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Philip Kerr „Zehn Jahre später waren alle bei der Wehrmacht“

Der britische Schriftsteller Philip Kerr spricht im Interview über „Emil und die Detektive“ und kleine Schritte, die in der Politik zu großen Veränderungen führen.

Philip Kerr
Liest Kästner, seit er zwölf ist: Philip Kerr. Foto: ullstein bild/EFE/Alberto Estevez

Mr. Kerr, was bedeutet Ihnen Berlin?
In meinen Büchern ist Berlin wie eine Figur, ein Gefühl, eine Einstellung. Ich habe zwölf oder dreizehn Bücher um den Ex-Polizisten Bernhard Gunther geschrieben. Ich fühle mich wohl hier, seit ich 1987 zum ersten Mal in der Stadt war, ich mag sie eigentlich sogar schon, seit ich in den siebziger Jahren das Musical „Cabaret“ gesehen habe.

Den Film mit Liza Minnelli?
Genau. Der beruht ja auf einem Buch von Christopher Isherwood, „Goodbye to Berlin“. Ich interessiere mich für Berlin wie viele Engländer. Wenn Sie sich das ansehen, gibt es praktisch zwei große Buchstützen im Regal der Berlin-Romane. Die eine bildet Isherwood, der über das Leben in der Weimarer Republik schrieb, der andere große Autor steht am Ende des 20. Jahrhunderts, John Le Carré. Er erschuf diese schwarz-weiße Welt des Kalten Krieges, vielleicht die besten Spionageromane überhaupt. Ich habe mir meinen eigenen Platz dazwischen gesucht und meine Geschichten in den dreißiger Jahren und den Kriegsjahren angesiedelt. Ich mag das Dunkle an der Stadt, ihre Geheimnisse und ihren Humor.

Hat Ihre Familie irgendwelche Beziehungen zu Deutschland?
Nein, keine. Aber ich werde oft gefragt, ob ich mit Alfred Kerr verwandt sei, oder mit seiner Tochter Judith Kerr. Für mich ist es ein weiterer Pluspunkt für diese Stadt. Und wenn ich hier bin wie jetzt, sehe ich es immer noch als ein Wunder an.

Das Wunder vom Ende der Teilung?
Ja, all der Veränderungen, ich meine nicht nur die jüngsten, sondern auch den „Volksgeist“, der die Stadt erfasste in der Zeit, da meine Bücher spielen, und wie sich Berlin davon erholte.

Wir treffen uns nicht lange nach den Bundestagswahlen, haben Sie die Ergebnisse verfolgt?
Klar, ich beobachte die deutsche Politik, auch die Erfolge der AfD.

Tatsächlich wurde der Einzug der AfD in den Bundestag schon als „Machtergreifung“ kommentiert. Da scheint Ihr Kinderroman, der 1932/1933 spielt, ein Buch genau für diese Zeit zu sein. Sie zeigen, was passieren kann, in kleinen Schritten.
In kleinen Schritten, aber auch sehr schnell. Als das Buch beginnt, stellen die Nazis noch nicht die stärkste Partei.

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