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Patrick Modiano "Gräser der Nacht" Die Zeit der Beunruhigung

Abgründe im tiefen Nebel: „Gräser der Nacht“ ist jetzt auf Deutsch erschienen, ein schmaler, atmosphärisch dichter Paris-Roman des Nobelpreisträgers Patrick Modiano.

Auch die Tuilerien durchstreift der junge Erzähler und Paris-Fußgänger in Patrick Modianos "Gräser der Nacht". Foto: imago/Michael Weber

Ein ganz junger Mann gerät vielleicht in schlechte Gesellschaft. In die Nähe schlechter Gesellschaft. Die ganz junge Frau, die er mag, die er liebt, lebt unter falschem Namen und merkwürdigen Umständen, Briefe bekommt sie postlagernd, ihre Bekannten sind mehr als windig, ihre Gänge durch die Stadt Paris mysteriös, ihre Bitten an den jungen Mann unbegreiflich. Aber er macht eigentlich alles, was sie von ihm will. Ihre Verschwiegenheit ist ungeheuer. Wenn sie spricht, lügt sie zweifellos mehr als einmal.

Um den jungen Mann herum schwirren dunkle Warnungen, von „üblen Geschichten“ ist penetrant die Rede, auch von einem „Räderwerk“, in das man leicht geraten könnte. „Was würdest du sagen, wenn ich jemanden umgebracht hätte“, sagt die junge Frau zu ihm. „Es heißt, dieser Kerl ist gefährlich“, erfährt er über einen ihrer Bekannten. Es gibt eine unklare Marokko-Verbindung.

Und obwohl es aber klare Folgen gibt, zu geben scheint, einen nicht zu lösenden, mit den Bekannten der jungen Frau jedoch (vermutlich) verknüpften Mordfall, bleibt praktisch alles im Nebel. Darum geht es. Die Substanz dieser Geschichte ist ihre Substanzlosigkeit. Eine gepflegte, melancholische Substanzlosigkeit, die für den Erzähler zweifellos unangenehm ist, aber nicht existenziell. Sofern sich hier Abgründe auftun, so sind sie im Nebel nicht zu sehen.

Der neue Roman des Franzosen Patrick Modiano, dem vor einem Monat der Literaturnobelpreis zugesprochen worden ist, heißt „Gräser der Nacht“ und erschien im Original 2012. Die deutsche Übersetzung, für Januar nächsten Jahres geplant, hat der Hanser-Verlag aus gegebenem Anlass auf diese Woche vorgezogen. „Gräser der Nacht“ führt beeindruckend konsequent in eine „kurze und verworrene Zeit“ im Leben des Ich-Erzählers Jean. Durch die Wiederbegegnung mit einem einst in der Mordsache ermittelnden Polizisten wird die Erinnerung an die Ereignisse aus den sechziger Jahren belebt. Jean ist inzwischen Schriftsteller. Den Jahrgang dürfte er mit Autor Modiano, geboren 1945, teilen.

Dem jungen Jean in den Sechzigern ist gelegentlich „als wie im Traum“. Dass er aber nicht geträumt hat, versichert sich der ältere Jean bereits im ersten Satz des Romans. Für die geschilderten Verwirrungen, erklärt er, gebe es „eine bestimmte Zeit im Leben, einen Kreuzungspunkt, wo du noch zögern kannst zwischen mehreren Wegen“. Das ist nun eine sinnige Wortwahl, was der Übersetzerin Elisabeth Edl nicht entgeht, denn Jean ist weit davon entfernt zu wählen – was man für gewöhnlich an einer Kreuzung machen kann und sollte.

Durchsichtige Schichten der Zeit raffinierter als Thriller-Konstruktion

Jeans Passivität, sein Schweigen gegenüber dem Schweigen seiner Freundin, seine erhebliche Beunruhigung bei gleichzeitiger Ergebenheit sind konstitutiv. Modiano schafft damit die Möglichkeit, sich restlos auf die Atmosphäre der Beunruhigung zu konzentrieren. Die Konstruktion der thrillerhaften Handlung ist hingegen souverän unraffiniert – warum denkt Jean, dass seine damaligen Bekannten alle tot sind? – und irritierend steigerungslos.

Das wiederum hängt damit zusammen, dass „Gräser der Nacht“ wie die meisten Romane Modianos eine weitere ruhig und beständig daliegende Hauptfigur hat: Paris. Jean verlässt die Stadt nicht, denkt gar nicht daran, durchquert sie aber beständig (wie eine Kamera gleitet der Roman mit ihm) und bohrt sich zugleich in sie hinein. Beispielsweise indem er notiert, welche Läden, welche Firmen sich früher in Häusern befanden, eine kontemplative Angewohnheit, an der ihn auch dramatische Äußerungen seiner Freundin nicht hindern können. Jean ist Fußgänger aus Prinzip. „Seit meiner Jugend – und sogar meiner Kindheit – war ich immer nur gegangen, und stets durch dieselben Straßen, sodass die Zeit durchsichtig geworden war.“ Das geniale Bild zeigt sich variiert, als Jean eine Szene von einst quasi noch einmal vor sich sieht: „... sie waren festgefroren in der Vergangenheit, mitten in diesem Hotelfoyer, und wir lebten nicht mehr, sie und ich, in derselben Zeit.“

Schichtungen machen Verschiebungen möglich. Jean hat ein ausgeprägtes Empfinden dafür, dass Fortbewegung, zeitlich und räumlich, nicht heißt, dass die anderen Dinge nicht mehr da wären. Und sei es die Lampe, die man in einer Wohnung vergessen hat auszuknipsen.

Kaum zu glauben ist allerdings, dass dieses filmisch vorgehende Buch in unseren Tagen entstand. Die einmalige Erwähnung eines Handys ist wie ein Fähnchen, das daran erinnert.

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