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PARS PRO TOTO Vom Krieg ohne Namen

Die deutsch-französische Freundschaft gehört zum politischen Grundbestand. Aber was ist das für ein "Freund", von dem man nicht einmal ahnt, dass sein Land

29.03.2006 00:03
RUDOLF WALTHER

Die deutsch-französische Freundschaft gehört zum politischen Grundbestand. Aber was ist das für ein "Freund", von dem man nicht einmal ahnt, dass sein Land zwischen 1954 und 1962 am Rand eines Bürgerkriegs stand, dass seine Armee folterte, dass seine Polizei am 17. Oktober 1962 mitten in Paris 100 Demonstranten erschoss und in die Seine warf?

Wer des Französischen nicht mächtig ist, weiß über den achtjährigen Algerienkrieg genau so viel wie die meisten Franzosen bis vor kurzem - nichts. Es war ein "Krieg ohne Namen" (Guy Pervillé). Erst seit 1982 wird das dunkle Kapitel in den französischen Geschichtsbüchern erwähnt. Doch mit dem Gesetz vom 25. Februar 2005 sollte wieder die "positive Rolle der französischen Präsenz" in Algerien - also die Kolonialherrschaft - in Schulen und Universitäten gewürdigt werden. Nach massiven Protesten kassierte Jacques Chirac das Gesetz.

Seit gut zehn Jahren gibt es hervorragende Fachbücher zum Algerienkrieg, aber keines wurde ins Deutsche übersetzt. Die französischen Massenmedien entdeckten den Krieg im Sommer 2000, als Le Monde den Bericht einer Zeitzeugin abdruckte, die gefoltert worden war.

Wer sich hier zu Lande für den Algerienkrieg und die Geschichte seiner Verdrängung informieren will, kann jetzt auf den Sammelband Trauma Algerienkrieg von Christiane Kohser-Spohn und Frank Renken zurückgreifen. Er enthält 18 Beiträge von Wissenschaftlern aus Frankreich, Algerien und Deutschland, die alle Aspekte des Befreiungs- bzw. Kolonialkrieges abdecken. Der Anhang bietet obendrein ein Glossar, ein Personenregister, ein Ortsregister, eine detaillierte Karte und eine Chronik der Ereignisse. Der Band ergänzt hervorragend das vergriffene Standardwerk Frankreichs Algerienkrieg (1974) von Hartmut Elsenhans.

Western sind stets homosexuell

Staaten sind nicht da, sondern werden gemacht - im Falle Algeriens durch Krieg. Zur tatsächlichen Staatsstiftung gesellt sich jedoch immer auch eine Legende oder Mythologie. Eine der massenwirksamsten Mythologien der Staatswerdung bildet das Genre des Western. Reduziert man diese Filme auf ihre Grundstruktur, so erzählen sie immer, wie ein Kontinent "zivilisiert" wird durch den Mut und die Kraft eines Mannes. Und am Ende steht immer die Herstellung oder Wiederherstellung von staatlicher Ordnung bzw. Staatlichkeit.

Martin Weidinger demonstriert in seiner gelungenen Studie, wie sich die Western-Helden - die "Ikonen des Machismo" von John Wayne bis Clint Eastwood - gegen alle Widerstände und Widrigkeiten durchsetzen und eine neue Ordnung errichten oder eine alte wiederherstellen. Diese Ordnung ist dadurch definiert, was sie nicht ist: "nicht-weiblich, nicht-christlich, nicht-weiß und nicht-heterosexuell" (Alexandra Keller).

Eine strenge Hierarchisierung nach Geschlecht, Religion, Hautfarbe und sexueller Orientierung durchzieht die Geschichte aller Western, die das Genre ernst nehmen und nicht ironisch oder satirisch aufgreifen. Bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein hat diese stereotype Hierarchisierung die USA entscheidend geprägt. Das Ende des Western fällt zusammen mit dem Aufkommen von Bürgerrechts-, Studenten-, Frauen- und Antikriegsbewegung.

Christiane Kohser-Spohn und Frank Renken (Hrsg.): Trauma Algerienkrieg. Zur Geschichte und Aufarbeitung eines tabuisierten Konflikts. Campus Verlag, Frankfurt 2006, 350 Seiten, 32,90 Euro.

Martin Weidinger: Nationale Mythen - männliche Helden. Politik und Geschlecht im amerikanischen Western. Campus Verlag, Frankfurt 2006,264 Seiten, 29,90 Euro.

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