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Philip Roth Er und Newark und Amerika

Zum Tod des großen Schriftstellers Philip Roth, der unverfroren, komisch, tiefgründig um sich, seine Figuren, seine Umgebung kreiste und damit die Weltliteratur bereicherte.

Philip Roth
Philip Roth entfaltete seine Erzählungen mit Unwiderstehlichkeit. Foto: rtr

Vor allem durch seinen Roman „Verschwörung gegen Amerika“ ist Philip Roth zu einem Propheten Trumps geworden. Der Slogan „America First!“ erscheint hier bereits in Erinnerung an das isolationistische America First Committee, Roth malt auf dieser Grundlage ein faschistisches Amerika in den dreißiger Jahren.

„America First!“-Prophetie in einem historischen Roman: Das Buch spielt 1933 und erzählt eine Geschichte, die einem 2004, vor der Wiederwahl George W. Bushs, bei allem Pessimismus unwahrscheinlich vorkommen konnte. 2012, Barack Obama war Präsident und niemand dachte an Trump, zog sich Roth von der Bühne der Weltliteratur zurück. „Nemesis“ (2010), erklärte er vor sechs Jahren, sei sein letztes Buch gewesen. Nicht jeder könne für immer ergiebig sein, so Roth. Auf die natürlich zahlreichen Bitten, die Wahl Trumps einzuschätzen, ließ er sich praktisch nie ein. 

Am Dienstag ist Roth, Jahrgang 1933, im Alter von 85 Jahren in New York gestorben, wesentliche Figur in einer großartigen Phase, die der amerikanische Roman in den letzten Jahrzehnten erlebt hat, ähnlich vielleicht wie der russische Roman in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Angestoßen von William Faulkner und Saul Bellow, die 1950 und 1976 den Nobelpreis noch bekommen hatten, schrieb in den USA dann eine großartige Generation einen großartigen Roman nach dem anderen. 

Alle ohne Nobelpreis

Einige von diesen Autoren sind inzwischen verstorben. Harold Brodkey – der einige Verwandschaft mit Philip Roth hatte und der sich mit Roth darum stritt, wer der bessere jüdische amerikanische Schriftsteller sei – starb 1996. William Gaddis folgte 1998, John Updike 2009. Nun leben noch Toni Morrison, geboren 1931, Cormac McCarthy, geboren 1933, Don DeLillo, geboren 1936, Thomas Pynchon geboren 1937, Richard Ford, geboren 1944. Außer Toni Morrison, die 1993 ausgezeichnet wurde, hat keiner von ihnen bisher den Literaturnobelpreis bekommen. Philip Roth ebenfalls nicht, eine sich über lange Zeit jährlich im Oktober wiederholende Schande. 

Unter den Genannten war Philip Roth der souveränste und wahrscheinlich auch beste Erzähler, außerdem der Autor, der am offensichtlichsten um sich selbst kreiste. Roth und seine Figuren, allesamt erzählte Doppelgänger, waren von enormer Bedeutung für den Autor Roth. Was der Größe seines Werkes allerdings nicht geschadet hat. Er war der Autor – auch darin mit Harold Brodkey eng verwandt –, der immer lebendigen männlichen Sexualität und, damit verbunden, einer wachen, geschmeidigen, überlegenen Intelligenz. 

Dass er daraus immer wieder überzeugende Bilder Amerikas schuf, vor allem New Jerseys, woher er stammt, und der Ostküsten-Universitäts-Milieus, in dem er einen Teil seines Lebens verbrachte, ist für sein Werk zentral.

Vor einigen Jahren erschien bei Carl Hanser, seinem deutschen Verlag, eine Neuübersetzung des ersten Roth-Romans, „Goodbye, Columbus“. „Als ich Brenda das erste Mal sah, bat sie mich, ihre Brille zu halten“, steht dort. In diesen gleichermaßen unscheinbaren und grandiosen Worten, mit denen er 1959 sein erstes Werk beginnen ließ, steckt bereits so viel von dem, was aus ihm dann Philip Roth, den großen Schriftsteller, gemacht hat, dass man es fast nicht glauben kann. Es steckt eine Frau in diesem Satz, Brenda, die man sich ohne weiteres herablassend, selbstbewusst, attraktiv vorstellt: eine Frau, bei der Männer normalerweise schüchtern werden. Dazu der Mann, das Ich, der das Spiel aufnimmt, aufgeweckt, alles andere als schüchtern, viril, vielleicht melancholisch – ein Erotomane.

Dass der Satz auch eine versteckte Eröffnung des Spiels zwischen Leser und Autor ist, der Beginn eines literarischen Flirts, merkt man erst später, wenn man schon hoffnungslos in die Geschichte dieses Mannes, der damals Neil Klugman hieß, verstrickt ist. Woher der Eindruck sprühender Intelligenz in seiner Erzählstimme kommt, ist schwer auszumachen. Roth entfaltete seine Erzählungen mit Unwiderstehlichkeit, überraschend und notwendig zugleich, persönlich-intim und zeitgeschichtlich-weit. Die immer wieder frappierende, freche, frische Intelligenz steckt in jedem von Roth’ Büchern, auch in den misslungenen (wie „Demütigung“, 2009), sie gibt ihnen Gewandtheit und lässige Überlegenheit, analytische Schärfe und Witz. Diese Intelligenz ist arrogant, selbstbewusst und anschmiegsam genug, um sogar die Vereinigten Staaten und ihre Geschichte zu ihrem Spielball zu machen. Ginge es um osteuropäische Literatur, würde man das „Chuzpe“ nennen, aber diesem Wort fehlt die mondäne Eleganz, mit der Roth erzählte.

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