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Peter Handke An solchen Tagen pflanzt er Kopfsalat

Peter Handke stellt bei Suhrkamp am Nikolassee den sorbischen Dichter Kito Lorenc vor.

Die späte Sonne versetzte den Galerieraum der Suhrkamp-Villa am Nikolassee in eine milde Abendstimmung, die als Effekt einer besonders raffiniert gesetzten Lichtdramaturgie anmutete. Lyrik im Zwielicht. Die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz hatte dazu niemand Geringeren geladen als Peter Handke, dem es oblag, den Band 1476 der Bibliothek Suhrkamp vorzustellen. Eine Herzensangelegenheit von Dichter zu Dichter, Handke war mit dem 2017 verstorbenen sorbischen Schriftsteller Kito Lorenc befreundet, zu der kleinen Sammlung von Lorenc’ Gedichten hat Handke aus Anlass von dessen 75. Geburtstag ein Vorwort beigesteuert.

Eine sympathisch-schrullige Vorrede war es denn auch, die Peter Handke seiner kurzen Lesung von Kito Lorenc’ Gedichten an diesem Abend vorausschickte, Anmerkungen über poetisches Ahnen, Gedanken über das Unterlassen, bisweilen auch das kunstvolle Weglassen von Worten, die die lyrische Struktur nur beschädigt hätten.

Kito Lorenc, 1938 in Schleife in der Oberlausitz in einer deutsch-sorbischen Familie geboren, hatte im Jahr 1961 mit Gedichten in der von den Nazis bedrängten, von der DDR gepflegten Sprache debütiert und veröffentlichte seither in Sorbisch und Deutsch. Er zählte Johannes Bobrowski zu seinen Freunden, die Lyrikern Elke Erb war über viele Jahre eine Freundin und Nachbarin.

Peter Handke erwies dem Kollegen und dessen anwesender Ehefrau Elke Lorenc nicht nur ehrwürdige Reverenz, sondern trug die witzig-kunstvollen Wortgebilde auch mit spürbarer Empathie vor. Einmal unterbrach Handke seinen Vortrag, um dem Publikum nicht vorzuenthalten, was er aus dem Klang der Worte meinte vernommen zu haben. Lyrikabende sind stets auch seltene Heiligungen des gesprochenen Wortes, obwohl die in großer Leichtigkeit daherkommenden Werke von Kito Lorenc gerade durch ihre lakonische Bodenständigkeit faszinieren. Das Sorbische sei dem Slowenischen ähnlich, hob Handke zum ambitionierten Kulturvergleich an und fiel sich gleich wieder damit ins Wort, dass derlei Analogien unsinnig seien.

Man hätte noch eine Weile zuhören können, aber schon wurde die derart eingestimmte Gesellschaft zum Gartenempfang entlassen, die beim Auszug ins Freie dem Betriebsausflug der Belegschaft eines Literaturmuseums glich. Claus Peymann traf auf B. K. Tragelehn, und die durch Sybille Lewitscharoff und Thomas Meinecke vertretene mittlere Suhrkamp-Generation betrachtete das Geschehen von ihren sehr weit auseinanderliegenden Diskursenden.

Der Alltag des Dichters sieht natürlich ganz anders aus, wie ein Gedichtanfang von Kito Lorenc belegt: „Wieder einmal vor meinen Reclambändchen gestanden / die ich vielleicht nie alle lesen werde / schon gar nicht an solchen Tagen wie heute / wo ich Kopfsalat gepflanzt habe“.

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