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Paul Boldt Gedichte Wilde Pferde am Kurfürstendamm

Bevor die Spuren ganz verwehen: Vor 100 Jahren erschien der einzige Gedichtband von Paul Boldt, der seiner Heimat jede Seligkeit raubte.

„Wie ein Pferd“, so Kurt Hiller, soll auch der Dichter Paul Boldt ausgesehen haben. Es gibt kein Foto und keinen Menschen mehr, der ihn beschreiben könnte. Foto: REUTERS

Jenny Horst ist am 23. Januar 1948 gestorben. Seitdem fehlt ein Koffer. Ein unscheinbares Gepäckstück, das die heillose Flucht von Westpreußen nach Thüringen unbeschadet überstanden und in dem sich der Nachlass eines Dichters befunden hat. Briefe, Texte, wohl auch Fotografien.

Nach dem Tod von Jenny Horst im Altenheim von Gehren darf die Hinterlassenschaft als verschollen gelten. Heute lebt niemand mehr, der Paul Boldt beschreiben könnte. Kein Bildnis hat sich erhalten, kaum Handschriftliches.

Das Überlieferte ist überschaubar, schnell gelesen: 85 Gedichte, zwei Prosa-Miniaturen, sechs Postkarten aus dem Jahre 1913. Das Wenige aber ist von elementarer Kraft, explosiv.

Vor hundert Jahren erschien der einzige Lyrikband des am Silvestertag 1885 geborenen Paul Boldt. „Junge Pferde! Junge Pferde!“ wurde von Kurt Wolff als elfter Band in der Reihe „Der jüngste Tag“ herausgegeben und machte den Verfasser schlagartig bekannt.

Was den Titel spendet, wurde zum Signalement des deutschen Expressionismus. „Wer die blühenden Wiesen kennt/Und die hingetragene Herde,/Die, das Maul am Winde, rennt;/Junge Pferde! Junge Pferde!//Über Gräben, Gräserstoppel/Und entlang der Rotdornhecken/Weht der Trab der scheuen Koppel,/Füchse, Braune, Schimmel, Schecken!“

„Wie ein Pferd“ – so Kurt Hiller – soll der Mann ausgesehen haben, der in Salons zusammen mit Benn, Lichtenstein oder Wetzel gelesen, in der Wochenschrift „Die Aktion“ für einiges Aufsehen gesorgt hat. Dies alles geschieht in Berlin, seinem Schicksalsort. Er schreibt von „der Erde weiße Blume, Berlin“ – aber auch vom „Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll“, dem „Menschenmüll“.

Dort, in der Hauptstadt des wilhelminischen Deutschland, findet Boldt zu einem Selbstporträt von ungeschönter Drastik: „Jüdinnen, – die ich liebte, ein Barbar,/Im Blut Unwetter und den wilden Norden.“ Nicht ohne Grund trägt das zugehörige Poem die „Linden“ im Titel. Linden umgürten das väterliche Gutshaus, im „Lindenzimmer“ wohnt er während der Semesterferien.

Naturfixiertheit, Metropolraserei

Es ist diese Kombination aus Naturfixiertheit und hemmungsloser Metropolraserei, die seine Poesie bis heute zu einem Erlebnis macht. Paul Boldt ist im westlichen Preußen aufgewachsen, Heimat der Balten, Kuren, Prußen, Kaschuben. Die Familie bewirtschaftet zunächst ein Gut in Christfelde, an der Weichsel. 200 Menschen leben in der Landgemeinde, eine Fähre gibt es, auch die „Neukolonie“.

Erinnerungen, die das Oeuvre grundieren – eines der schönsten Gedichte gilt dem nahen Fluss: „Russische Flöße in den Abend ragend. / Die fremden Weiber, die am Feuer sitzen, / Bewirten mich: Schnaps und gestohlener Speck.//Wir ankern und die Alten bleiben weg./Die Völlerei. Aus grausamen Antlitzen/Blitzt unser Blick, ins Weiberlachen schlagend.“

Das ist nicht weit entfernt von Ossip Mandelstam, der zeitgleich ähnliche Stimmungen schafft („Diebsvolk, nachts, in der Spelunke./Brettspiel. Dieser, jener Stein./Eierspeise. Mönche, trunken./Leergebechert ist der Wein“). Misstrauen, Unruhe inmitten von Gier und Geilheit. Eine Erfahrung, die in dem auf einen Weltkrieg zusteuernden Berlin ihre Entsprechung findet.

Paul Boldt, nach wenigen Semestern in München und Marburg als 21-Jähriger zur Friedrich-Wilhelm-Universität gekommen, bricht die Studien schließlich ab. 21 Gedichte erscheinen 1912, das Dichter-Sein nimmt Fahrt auf. Rätselhaft wie sein Leben sind auch Beginn und Ende der literarischen Passion: Sechs Jahre währt die Schaffensphase, das letzte im August 1918 gedruckte Gedicht ist „Der Leib“ überschrieben. „Das steigt herab. Das will herab ins All“ lautet die Schlusszeile.

