goodbye, Columbus“ ist auch ein sehr amerikanisches Buch, zwischen Highschool, Unternehmersprüchen, Familiensinn und Patriotismus. Vor allem aber besteht es aus viel, viel Sport. Es kommt aus einem Amerika, wo Schwarze noch Neger genannt wurden.

Roths große späte Romane stecken voller Alter, Sex und Judentum. „Goodbye, Columbus“ ist voller Jugend, Sex und Judentum. Wir wissen schon lange, wie unglaublich gut Roth die Spannung zwischen zwei Personen, vorzugsweise Mann und Frau, herzustellen versteht. Wer „Goodbye, Columbus“ gelesen hat, weiß, dass er es von Anfang an konnte.

„Würden Sie bitte mal meine Brille halten...“ Brenda geht, nachdem sie so etwas gesagt hat, bis ans Ende des Sprungbretts, schaut ins Schwimmbecken, und das Buch kann beginnen.

Unter den fünf frühen Geschichten, die der Band außerdem versammelt, ist vor allem noch die Erzählung „Die Bekehrung der Juden“ auf der Höhe von „Goodbye, Columbus“.

Philip Roth: Goodbye, Columbus. Aus dem Engl. von Helga Haase. Carl Hanser Verlag, München 2010, 332 Seiten, 21,50 Euro.

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