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Peter Handke „Ich weiß, wie dumm ich bin“

Neue Aufzeichnungen von Peter Handke unter dem handkeesken Titel „Vor der Baumschattenwand nachts“: Nichts Konkretes zu Politik oder Preisverleihungen in diesen Jahren. Wohl aber zu Biene, Eichelhäher und Zitronenfalter.

17.05.2016 15:49
Martin Oehlen
Peter Handke bei einem Auftritt. Foto: AFP

Tagebucheintragungen – so kategorisiert der Verlag Jung und Jung die neuesten Notate von Peter Handke (73), die er unter dem echt handkeesken Titel „Vor der Baumschattenwand nachts“ veröffentlicht. Tatsächlich handelt es sich eher um ein Arbeitsjournal aus den Jahren 2007 bis 2015. Das ist reich an spröden, erhabenen, feinsinnigen, klugen und auch einmal banalen Einlassungen – und ist trotz oder wegen der literarischen High-End-Sensibilität des Autors ein reizvoll forderndes Lese-Vergnügen.

Dabei fällt auf, dass kein Füllhorn des Verdrusses ausgeschüttet wird, sondern dass der Autor sich an vielerlei erfreuen kann – und sei es gar so unscheinbar wie ein ferner Hahnenschrei. Womöglich ist das die Frucht der Erkenntnis, die er einmal benennt: „Sich nicht freuen können: eine Art Dummheit (jedenfalls immer wieder die meine)“.

Handkes Aufzeichnungen, Pointen und Aphorismen, oft nur ein, zwei Zeilen lang, zielen zumeist auf Sprache und Literatur. Mit großer Hartnäckigkeit klopft er Worte ab, horcht er Redewendungen nach, spiegelt er sein Werk, stellt er Schreib-Regeln auf und probiert er Formulierungen aus: „Adjektiv für die Schwünge der Amseln über die Büsche: ,delphinesk‘“.

Er gibt Lesefrüchte preis und benennt seine (wohl nicht nur saisonalen) Lieblingsautoren. Darunter: Ilse Aichinger, Ibn Arabi, George Bernanos, Goethe („Alles an ihm, um ihn herum, geht mich an“), Gerhard Meier, Joyce, Arno Schmidt, Walker Percy, und „Kafka ist nicht gestorben“. Eine Neigung zum Seriellen lugt aus diversen Rubriken. So versammelt er unter dem Stichwort „Und“ Wort- und Satz-Kombinationen, deren Witz und Triftigkeit oft rätselhaft bleiben.

Einiges bleibt obskur, anderes ist geradezu volksnah

Aber das erwartet man geradezu von einer Handke-Lektüre, dass sich manche Türe nur schwer öffnen lässt. Einige rare Stellen kann sich zwar gleich schenken, wer nicht des Griechischen mächtig ist. Und anderes bleibt auch nach mehrmaliger Prüfung obskur. Dann aber gibt sich Handke geradezu volksnah.

Nichts Konkretes zu Politik oder Preisverleihungen in diesen Jahren. Wohl aber zu Biene, Eichelhäher und Zitronenfalter. Mehr noch zur Befindlichkeit: „Fortschritt im Alter: Ich weiß, wie dumm ich bin“. Oder zu einem Bedürfnis: „Eine Art Luxus: Ich werde in Ruhe gelassen.“ Und wie hält er es mit der Religion? „Mehr an Gebet ist nicht in mir als ein zeitweiliges ,Gott, wie schön!‘?“

Das Fragezeichen, das hier den Satz beendet, setzt er oft ein und weist den Behutsamen, den Spitzfindigen aus. Es steht auch am Ende einer anrührenden Passage: „Ich weiß immer noch zu wenig vom Leben des Geistes, viel zu wenig, viel, viel zu wenig. Und bald wird er schließen, der Tempel des Geistes?“ Das Vergänglichkeits-Thema findet sich in diesem Buch, dem einige Zeichnungen des Autors beigefügt sind, auch in einer amüsanten Variante: „Keiner fragt mich mehr, wie es mir geht. Bin ich denn schon unsterblich?“ Handke, eher heiter, das hat was.

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