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Paul Auster "Bericht aus dem Inneren" Allein in einem Zimmer

Die Kunst der Erinnerung: Paul Austers „Bericht aus dem Inneren“ setzt die Selbsterforschung aus dem "Winterjournal" souverän fort. Und enthält einen Triumph der Nacherzählung, die besser ist als jeder Kinofilm.

Früheste Kindheitserinnerungen: Alles bewegt sich, alles lebt. Foto: REUTERS

Der sich selbst anredende Erzähler gehört zu den zweifelhafteren Erzählstrategien. Die dabei angepeilte Unmittelbarkeit ist ja irrwitzig künstlich und wirkt auf die lange Strecke schneller impertinent, als es der Leserin lieb ist. Paul Auster hat sich davon weder im „Winterjournal“ abhalten lassen, noch in seinem jetzt auf Deutsch erschienenen „Bericht aus dem Inneren“, dem nächsten Band einer autobiografischen Selbsterforschung.

Auch diesmal stellen sich Zweifel an der Perspektive ein, auch diesmal ist allerdings nicht zu leugnen, dass die entstehende Künstlichkeit einkalkuliert sein muss. Denn so, wie es in diesem Buch steht, kann es nicht sein, und das wiederum konnte Auster, einem der souveränsten unter den lebenden amerikanischen Schriftstellern, nicht entgehen.

„Bericht aus dem Inneren“ beginnt als Bestandsaufnahme frühester Kindheitserinnerungen. Früheste Kindheitserinnerungen sind das Windigste, das wir mit durchs Leben schleppen. Auster erinnert sich zunächst aber recht geradeheraus. Es wird klar, dass es ihm nicht um das stabile und doch unzuverlässige Konstrukt Erinnerung geht – anders als etwa dem großen ungarischen Kollegen Szilárd Borbély, der darauf seinen erst jüngst (nach seinem Tod) auf Deutsch erschienenen Kindheitsroman „Die Mittellosen“ fußen, beziehungsweise ihn darüber in der Luft hängen ließ. Auster hingegen benutzt die „Erinnerungen“ lediglich, um zu rekonstruieren, woraus sich der Mensch, hier: Paul Auster, Jahrgang 1947, zusammensetzt.

Die erste politische Irritation

Der erste Blick in die Welt, in der sich alles bewegt, in der alles lebt und erst recht die Lebendigkeit von Zeichentrickfilmen im Fernsehen noch keinesfalls unwahrscheinlich ist.

Die erste markante Erschütterung: Im Film „Krieg der Welten“ erlebt das Kind ohne weitere Vorbereitung die fundamentale Ohnmacht Gottes, des Allmächtigen.

Die erste mögliche Enttäuschung: Der Besuch eines geliebten Baseball-Stars verunsichert das Kind. Ist er das wirklich? Sieht er ihm bloß ähnlich? „Zum ersten Mal in deinem Leben brachte dich eine Erfahrung in ein Gebiet absoluter Unbestimmtheit.“

Die erste politische Irritation: Die Eltern des pummeligen Mädchens wählen die Republikaner. Also sind gar nicht alle Menschen auf der Welt Demokraten. Das Mädchen findet Demokraten sogar doof. „Politik war ein schmutziger Sport, erkanntest du jetzt, eine wüste, erbitterte Balgerei, die niemals aufhörte.“

Das Kind ist überzeugter Amerikaner. „Kein Land konnte sich mit dem Paradies messen, in dem du wohntest“, aber wie sehen das die Indianer? Und: „Du kannst dich nicht erinnern, wann genau du verstanden hast, dass du Jude bist.“ Zuhause wird darüber wenig gesprochen, religiös ist die Familie nicht. Aber was meint der Großvater des Freundes, als er dem Kind, dem ein Missgeschick passiert ist, hinterherruft: „Solche wie dich wollen wir nicht“? Das Kind begreift: „Das Leben war gefährlich. Jeden Augenblick konnte der Boden unter deinen Füßen nachgeben, und jetzt, wo deine Familie in Amerika gelandet war, von Amerika gerettet worden war, konntest du nicht unbedingt erwarten, dass Amerika dich willkommen hieß.“

Vielleser, Kinogänger, Bettnässer

Dazu kommt die „katastrophal“ verlaufende Ehe der Eltern, „dass du diese Katastrophe als Kind miterleben musstest, hat dich zweifellos nach innen getrieben und einen Mann aus dir werden lassen, der den größten Teil seines Lebens allein in einem Zimmer verbracht hat“. Das Kind wird zum Vielleser, Kinogänger und Bettnässer.

Dann aber kommt der zweite Teil des Buches. Er heißt „Zwei Schläge an den Kopf“. Jetzt wird es wirklich verblüffend und originell. Auster erzählt zwei Filme, auf 25 beziehungsweise 38 Seiten. „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C.“ (1957) und „Jagd auf James A.“ (1932). Ein Mann wird immer kleiner (nicht im übertragenen Sinne) und verschwindet schließlich. Ein Mann wird sozial, juristisch und als Strafgefangener zermahlen und verschwindet schließlich. Auster erzählt das nach, erzählt das so intensiv nach, dass ausgerechnet der Kinogänger nachweist, wie Worte stärker und eindrucksvoller sind, sein können als Bilder. Wie überhaupt die Schärfung und Klärung einer Geschichte durch den Filter einer Nacherzählung – Daniel Kehlmann macht es in „F“ vor, wenn er die Bücher des entsprungenen Schriftstellers erzählt – eine unterschätzte literarische Macht für sich darstellt.

Die Künstlichkeit der Pseudo-Erinnerungen hält dabei unverdrossen an: Es ist undenkbar, solche Nacherzählungen aus dem Gedächtnis zu liefern. Das macht gar nichts. Die Geschichten sprechen für sich von Durchhaltewillen und Niederlage und dem Erschrecken des Zuschauers, der gleichwohl ahnt, dass ihm hier das Leben vorgeführt wird. Auster gibt auch keine größeren Erklärungen ab außer dieser lapidaren: „Dass die Welt, in der du lebst, nicht mehr dieselbe ist wie zwei Stunden zuvor, dass sie nie mehr dieselbe sein wird.“

Im dritten Teil schreibt Auster zitatreich über seine Briefe an seine damalige Freundin und dann erste Frau Lydia Davis, die Schriftstellerin und Übersetzerin. In den sechziger Jahren ist er Student an der Columbia. Man weiß zunächst nicht recht, ob einen das interessiert. Bis sich zeigt, dass Auster jetzt doch noch mit leichter Hand das Problem der Erinnerung als solches anvisiert und enthüllt. Über die Überlegungen des jungen Mannes zu Vietnamkrieg und Liebe muss er schreiben wie ein Fremder. Er staunt, er vermutet, und er findet, es habe den Anschein. Er erinnert sich nicht. „Ungeachtet deiner äußeren Erscheinung“, heißt es am Anfang des „Berichts“, „bist doch noch immer, wer du warst, auch wenn du nicht mehr derselbe bist.“

Das Auftauchen der eigenen Briefe ist für Auster eine Überraschung. „Du hast gedacht, du hättest keine Spuren hinterlassen.“ Es gibt einen umfangreichen Anhang mit Fotos, keines davon privat. Nur auf dem Titelbild blickt uns das Kind an. Auster zeigt einiges her und bleibt doch allein in einem Zimmer.

Paul Auster: Bericht aus dem Inneren. A. d. Engl. von Werner Schmitz. Rowohlt, Reinbek 2014. 360 Seiten, 19,95 Euro

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