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„Pfaffs Hof“ Ewige Gegenwart

Hiltrud Leenders erzählt von den sechziger Jahren, wie sie noch nie beschrieben wurden.

Hiltrud Leenders
Hiltrud Leenders lässt in „Pfaffs Hof“ die Sprache ihrer Kindheit aufleben. Foto: Philip Lethen

„Du hast bloß wieder Angst.“ Die Sätze, die Annemie zu hören kriegt, haben selten mehr als fünf Wörter, haben es aber in sich. „Was, wenn sie tot geht?“, fragt Vati, als Mutti in den Wehen liegt. Das Mädchen Annemarie Albers, anfangs acht, am Ende zehn Jahre alt, hat die Haare zu einem Krönchen zusammengesteckt und schläft nachts auf der Besucherritze. Mutti trägt Trevira und Vati riecht schlecht. Den Onkel Maaßen, der diese Anrede keiner Verwandtschaft verdankt, juckt der entzündete Beinstumpf. Willkommen in der guten alten Zeit vor 1968.

Kindern, Jugendlichen und noch jungen Erwachsenen kommt die Zeit vor ihrer Geburt wie eine Art Naturzustand vor, der schon immer andauerte. Die frühen und mittleren sechziger Jahre taugen zu dieser Illusion besonders gut. Alles, was passieren konnte, war schon passiert. Jedes Ereignis war eine Drohung. Wenn zwischen die mediale Phalanx aus Marika Kilius, Billy Mo, Farah Diba und Königin Sirikit kurz einmal die Weltgeschichte den Kopf steckte, zum Beispiel als Kennedy erschossen wurde, hieß es gleich: Hoffentlich kommt kein Krieg!

Annemie lebt mit ihren Eltern in einem neu gebauten Vertriebenendorf, aber nur am Rande, in einem alten, muffigen Bauernhaus. Kein Wirtschaftswunder weit und breit. Vati schweigt, Mutti geht ein bisschen fremd. Nur die alte Guste taugt für das Kind zum Gesprächspartner. Dass „nichts los“ war in der ewigen Gegenwart der Sechziger und wenn doch, nichts davon in den deutschen Lebensalltag durchdrang, macht es den Kindern von damals nicht leicht, von dieser Zeit zu erzählen. Alles war „normal“. Wenn nicht, dann war es „plemplem“. Nicht umsonst droht im Roman wiederholt „die Anstalt“, wo man reinkommt, wenn man „knatergek“ ist, total verrückt, und „se fliegen sieht“.

Hiltrud Leenders, Jahrgang 1955, ist mit Gedichten bekannt geworden, noch bekannter allerdings mit Krimis, die von ihrem spektakulären Plot leben. Auf „Pfaffs Hof“ ist wenig vom Krimi, umso mehr aber von den Gedichten zu spüren. Gekonnt und unaufdringlich lässt Leenders die unspektakuläre, abwiegelnde, aber subtil gewaltsame Sprache ihrer Kindheit aufleben. Begriffe wie „Widerworte“ und Phrasen wie „vor allen Leuten“, Kinder, die „dicke Schmöker lesen und die Arbeit nicht erfunden haben“, erzählen besser von den bleiernen Jahren als jedes Ereignis. Oder als jedes Accessoire: Die Glanzbilder, Steghosen und Wasserwelle leuchten nur schwach im Hintergrund. Die Spannung im Roman entsteht nicht durch gerührtes Wiedererkennen oder durch das Geschehen. Sie kommt aus der Konfrontation des heutigen Lesers mit einer vertrauten und doch fremden Sprache.

Nicht nur die Zeit, auch der Ort des Romangeschehens ist vertraut und fremd zugleich. Pfaffs Hof steht in einer wenig bekannten, leicht melancholischen Landschaft, die aber zu den sechziger Jahren perfekt zu passen scheint: am unteren Niederrhein. Man könnte weit gucken und viele schwarzbunte Kühe und viele Kopfweiden zählen, wenn es bloß nicht immer so neblig wäre. „Bott“ ist man hier, wie es auf Platt heißt, also unverstellt, brüsk oder auch plump, je nachdem, ob einem die regionale Umgangsform gefällt oder nicht. Dass einer „gewoon“ ist, schnörkellos und uneitel, ist das schönste Kompliment.

Wenn etwas originell ist am Niederrhein, dann ist es die Sprache; der Dialekt steht dem Niederländischen näher als dem Hoch- und selbst dem Niederdeutschen. Zwar spricht heute kaum noch jemand Platt. Aber noch immer macht man hier die Tür „los“ statt auf, und abends geht man „nach“ statt ins Bett. Die sprachliche Umprägung hallt nach. Wie früher das Hochdeutsche, ist heute das Platt eine halbe Fremdsprache und dient im Alltag dazu, alte Spruchweisheiten zu verkünden. Platt spricht nur Annemies Vater noch, aber niemals in der Familie, immer nur mit Freunden.

In der ereignisreichen Vorgeschichte der sechziger Jahre gibt es am Niederrhein nicht so viele überzeugte Nazis wie in vielen anderen Gegenden Deutschlands, allerdings auch keinen Widerstand, nicht einmal einen passiven. Das Schweigen ist seit der Nazizeit eingeübt. Die Rollen der gesellschaftlichen Antagonisten, wie jede noch so stille Generation sie braucht, spielen Katholiken und Evangelische. Annemarie wächst an der Frontlinie auf: Der Vater kommt aus katholischer Familie, ist zum evangelischen Glauben seiner Frau konvertiert, entgeht aber nicht den Ressentiments der anderen Seite. Auch wenn Nachgeborene so etwas kaum noch glauben wollen: Das Dorf, wo die Albers leben, wurde für evangelische Ostflüchtlinge gebaut, das Nachbardorf für katholische. Katholiken sagen Mama und Papa, Evangelische Mutti und Vati. Es lebt der Narzissmus des kleinsten Unterschieds.

So, wie Leenders es tut, ist von der späteren Nachkriegszeit noch nicht erzählt worden. Weder belehrt die Autorin, noch arbeitet sie sich an handlichen Begriffen wie dem „intergenerationellen Trauma“ ab, mit dem die jüngeren Geschwister der Achtundsechziger sich neuerdings gern ein bisschen wichtig machen. Stattdessen bringt Leenders ihren Roman zu einem grandiosen, rein erzählerischen Schluss. An der Schwelle zur Pubertät erfährt Annemarie, dass Vati Nazi war. Für ihre neue Halskette wünscht sie sich ohne viele Worte einen kleinen Davidstern als Anhänger. Annemarie setzt sich durch und hat auf einmal keine Angst mehr. Auch eine ewige Gegenwart geht einmal zu Ende.

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