Sechs gesteigerte Jahre, gewidmet dem Leiblichen, der Verdichtung. Ungeheures ist entstanden. „Geh in die Leipzigerstraße! Geh ins Freie! / Schön ist die Wollust! Gott ein guter Junge. / Die Dirnen sommern brünstiger als Haie!“

Kaum einer hat hierzulande blut- und kunstvoller dem Eros gesungen. Lust und Elend prägen das Werk ebenso wie die faszinierenden Schilderungen städtischer Tages-, Nacht- und Jahreszeiten. „Das Weib ist populär. Der Koitus“ ist hier beileibe nicht der Weisheit letzter Schluss. Wo „Wollust wie ein Projektil“ durchschlägt, mündet alles in Rückenmarksschwindsucht und dem „Primäreffekt“ als Vorbote der Syphilis. Mit Grabesblick wird jeder Rausch genossen. Doch wer hat jemals die „Friedrichstraßendirnen“ in solcher Weise geschildert? – „Sie liegen immer in den Nebengassen,/Wie Fischerschuten gleich und gleich getakelt“.

Der Trieb ist groß. Und beginnt für Paul Boldt weit im Osten des damaligen deutschen Reiches. 1907 zieht es die Familie auf ein Hofgut in Peterswalde bei Marienburg. In Stuhm hat die Kreisverwaltung ihren Sitz, es wird sowohl Polnisch als auch Deutsch gesprochen. 188 Juden leben hier. Unter den 36 527 Einwohnern können sich 23 Menschen zweisprachig verständigen.

Unweit: berühmte Pferdezuchten

Die auf dem Gut gehaltenen Rinder finden Aufnahme im Gedicht, auch die dort schuftenden „Schalken“ und „Instleute“. Unweit angesiedelt sind die berühmten Pferdezuchten von Tragheimer- und Montauerweide. Dies also die Welt – Stolz und Provinzialität schließen sich hier nicht aus –, die im Reich der Poesie gleichberechtigt neben „Kurfürstendamm“ und „Tagestrottoir“ bestehen kann.

Wenige Strophen braucht Boldt, um der Heimatregion jede Seligkeit zu rauben. Mit Strömen und Seen, mit Wind und Wäldern und Vögeln hebt das nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstandene „Stumme Land“ an – um derart zu enden: „Im stummen Lande wohnt die Menschenrasse / Brutaler Leute, Jähzorn im Geblüt. / Wie Tiere lachen würden, tritt der krasse // Kiefer heraus, um einen Biss bemüht./Jeder Gewöhnliche erhält die Masse./Sie lieben Krieg, Tierfang und das Gestüt.“

Im Spätherbst 1915 soll er den Wehrdienst antreten, doch endet die Soldatenkarriere schnell in diversen Lazaretten: „Nervenleiden“ als Diagnose. Ein Bruder stirbt zwei Jahre später in französischen Blutgräben – und die Lyrikproduktion erlischt. Überraschend verlässt der 34-jährige Boldt die Stadt Berlin, um in Freiburg das Studium der Medizin aufzunehmen. Das Ende ist fast eine Lappalie. Nach überstandener Leistenbruchoperation stirbt der Dichter am 16. März 1921 an einem Blutgerinnsel.

Ein bergender Koffer

Das Grab auf dem evangelischen Friedhof von Stuhm ist seit vierzig Jahren abgeräumt, der Gottesacker geschleift. Wolfgang Minaty, der den verwehenden Spuren des heute weitgehend Vergessenen vor Jahrzehnten folgte, hat Leben und Werk in einer Monographie und der 1979 im Walter-Verlag erschienenen Gesamtausgabe trotz aller Lücken mit Sorgfalt dokumentiert. Geblieben ist das gefügte Wort. Verse, die durch ein Jahrhundert glimmen und keine Ruhe geben.

Im Sommer 1928 haben sich einige Familienmitglieder im fernen Westpreußen für den Fotografen in Positur gestellt: Noch lebt die Mutter – eine in sich verkrümmte Frau, der alle Söhne und zwei Ehemänner weggestorben sind. Hinter ihr steht jene Halbschwester, die den Nachlass Paul Boldts mit auf die Flucht nach Westen nehmen wird.

Jenny Horst, die dem Dichter mehrfach finanziell über die Runden half, will retten, was dem Verschwinden anheim zu fallen droht. – Ihr bergender, kleiner Koffer ist im Getriebe der Zeiten verloren gegangen. Der Verlust wiegt schwer. Eine Welt kam abhanden.

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