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PARS PRO TOTO Die Antwort der 68er

Die liebsten Prügelknaben der Boulevardpresse wie der Konservativen sind immer noch die 68er. Schon seit ein paar Jahren ist aber die Protestbewegung auch

03.08.2005 00:08
RUDOLF WALTHER

Die liebsten Prügelknaben der Boulevardpresse wie der Konservativen sind immer noch die 68er. Schon seit ein paar Jahren ist aber die Protestbewegung auch Objekt der seriösen zeitgeschichtlichen Forschung geworden. Die Studie von Thomas Etzemüller geht nicht von der gängigen These aus, "1968" habe einen totalen Bruch bedeutet. Deshalb setzt er Fragezeichen hinter den Titel: "Ein Riss in der Geschichte?" Etzemüller zeigt, dass "1968" vielmehr eine Antwort gibt auf einen langfristigen sozialen Strukturwandel und den Anschluss an die weltweite Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg vollzieht.

Er vergleicht die 68er-Bewegungen in Westdeutschland und in Schweden, wo vieles anders, aber der soziale Wandel und die strukturellen Verhältnisse eben auch identisch waren. Der Einfluss der nationalen, kulturellen und historischen Spezifika in den beiden Ländern wurde bis jetzt immer überschätzt. Etzemüller zeigt jedoch, dass der langfristige Wandel und die identischen strukturellen Bedingungen wichtiger waren als die nationalen oder kulturellen Besonderheiten. Nebenbei widerlegt das informative Buch alle auf nationale oder andere Besonderheiten abhebenden Deutungsmuster von "1968" als ebenso anachronistisch und provinziell wie die hier zu Lande beliebten küchenpsychologischen Spät- und Ferndiagnosen.

Alltagskram und Kosmetik-Mist

Die "Rote Armee Fraktion" (RAF) war ein bevorzugtes Objekt psychologischer Spekulationen, und die Briefe Gudrun Ensslins an ihre Geschwister laden dazu ein. Lesenswert sind sie jedoch aus anderen Gründen. Über weite Strecken demonstrieren die Briefe Gudrun Ensslins - diejenigen ihrer Geschwister sind im Gefängnis "verschwunden", eine der vielen Ungereimtheiten im RAF-Kontext - welchem schikanösen Gefängnisregime sie unterworfen war. Über ein gutes halbes Jahr hinweg geht es fast nur um den von der Anstaltsleitung verweigerten "Kosmetik-Mist", denn auf Wimperntuschstift, Augenbrauenstift und ein bestimmtes Shampoo wollte sie ebenso wenig verzichten wie auf "wollene Kniestrümpfe". Gelegentlich nimmt das Gezänk komische Züge an. Gudrun Ensslin rät ihrer Schwester, kein rotes T-Shirt zu schicken, da man darin "ein Signal für den Himmel" sehen könnte, "aus dem sich RAF-Flugzeuge stürzen".

Aufschlussreich sind die Briefe, weil sie Einblick geben in die gespaltene Vorstellungswelt Gudrun Ensslins. Einerseits hatte sie ein breites Interesse an Gesellschaftstheorie und Literatur und verlangte unter anderem Bücher von Lukács, Rosa Luxemburg, Wittgenstein, Benjamin, Marx, Brecht, Andersen, Ezra Pound und Lautréamont. Andererseits sind ihre theoretischen Äußerungen hausbacken bis peinlich. Sie distanziert sich von der "ML-Scheiße" der Campus-Maoisten, redet aber munter von "Haupt- und Nebenwiderspruch" oder verzerrt Lukács' Analyse von Entfremdung und Verdinglichung zum Ratschlag an den Bruder: "Wenn Du aufhörst Ware zu sein, beginnst Du Mensch zu sein." Das ist so banal wie ihre politischen Vorstellungen teils erbärmlich voluntaristisch sind.

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