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Peter Sloterdijk Der umstürzlerische Philosophie-Umschreiber

Nur wer den Überblick verliert, sieht Ungewöhnliches: dem philosophischen Meisterlehrer Peter Sloterdijk zum 70. Geburtstag.

Peter Sloterdijk
Peter Sloterdijk, 2016. Foto: dpa

Ob dieser Denker selbst noch überschaut, was er seinen zahlreichen Lesern an waghalsigen Thesen vorgelegt hat? Nehmen wir diesen Gedanken zum Beispiel: Immer schon seien die Menschen Schwebewesen, nämlich von geteilten Stimmungen und gemeinsamen Annahmen abhängig. Der Mensch: ein Blasenbewohner, vernebelt von Illusionen, umhüllt von unverstandenen Ideen. Das ist die These des dreibändigen „Sphären“-Werkes, mit dem der umstürzlerische Philosophie-Umschreiber Peter Sloterdijk im wilden Ritt durch die europäische Ideengeschichte zu belegen versucht, dass für die menschliche Existenz In-der-Welt-Sein stets bedeutet, in nichts als instabilen Sphären, in mentalen, psychohistorischen, geistesgeschichtlichen Räumen zu verweilen.

Man darf dieses Unterfangen mit Recht als gescheitert betrachten, aber wie anregend sind die schlingernden Überlegungen zum „mobilisierten Raumselbst“ oder zum „Immunparadoxon sesshafter Kulturen“! Es gehört zum Besten der Sloterdijk-Lektüren, dass man auf Ideen kommt, von deren Existenz man nicht zu ahnen gehofft hatte. Dass man Gedanken denkt, die sich kaum begreifen lassen. Der Leser kann sich dabei in schöner Eintracht mit dem Vor-Denker Sloterdijk wissen: Zum Philosophieren gehört bei diesem in Karlsruhe geborenen und an der dortigen Hochschule für Gestaltung lehrenden Schnellschreiber die Selbstüberforderung – nur wer den Überblick verliert, sieht Ungewöhnliches.

Nur wer den Überblick verliert, sieht Ungewöhnliches

Das hat für Sloterdijk stets bedeutet, im Stile des allwissenden Verkünders aufzutreten. „Der Mensch ist das Tier, dem man die Lage erklären muss“, beginnt er eines seiner jüngeren Bücher, „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“. Nie hat er daran gezweifelt, dass er zum Lage-Erklärer berufen sei. „Sämtliche gängige Diskurse“, schreibt er in „Sphären“, seien in „lähmender Harmlosigkeit“ verfangen. Es brauche einen wie ihn, um den „sterbenden Baum der Philosophie noch einmal blühen“ zu lassen, und zwar durch schonungslose „Lagebesprechung“ der Gegenwart. Gern zitiert er deshalb Erich Kästner: „Ich will nicht reden, wie die Dinge liegen. / Ich will dir zeigen, wie die Sache steht“.      

Zu seiner Gegenwart gehören dabei vor allem die Schriften von Konkurrenzdenkern, die er sich „zur Prüfung“ vorlegt, am schönsten, auch lustigsten in seinen tagebuchartigen „Notizen“ aus den Jahren 2008 bis 2011. Über weite Strecken liest man hier knackige Kurzreferate voller polemischer Volten. Überhaupt scheint für ihn nur beachtenswert, was sich zu Pointen verarbeiten lässt, von der „Popmusikpisse aus dem Bordlautsprecher“ im Flugzeug bis zum Tod von Peter Zadek, was ihm Anlass ist, das Theater zur „Kaff-Kunst“ zu erklären. Von hoher komödiantischer Qualität sind die eingestreuten Selbstbeschreibungen: „Beruf: Oligarchenseelsorger“. „Luxurologe“. „Brainfood-Berater“.

