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Peter Härtling Das Buch vom Ende des Lebens

Der letzte Roman von Peter Härtling ist jetzt unter dem Titel „Der Gedankenspieler“ erschienen und erzählt von einem Mann, der stirbt.

Peter Härtling wird 75
Peter Härtling 2001 in Berlin. Foto: akg-images GmbH (akg)

Als Peter Härtling im Juli 2017 im Alter von 83 Jahren starb, war der neue, nun letzte Roman weitgehend fertig. Sein Lektor Olaf Petersenn berichtet im Nachwort, wie er und die Witwe, Mechthild Härtling, vorsichtig letzte Hand anlegten. Während Petersenn das beschreibt, ist es schwierig, sich nicht vorzustellen, wie Härtling sich selbst für diese Vorgänge interessierte, für sein jahrzehntelang betriebenes Metier: die allmähliche Verfertigung von Büchern beim planvollen und geduldigen Weiter-daran-Arbeiten. Das Leben der Menschen, die gerne arbeiten, ist voller Akribie.

Auch Johannes Wenger, ein modifiziertes Alter ego des Autors, hat im Leben einiges geschrieben. Er ist Architekt und vor allem ein erfolgreicher Architekturkritiker. Während des Romans nimmt er noch kleinere Aufträge an – unter anderem bittet eine Fachzeitschrift um einen Artikel über die berühmte neue Altstadt von Frankfurt. Die Arbeit fällt Wenger jetzt schwer, nicht nur, weil ihn die neue Altstadt befremdet, sondern auch, weil er sich nicht gut bewegen kann. Es ist nicht so, dass Härtling uns stetig daran erinnert, dass „Der Gedankenspieler“ ein Buch über einen Sterbenden ist. Der nicht mehr gut, der überhaupt nicht mehr gut funktionierende Körper aber macht Wenger zu einem Gefangenen seiner selbst. So beschreibt es Wenger, ein Mensch, der um Worte nicht verlegen ist.

Johannes Wenger, 83, wohnhaft in der Wolfsgangstraße in Frankfurt, alleinstehend (also wirklich ein anderes Ich), ist unglücklich gestürzt und seither auf Pflege und Hilfe angewiesen. „Seit zwei Monaten saß er fest.“ Dass er zugleich „eine Industrie in Bewegung gesetzt“ hat – was Apparaturen rund um den Hinfälligen betrifft –, dokumentiert: Sein Sinn für die kuriosen Seiten eines Dramas ist nicht eingeschränkt. Härtling beschreibt auch sehr fein: Der Mensch nimmt das Drama an sich selbst nicht so deutlich wahr, wie die allgemeine Larmoyanz glauben lässt. Der Tod schleicht sich heran. Er hat alle Zeit der Welt.

Die leise Verlegenheit im Umgang mit mehr oder weniger professionellen Helferinnen und Helfern, das Leiden unter der Abhängigkeit, die Gleichgültigkeit, aber auch die freundlichen Angebote seitens einer Welt, in der die Leute arbeiten, ihren Freizeitvergnügen nachgehen, halt leben: Peter Härtling ist als Schriftsteller und auch als Gedankenspieler keineswegs darauf angewiesen, selbst erlebt zu haben, was er erzählt, aber dass diese Geschichte aus den Untiefen existenzieller Erfahrungen kommt, gibt dem Buch beiläufig eine markerschütternde Zeugnishaftigkeit. Auf einer letzten Urlaubsreise mit einer lieben Ersatzfamilie betrachtet Wenger sardonisch „das Leben, das mich auszustoßen droht. Ein Satz, den Herr Paul mit einem dürftigen Na ja kommentierte“. Herr Paul ist ein märchenhaft vorzüglicher Pfleger – es gibt märchenhaft vorzügliche Pfleger –, die liebe Ersatzfamilie gehört zu dem „Hausarzt, späten Freund und Behüter“ Mailänder.

Denn das Leben ist erst vorbei, wenn es vorbei ist. Dramaturgisch elegant – Leserin und Leser regelrecht einsaugend, verwickelnd – erzählt „Der Gedankenspieler“ allerlei und doch ein kontinuierliches furchtbares Bergab. Diese Werte stimmen nicht und jene, und die Dialyse steht vor der Tür, und Wenger sträubt sich, bis es nichts mehr zum Sträuben gibt. Eine Entgiftung schildert Härtling mit aller Wucht und Detailliertheit einschlägiger Krankenhauserfahrung. Zum „Greisenembryo“ rollt Wenger sich im Krankenhaus zusammen, er kennt das schon. Sprachlich trotzdem nie aufdringlich zu wirken, unserer Vorstellungskraft ein Stück zu überlassen, war immer eine Stärke des Autors Härtling.

Wenger baut auch Mist, betrinkt sich lebensgefährlich, muss von Passanten nach Hause gerollt werden. Ein betrunkener Rollstuhlfahrer auf dem Oeder Weg: Härtling erfasst vorzüglich die Mixtur aus anonymer Großstadt und dörflichen Überresten. In Frankfurter Stadtteilen weiß man zuweilen durchaus, wo die auffälligen Figuren auf der Gass ihre Eingangstür haben.

Wenger ist ein vielfältig interessierter, härtlingisch belesener Mann, die liebe Ersatzfamilie – Mailänder, seine sympathische Frau und deren aufgeweckte kleine Tochter – sorgt für Ablenkung und Anschluss. Auch die Ersatzfamilie ist märchenhaft und doch denkbar, wie es sich für ein Märchen gehört. Zwischendurch verreist Mailänder und ist dann wieder da. Wenger will ihn nicht vermisst haben. „Er mühte sich, seine Freude nicht zu zeigen, lässig und unangefochten zu bleiben.“

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