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Péter Nádas „Ich bin kein wirklicher Fehlschlag“

Der ungarische Schriftsteller Péter Nádas spricht im Interview über seine Memoiren „Aufleuchtende Details“, über die Bedeutung der Musik für sein Schreiben, die Auflösung des Ich, den Geburtskanal, das Licht am Ende des Tunnels und das Universum.

Péter Nádas
Das Universum: Péter Nádas beim FR-Gespräch im Frankfurter Hof. Foto: Renate Hoyer

Wir lieben das?
Wir lieben es, zerfetzt zu werden. Als ich den 60er Jahren in einem Neubauviertel, zwischen Betonwänden wieder und wieder Wagner hörte, wollte ich raus aus meiner Haut. Wagner war mein Raumtransporter.

In voller Lautstärke?
Es gab Nachbarn, die morgens um vier Uhr aufstehen mussten, um zur Arbeit zu gehen. Sie furzten so laut, dass ich es auf der anderen Seite der Wand hören konnte. Da wollte ich nicht mit Wagner dagegenhalten. Einen Kopfhörer hatte ich damals noch nicht. Aber Wagner kann man natürlich nicht leise hören.

Das Ich ist leicht zu zerreißen.
Wir haben eine positive Eigenschaft: Empathie. Das ist die Fähigkeit, aus mir herauszugehen und mich für andere zu interessieren.

Das ist es, was ein Autor macht?
Die nicht-egoistischen Autoren machen das. Die egoistischen ziehen alles in sich hinein. Alles spielt sich in ihnen ab. Die nicht-egoistischen Autoren dagegen gehen in alle möglichen Richtungen und ermöglichen das damit auch den Lesern.

Wir sind, zeigt das Buch, nicht nur wir selbst.
Jedes Ich ist ein Wir. Der Ich-Inhalt einer Person ist winzig. Wenn Sie an die Sprache denken, wird Ihnen klar, wie klein die Rolle des Ich ist. Sprache ist etwas Gemeinsames.

Ich saß einmal vor dem Fernsehapparat und merkte, dass ich dasaß wie meine verstorbene Mutter. Das war ein großer Schreck.
Als junger Mann erkannte ich in mir meine Mutter, als ich vierzig Jahre alt war, meinen Vater. Jetzt meine verhasste Großmutter. Ich konnte sie nicht ausstehen. Jetzt bin ich sie.

Meinen Schreck fand ich in Ihrem Buch nicht.
Vielleicht fehlt er wirklich darin. Ich war wohl zu sehr eingenommen von der Aufgabe, dieser individualistisch eingestellten Gegenwart zu zeigen, dass jedes Ich ein Wir ist. Jeder sagt, er sei ein Individuum und doch tragen wir alle – wie auch ich gerade – Jeans, eine Uniform. Aber es ist natürlich auch eine Freude, zu sehen, was alles von anderen in unseren sich so besonders fühlenden Ichs steckt. Darunter gibt es uralte Schichten, über die wir kaum etwas wissen und meist auch nichts wissen wollen: Ausbrüche der Grausamkeit, der Verrücktheit.

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