Von seinem ersten großen Werk, der zweibändigen „Kritik der zynischen Vernunft“ (1983), bis zu seinem jüngsten, der eben erschienenen Aufsatzsammlung „Nach Gott“ hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die angeblich erschöpfte „alteuropäische Denk- und Lebensform Philosophie“ neu zu schreiben, um sie im Sloterdijkschen Metapherngewand als Sphärologie, Biosophie oder Allgemeine Immunologie wieder auferstehen zu lassen. Immer sei er dabei getrieben von einer „Sorge um das Ganze“, wie es in „Du musst dein Leben ändern“ (2009) heißt, seinem vieldiskutierten Großessay über Religion als Anthropotechnik.

Das Ganze: kleiner denkt Sloterdijk nie. Nirgends kommt sein Selbstanspruch besser zum Ausdruck als im Titel einer „Designstudie“: „Der Welt über die Straße helfen“. Er sieht sich durchweg als Erlöser aus Missverständnis, als Messias einer kommenden Denkbefreiung von falschen Göttern. „Die Philosophen haben den Gesellschaften nur verschieden geschmeichelt“, heißt es entsprechend in seiner Schrift „Die Verachtung der Massen“ (2000), es komme aber darauf an, „sie zu provozieren“. Denn wir alle bedürfen einer grundlegenden Umschulung, auf dass uns endlich die „metaphysischen Mucken“ ausgetrieben würden, all jene schlechten Gewohnheiten des Denkens und Fühlens, die noch immer dem Gespenst der Religion am Rockzipfel hängen. Sloterdijk betreibt, wie er sagt, „säkulare Missionswissenschaft“: Philosophie ist für ihn Überlebenstraining, daher auch seine Vorliebe für Kriegsmetaphern und eine Feldherren-Sprache, die den Leser zum Empfänger von Imperativen macht.

Als bloße Rhetorik will dieses Denken aber nicht verstanden werden. Mit seinen vor sieben Jahren vorgelegten Thesen zur „Revolution der gebenden Hand“ über eine neue Steuerpolitik plädierte er für eine handfeste Umverteilung nach oben. Mit seinem Band „Was geschah im 20. Jahrhundert?“ reihte er sich vergangenes Jahr unter die Stammtischpolterer, indem er mit Blick auf die Merkelsche Flüchtlingspolitik glaubte anmerken zu müssen, die deutsche Regierung habe sich „in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung preisgegeben“. Zugleich aber hat er gerade mit diesem Buch eindrücklich dargelegt, dass einer der Gründe für die weltweiten Migrationsbewegungen „in der imperialistischen und kolonialistischen Einseitigkeit“ Europas liege. Sloterdijk hat seine Philosophie ein „Denken wie im freien Fall“ genannt – die Abstürze und Verirrungen sind offenbar eingepreist.

Sloterdijk als Stammtischpolterer

In „Nach Gott“, größtenteils eine Wiedervorlage älterer Texte, finden sich etwa einige aufschlussreiche Anmerkungen über Luther und die Reformation als „Schema der konservativen Revolution“ – und als „Regression mit progressiven Folgen“. Die tieferen Zusammenhängen solcher Widersprüche berührt er nicht, wie immer ist ihm auch an „polemischer Simplifikation“ gelegen: Luther predigte einen christlichen Salafismus!

Nichts charakterisiert treffender seine Grundhaltung zur Mitwelt als ein Tagebucheintrag vom 20. August 2009, notiert in Bad Aussee: „Mit dem Wagen durch Täler und Dörfer, an die das Gefühl spontan Höchstnoten verteilt.“ In der Disziplin des Notenverteilens ist er ohne Frage der Meister aus Deutschland. Vor Sloterdijks Lehrertisch müssen entsprechend alle das Verdikt fürchten, als versetzungsgefährdet zu gelten, die seinen Lehrsätzen nicht willens oder fähig sind, Folge zu leisten. Dass es vom Volkshochschullehrer Sloterdijk aber viel zu lernen gibt, steht außer Zweifel. Heute wird dieser Scharf-Denker 70 junge Jahre alt. Wir gratulieren.

Peter Sloterdijk: Nach Gott. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 364 S., 28 Euro.

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