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Paul Adenauer Ein alter Kämpe

„Konrad Adenauer – der Vater, die Macht und das Erbe“: Paul Adenauers spät aufgetauchtes, aufschlussreiches Tagebuch über die letzten Jahre seines Vaters, des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik.

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1958, Kanzler Adenauer zeigt sich zum 82. Geburtstag von seiner Familie umrundet. Rechts hinten mit Brille: Sohn Paul. Foto: imago stock&people (imago stock&people)

Wenn in einem Flugzeug in der Luft eine Außentür aufspringt, verheißt das für Passagiere und Besatzung nichts Gutes. Konrad Adenauer aber, dem am 26. August 1962 ebensolches in einer Bundeswehrmaschine beim Flug zum Katholikentag in Hannover widerfuhr, reagierte mit der Coolness eines Sergio-Leone-Helden: „Vater scheint sich“, so schreibt der Sohn, „nicht viel aus dem Ganzen zu machen. Er sieht sich seine Ansprache an und unterstreicht die Worte, die betont werden müssen. Ich staune wieder über seine Kaltblütigkeit.“

Adenauer aus dem Nähkästchen: Rechtzeitig zum 50. Todestag des ersten Kanzlers der Bundesrepublik (1949–1963) am 19. April erscheint jetzt – unter dem Titel „Konrad Adenauer – der Vater, die Macht und das Erbe“ – erstmals das zwischen 1961 und 1966 verfasste Tagebuch seines Sohnes Paul (1923–2007). Der Priester und promovierte Volkswirt lebte in diesen Jahren, ja bis zum Tod des Kanzlers 1967 als Adlatus, Gesprächspartner und Ratgeber in dessen Haus in Rhöndorf und bekam nicht nur den privaten, sondern eben auch den politischen Adenauer aus nächster Nähe mit.

Es ist dem Kanzlerenkel und Kölner Notar Konrad Adenauer zu verdanken, dass das Konvolut aus hand- und maschinenschriftlichen Aufzeichnungen 2015 von einem Auktionshaus erworben und der Publikation zugeführt werden konnte. Herausgeber ist Hanns Jürgen Küsters, Chefhistoriker der Adenauer-Stiftung, der den Text auch mit einer gründlichen Einleitung sowie einem umfangreichen erläuternden und einordnenden Anmerkungsteil versehen hat – er erst macht das dicke Buch zu einer auch für den historischen Laien gewinnbringenden Lektüre.

Das Bild des Kanzlers muss nun nicht gänzlich neu gemalt werden. Aber Anlass zu vielfältigen Retuschen gibt es allemal. So war Adenauer nach den Schilderungen des Sohnes eben doch nicht – jedenfalls nicht durchweg – der Mann mit den gerühmten stählernen Nerven. Er war vielmehr dünnhäutig (vor allem hinsichtlich der eigenen Person), litt unter Alpträumen, Schlaflosigkeit, depressiven Schüben und schweren Erschöpfungszuständen. Allerdings geht es hier auch um einen Mann in der zweiten Hälfte der 80er, der sich ein Arbeitspensum auflud, an dem andere mit 60 zerbrechen.

1961 bis 1966: Es sind die Abstiegsjahre Adenauers, beginnend mit dem Berliner Mauerbau und dem Einbruch der Union bei der Bundestagswahl 1961. Es folgen der vom Koalitionspartner FDP erzwungene Abschied aus dem Kanzleramt 1963, die Aufgabe des CDU-Parteivorsitzes 1965. Der Fuchs von Rhöndorf bekommt ganz genau mit, wie die Union sich auf die Zeit „nach Adenauer“ vorbereitet. Bitterkeit und Misstrauen sind die Folgen. „Paul, wie können die Menschen doch gemein sein“, bekommt der Sohn zu hören.

„Gemein“ kann er – der offen zugibt, dass Politik den Charakter verdirbt – aber auch selbst sein, wie sein kunstreicher, schließlich erfolgreicher Kampf gegen den verachteten Nachfolger Ludwig Erhard zeigt. „Ich will bare Macht (Machiavelli wusste es), um Deutschland zu retten“, verkündet er bescheiden. Seine Auffassung von der weltpolitischen Rolle der Bundesrepublik ist von Angst-Obsessionen bestimmt: dass sich Sowjetunion und USA über die Köpfe der Deutschen hinweg verständigen, dass maßgebliche Kräfte in der Union (darunter Außenminister Gerhard Schröder) die von ihm vorangetriebene Freundschaft mit Frankreich torpedieren; dass ihr Verzicht auf Nuklearwaffen die Bundesrepublik mächtepolitisch in die zweite Liga zurückrutschen lässt.

Er ist auch skeptisch gegenüber einer Aufnahme der Briten (!) in die EWG – weil damit die eben auf dem deutsch-französischen Bündnis beruhende Tektonik Westeuropas aus der Balance gerate und (mit der Labour Party) der Einfluss der Linken zu stark werde. Vom nationalen Egoismus seines Freundes de Gaulle ist er indes am Ende schwer enttäuscht: „Aber ich bin wie einer von vielen anderen, die er gebraucht hat und dann beiseite gestellt hat.“ Dieses Buch lesend, blickt man in wie in einen fernen Spiegel: Es war, von heute aus gesehen, eine völlig andere Zeit. Aber was Machtstrategien, was die Usancen internationaler Politik angeht, drängen sich viele Parallelen zur Gegenwart auf.

Der Sohn schreibt empathisch bis identifikatorisch. Kritik gibt es allenfalls sporadisch und vorsichtig, und sie fällt sehr indirekt aus. Immer noch aber beklagt sich der reizbare Vater darüber, dass kaum eine Äußerung von ihm unwidersprochen bleibe. Oft geht Paul vom Bericht („Vater sagt“, „Vater meint ...“) in den zustimmenden Kommentar über, die Trennlinie ist schwer auszumachen. Nein, ein kritisches Adenauer-Buch ist dies nicht – das war auch nicht zu erwarten.

Manchmal allerdings wird die Lesergeduld arg strapaziert. Am 31. März 1964 gratuliert Adenauer dem spanischen Caudillo Franco zu dessen 25-jähriger Herrschaft mit den Worten: „Sie haben Ihrem Lande Frieden gebracht.“ (Nicht nur) aus heutiger Sicht muss man hinzufügen: den Frieden des Friedhofs. Kurzum: Das Statement mutet merkwürdig für jemanden an, der dank seiner eigenen Erfahrungen in der Nazizeit nun weiß Gott wusste, wie es in Diktaturen zugeht. „Er freut sich jetzt schon darauf, wie die SPD darüber toben wird. Ein richtiger alter Kämpe“, ist das Einzige, was dem Sohn einfällt.

Niemand also sollte sich durch dieses Tagebuch genötigt sehen, Adenauer rundum sympathisch zu finden. Es entsteht – aus der Perspektive des Sohnes zweifellos unwillentlich – das Psychogramm eines Mannes mit autokratischen Zügen, dessen Sorge ums Land eben auch einen unbeugsamen persönlichen Machtwillen bemäntelt. Von ihm will er auch kurz vor dem Grab nicht lassen.

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