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Paula Hawkins Verdrängt, vergessen, verleugnet

„Into the Water“: der komplexe neue Thriller von Paula Hawkins, die mit „Girl on the Train“ bekannt wurde.

Paula Hawkins
Autorin Paula Hawkins. Foto: Alisa Connan

Das zweite Buch, so heißt es, sei das schwerste. Das mag sich auch Paula Hawkins gedacht haben und ließ mehr als zwei Jahre verstreichen, ehe sie ihren zweiten Kriminalroman „Into the Water“ auf den Markt brachte. 2015 sorgte die britische Autorin mit ihrem Debüt „Girl on the Train“ für einen Überraschungserfolg. Die Geschichte der trinkfreudigen, frisch geschiedenen Rachel, die täglich mit dem Zug nach London fährt und dabei einem Mord auf die Spur kommt, verkaufte sich weltweit millionenfach. 2016 wurde der Roman mit Emily Blunt in der Hauptrolle verfilmt.

„Into the Water“ hat auf den ersten Blick wenig mit dem Vorgängerbuch von Paula Hawkins zu tun. Die Erzählform ist zwar ähnlich, doch weitaus elaborierter als in „Girl on the Train“: Es gibt sechs Ich-Erzähler und mehrere neutrale Erzählstimmen. „Ich mag die Einsichten, die einem der Wechsel der Perspektive beschert“, sagt Paula Hawkins in einem Interview. „Indem wir ein und dasselbe Ereignis durch die Augen unterschiedlicher Charaktere betrachten, verändert sich unser Verständnis, und es ermöglicht uns ein umfassenderes Bild dessen, was geschehen ist.“

Die Handlung des Romans spielt im fiktiven Dörfchen Beckford irgendwo in der englischen Provinz. Hier soll sich Nell Abbott eines Nachts von einem Felsen in den Fluss gestürzt haben. Schon einige Monate zuvor ist ein junges Mädchen im berüchtigten Drowning Pool zu Tode gekommen: Katie, die beste Freundin von Nell Abbots 15-jähriger Tochter Lena.

Nells Schwester Jules reist nach Beckford, um die Beerdigung zu organisieren und sich um ihre Nichte zu kümmern. Gern tut sie das nicht. Jules hat nicht vergessen, wie schlecht die drei Jahre ältere Nell sie in ihrer Kindheit und Jugend behandelt hat. Seit Jahren hat sie nicht mehr mit der Schwester gesprochen, einen letzten, drängenden Anruf kurz vor deren Tod ignoriert.

Doch Erinnerungen sind mitunter trügerisch – das musste schon Rachel schmerzhaft erfahren. Wie in „Girl on the Train“ spielt auch in diesem Roman die Unzuverlässigkeit des menschlichen Erinnerungsvermögens die Hauptrolle. Da wird nach Kräften verdrängt, vergessen und verleugnet, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Denn nicht nur Jules – jeder in diesem Roman trägt ein Geheimnis im Herzen, das ihm die Sicht auf die Wahrheit erschwert: Lena, die sich die Schuld am Tod ihrer Freundin Katie gibt. Der Ermittler Sean Townsend, der bis heute schwer am Selbstmord seiner Mutter trägt. Die alte Nickie, die mit den Toten spricht und mehr weiß, als gut für sie ist.

Keine Frage – einfach ist es nicht, sich in dem komplizierten Geflecht subjektiver Wahrnehmungen zurechtzufinden, und es dauert eine Weile, bis man weiß, wer welche Rolle spielt in diesem Drama. Doch dranbleiben lohnt sich. Paula Hawkins ist eine gewiefte und kluge Erzählerin. Aus vielen scheinbar ungeordneten Puzzleteilen hat sie eine komplexe und hochspannende Geschichte entwickelt.

Paula Hawkins: Into The Water. Roman. Aus dem Englischen von Christoph Göhler. Blanvalet, München 2017. 480 Seiten, 14,99 Euro.

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