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Patrick McGinley „Bogmail“ Das Abführmittel Mord

Patrick McGinleys herrlicher wie kurioser, philosophischer wie sprachgewitzter Kriminalroman „Bogmail" liegt nun in deutscher Übersetzung vor.

Sein Barkeeper, ist Patrick McGinleys Hauptfigur überzeugt, ist das Böse schlechthin. Foto: REUTERS

Eine seltsam schillernde, äußerst aparte Perle hat der Steidl-Verlag da aus dem irischen Moor ausgegraben: Patrick McGinleys zuerst 1978 veröffentlichten Roman „Bogmail“ – und Hans-Christian Oeser hat sie weit mehr als nur brav übersetzt.

Ein Kaff in Donegal, Tork genannt, darin ein Haufen formulierungsstarker und -verliebter Originale. Journalist Gimp Gillespie wiederholt seine Meldungen jedes Jahr, notfalls warnt er schon im Oktober vor Truthahn-Räubern. Außerdem kann er einem „eine Klinke an die Backe labern“. Sergeant McGing hat genug von Schwarzbrennern und hofft endlich auf einen Torker Moriarty, an dem er zeigen kann, was in ihm steckt. Der junge Cor Mogaill hält bei jeder Gelegenheit die kommunistische Fahne hoch, wenn auch nur schwadronierend. Der alte Crubog lässt sich gern schon vormittags einen ausgeben. Fischer Rory Rua ist das stille Wasser. Und Kneipenwirt Roarty der Mörder in diesem „Roman mit Mörder“. Man verrät damit nichts, denn Roarty macht schon auf der ersten Seite ein „Omelette surprise“ mit Pilzen für seinen Barmann Eamonn Eales, tut Düngerlinge hinein, von denen er hofft, dass sie tödlich sein werden.

Aber warum tut er das? Seiner Meinung nach ist Eales das Böse schlechthin: Er hetzt seine Katzen Allegro und Andante auf Vögelchen, er hat Roartys in London studierende Tochter Cecily verführt. Und wollte er nicht sogar per Post einen „Lustfinger“ bestellen, um das arme Mädchen noch gründlicher zu verführen? Das kann der Wirt gerade noch verhindern. Später hätte er nichts gegen einen solchen „Lustfinger“, ist er doch impotent.

Aber zuerst kommt der Titel ins Spiel, der bei Erscheinen 1978 natürlich nichts mit neumodischer E-mail zu tun haben konnte: Roarty ist gesehen worden, als er des nachts die Leiche im Torfmoor vergrub, nun erhält er launische Briefe von einem, der mit „Bogmailer“ unterschreibt, aber nichts anderes ist als ein Blackmailer, ein Erpresser. Wer in Tork könnte so sprachgewitzt sein, fragt sich der Wirt – nun, eigentlich alle. Inklusive des Außenseiters, des Engländers Potter, der in der Gegend nach Barytvorkommen suchen soll.

Flann O’Brien lässt grüßen

„Bogmail“ ist nicht gerade ein großer Spannungsroman, dafür sowohl Psychogramm eines Mörders als auch Porträt eines Kaffs anhand seiner Bewohner. Der 1937 in Glencolmcille, Donegal, geborene Patrick McGinley arbeitete bald für einen Londoner Verlag, steht aber in der sprachmächtigen, elegant-ironischen Erzähltradition seiner Heimat. Das Lächerliche wird wie das Tiefe angesprochen, das Schlüpfrige wie das Metaphysische, Flann O’Brien lässt grüßen. Und die, die in Roartys Pub zusammenkommen, sind vielleicht Schwätzer, aber Schwätzer mit Bildung.

„Wenn das Wesen eines Gesprächs Kommunikation war, dann bestanden die Iren den Test nicht, da sie sich auf die Ausschmückung des Nebulösen kaprizierten“, findet der Engländer Potter, der nach Meinung der Einheimischen eben leider „keinen Sinn für Umwege“ hat.

McGinley geht die herrlichsten Umwege, mäandert durch die Gedanken und Gefühle seiner Figuren, lässt den Pubwirt in einem Moment über den unglücklichen Robert Schumann nachdenken, den er so gern hört, im nächsten als chronisch Verstopfter feststellen: „dass Mord ein noch besseres Abführmittel war“ (als Mutters Glaubersalz). Und über seine neue Hilfe Susan, generell über junge wie alte Frauen philosophiert er, dass sie ein Kribbeln und einen beschleunigten Herzschlag hervorrufen, „wenn sie zwei scheinbar einfache Wörter auf eine Weise miteinander verbinden, wie man es nie zuvor gehört hat“. Sprache kann unheimlich sexy sein, das gilt allemal auch für „Bogmail“.

Patrick McGinley: Bogmail. Roman mit Mörder. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Steidl Verlag, Göttingen 2016. 336 S., 24 Euro.

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