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Peter Stamms "Sieben Jahre" Das bedrohliche Gefühl von Freiheit

"Sieben Jahre" ist die höchst irritierende Geschichte einer unter der Oberfläche brodelnden Krise. Peter Stamms vierter Roman ist sein bisher bestes Werk. Von Christoph Schröder

11.08.2009 00:08
Christoph Schröder
Der schweizer Schriftsteller Thomas Stamm. Foto: Ullstein

Irgend etwas stimmt nicht in der Beziehung von Sonja und Alex, dem Ich-Erzähler. Es rumort, es gärt: "Hörst du auf, andere Leute herumzukommandieren!", sagt Alex zu seiner kleinen Tochter; "von wem sie das wohl hat, sagte Sonja. Sie biss sich auf die Lippen und schaute kurz auf den Boden." Mitten hinein wirft uns Peter Stamm gleich zu Beginn seines neuen Romans in eine unter der Oberfläche brodelnde Krise, die, wie man ahnt, mehr ist als nur die einer Beziehung. In raffiniert inszenierten Rückblenden erzählt er die Vorgeschichte. "Sieben Jahre" ist ein höchst irritierendes, ja beklemmendes Buch. Peter Stamms mittlerweile vierter Roman ist wohl sein bestes Werk in einer Reihe von sehr guten.

Einen Zeitraum von knapp 20 Jahren umspannt der Roman, vom Jahr 1989 als die beiden Architekturstudenten Alex und Sonja sich in München kennen lernen, bis in die Gegenwart hinein. Ihre Auffassungen von Architektur sind diametral entgegen gesetzt: Während Sonja die klassische Moderne und deren Vision von einem sozialen Wohnen für alle schätzt, ergeht Alex sich in Gedanken zu organischen Formen, die sich quasi an ihre Bewohner heranschmiegen: "Ein Wohnraum ist vor allem ein Zufluchtsort. Er muss Schutz bieten vor dem Wetter, vor der Sonne, vor feindlichen Menschen und wilden Tieren. Sonja lachte und sagte, dann könne ich ja gleich in eine Höhle ziehen."

Was die beiden jedoch zunächst eint, ist die Herangehensweise an das, was man Lebensplanung nennt: die eigene Biografie bekommt den Charakter eines Projekts, das entwickelt und voran getrieben werden muss. Liebe ist es nicht, was sie verbindet. "Vielleicht", so überlegt Alex im Nachhinein, "funktionierte unsere Beziehung ja gerade, weil wir uns nie wirklich nähergekommen waren."

Sonja ist schön, aus konservativem Elternhaus, sexuell ein wenig verklemmt, emotional schwer bestimmbar, doch insgesamt ehrgeizig und engagiert. Eine Frau, mit der man eine Zukunft aufbauen kann, was Alex in der Indifferenz einer typischen Stamm-Figur auch tut. Ein Kind ist vorgesehen, ein Eigenheim erwünscht, doch beides kommt nicht so recht voran. So weit, so alltäglich. Doch Peter Stamm geht es in "Sieben Jahre" nicht um die Tristesse einer auf bloßes Funktionieren angelegten Paarbeziehung, nicht nur. Er erzählt auch die Geschichte einer geradezu dämonischen Besessenheit.

Eines Tages, noch zu Studentenzeiten, lernt Alex im Biergarten eine Polin kennen, Iwona, ein wenig älter als er selbst, nicht gut aussehend, nicht charmant, schon gar nicht klug, aber streng katholisch. Sie wird Alex´ Geliebte werden und auch bleiben, auf eine nicht fassbare Weise. Unvermittelt und bereits nach kurzer Zeit sagt Iwona Alex, dass sie ihn liebe, und von nun an stellt sich die Frage, wer hier Macht über wen hat. Es ist ein Geflecht von Demütigungen, Selbsterniedrigungen und Machtverhältnissen, in dem sich die Beziehung von Alex und Iwona einnistet. Und die Szenen, in denen Peter Stamm von den Begegnungen der beiden erzählt, sind schwer erträglich: "Ich schloss die Tür hinter mir und ging auf Iwona zu, die zurückwich, im Gesicht einen lauernden Ausdruck. Am Fenster konnte sie nicht weiter, und ich nahm ihre Hände und küsste sie, küsste die Handflächen und die weichen weißlichen Arme. Iwona wand sich ein wenig, dann schien sie aufzugeben und zog mich weg vom Fenster. Sie ging rückwärts und stieß gegen das Bett und legte sich hin, ohne mich aus den Augen zu lassen. Ihr Blick war leer wie der eines Tieres. Ich legte mich auf sie und küsste sie wieder und umarmte sie und tastete durch den weichen Stoff nach ihren Brüsten."

Peter Stamm gilt seit seinem Debütroman "Agnes" als ein Erzähler, der in einer kühlen, distanzierten Sprache und mit wenigen Worten Abgründe auftun kann. So groß wie in "Sieben Jahre" dürften die Abgründe noch nie gewesen sein. "Das bedrohliche Gefühl von Freiheit" ist es, das Alex anzieht und zugleich aus der Bahn wirft. Es ist, als würde man Zeuge einer neoromantischen Schauer-Liebesgeschichte im modernen Gewand (nicht umsonst gehören zu Alex" bevorzugter Lektüre Eichendorff und Poe). Fast könnte man meinen, in Iwonas Gegenwart würde Alex zu seinem eigenen Doppelgänger: "Es war, als sei ich in diesem Raum ein Anderer, als würde ich zu einem Gegenstand in Iwonas planloser Sammlung zugleich gehüteter und vernachlässigter Dinge."

Alex und Sonja, beinahe so etwas wie ein Münchener Yuppie-Paar, treiben ihre Karriere voran, Alex und Iwona bleiben auf eine merkwürdige Weise miteinander verbunden. Als Sonja auf besonders verstörende Weise hineingezogen wird, erträgt sie es scheinbar ungerührt, und Peter Stamm erzählt davon in seiner wunderbar klaren Sprache, die dennoch immer wieder durchlässig ist für das bedrohliche Potenzial ihrer Geschichte, noch dazu und teuflischerweise aus der Perspektive von Alex, als könne all das gar nicht anders sein, als unterliege es einem unverrückbaren Naturgesetz. So variabel in Zeit- und Raumebenen, so vielschichtig in den Motiven, so doppelbödig im Wechselspiel von Banalem und Bedeutsamen ist Peter Stamm noch nie gewesen wie in diesem hervorragenden Buch.

Peter Stamm: Sieben Jahre. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, 298 Seiten, 18,95 Euro.

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