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Paris 1968 Mein anarchistischer Kamerad Dany

Anne Wiazemskys intimer Erinnerungsroman an den Pariser Mai 1968.

Anne Wiazemsky
Anne Wiazemsky 1989 in Paris. Foto: afp

Mit der Baskenmütze, den großen Kulleraugen und feinen Sommersprossen erinnern die Fotos der jungen Schauspielerin Anne Wiazemsky ein wenig an Catherine, jene berühmte Rolle der Jeanne Moreau in François Truffauts Film „Jules und Jim“ aus dem Jahre 1962. Das Lebensgefühl dieses Films über eine zunächst unbeschwerte Dreiecksbeziehung schien Ende der 60er Jahre zur gesellschaftlichen Realität der Pariser Bohème geworden zu sein. Die 1947 in Berlin geborene Schauspielerin und Schriftstellerin Anne Wiazemsky hatte ihr Filmdebüt mit gerade einmal 19 Jahren in Robert Bressons „Zum Beispiel Balthasar“ von 1966 gegeben, und bereits ein Jahr später war sie mit Jean-Luc Godard verheiratet, in dessen Filmen sie ebenfalls reüssierte. Anne Wiazemsky verkörperte eine verführerische Unschuld, die durch die aufrührerischen Zeiten, die vor Godards und ihrem Fenster unweit des Boulevard Saint-Germain in Paris heraufzogen, federleicht zu schweben schien.

Der Eindruck aber täuscht. Anne Wiazemsky war eine aufmerksame Beobachterin, die die politischen Veränderungen genau registrierte und intuitiv bemerkte, in welch künstlerische Turbulenzen der 17 Jahre ältere Godard in diesen Tagen stürzte. Die Pariser Unruhe war auch seine, zusammen mit den befreundeten Regisseuren Jacques Rivette und François Truffaut hatte Godard das französische Kino runderneuert. In „Außer Atem“ von 1959 schien Godard das gesellschaftliche und künstlerische Beben seiner Zeit in jener stummen Geste Jean-Paul Belmondos zum Ausdruck gebracht zu haben, der langsam, geheimnisvoll und lustbetont mit dem Finger über seine Lippen streift. Im Frühjahr 1968 will Godard vom konventionellen Erzählkino, das er doch revolutioniert hat, erst recht nichts mehr wissen. Bei einem Besuch in den USA hatten Wiazemsky und er Studentenprotesten beigewohnt, und Godard erahnte sofort, dass hier eine weltweite Bewegung Gestalt annahm. Dazu wollte er, der gern damit kokettierte, Maoist zu sein, sich verhalten. Das Kino ist tot, Godard filmt hier nicht mehr, lautete seine formelhafte Reaktion.

Anne Wiazemsky erzählt von all dem eher beiläufig, aber mit einem feinen Gespür für die Nuancen, die das Zeitkolorit in unmittelbarer Gegenwärtigkeit aufscheinen lassen. Sie ist in Godard verliebt, aber keineswegs unkritisch gegenüber dem ruppigen Bruch mit den Konventionen, der die Pariser Bohème auch in ihrem Alltag erfasst. Sie rümpft die Nase über Freunde des Regisseurs, die nachlässig in ihren ungewaschenen Jeans und T-Shirts ihre Wohnung bevölkern, als seien sie totemistische Vorzeichen des Kommenden.

Anne Wiazemsky entwirft ein vor Einzelheiten und Nebensächlichkeiten überquellendes Sittenbild der Revolte, die im Mai 1968 für einen kurzen Moment die Verhältnisse ins Wanken brachte. Godard und seine Freunde, darunter der Philosoph Gilles Deleuze, sympathisieren mit den rebellischen Studenten, aber als ältere Bonvivants spüren sie auch, dass sie von etwas überrollt werden, das sie nicht mehr verstehen.

Wiazemsky ist gar nicht erst darum bemüht, die theoretischen Verrenkungen wiederzugeben. Eher schildert sie ihr Umfeld als kauziges Artistenensemble, das bei den Straßenkämpfen mittun will, aber auch hinreichend damit beschäftigt ist, sich vor Tränengas und Gewaltausbrüchen in Sicherheit zu bringen. Die Künstler auf den Barrikaden – in den Schilderungen von Anne Wiazemsky wird daraus kein heroisches Panorama.

Anne Wiazemskys Erinnerungsbuch, das die 2017 gestorbene Enkelin des französischen Literaturnobelpreisträgers François Mauriac zwei Jahre zuvor veröffentlicht hat und das nun auf Deutsch bei Wagenbach erscheint, ist ein herrlich unprätentiöses literarisches Kleinod, in dem John Lennon und Mick Jagger beinahe wie zufällige Passanten durchs Bild laufen. Mit Paul McCartney hat sie sich auch schon einmal unter einen Tisch gehockt. Mit den Rolling Stones drehte Godard schließlich den Film „Sympathy For the Devil“. Wiazemsky verhält sich dazu wie eine, die dabei gewesen ist, die von anderen erzählt, die dabei waren, ungeachtet der Bedeutung, die ihnen später beigemessen wurde. Und so taucht auch Daniel Cohn-Bendit, dessen vollständiger Name nie genannt wird, als „mein anarchistischer Kamerad Dany aus Nanterre“ auf, der ihr, ehe er zum Helden des Pariser Mai ’68 wird, in sympathischer Erinnerung geblieben ist, weil er sie schwärmerisch zu gegenseitiger Solidarität aufforderte – unter Rothaarigen.

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