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Parag Khanna "Wie man die Welt regiert" Die Diplomatie ist tot. Lang lebe die Diplomatie!

Parag Khannas Buch „Wie man die Welt regiert“ ist rasant, aber ohne Substanz: er geht erfrischend deutlich mit seinem Kritikziel um: Die UN etwa sind für ihn nur eine „behelfsmäßige, notdürftige Stützkonstruktion“. Doch kippt seine Lässigkeit leicht ins Unvorsichtige um.

18.04.2011 13:46
Louise Brown
Der indisch-amerikanische Autor Parag Khanna. Foto: dpa

Ein Blick in die Danksagung verrät Einiges über Parag Khanna. Da tauchen Namen auf, die man aus den Schlagzeilen zur Weltpolitik kennt wie Richard Holbrooke, Mary Robinson oder Jose-Maria Figues. Die Liste ist seitenlang und ein Hinweis darauf, was für ein Leben Khanna als Jungstar der internationalen Politik und kosmopolitischer „Weltbürger“ in der „multipolaren Welt der Gegenwart“ führt, von der er in seinem neuen Buch schreibt.

Khanna will die Welt retten. In seinem ersten Buch („Der Kampf um die zweite Welt“) verfolgte er die „ständig wechselnden Machtkonstellationen, wirtschaftliche Unsicherheit und eine Vielzahl schwelender Konflikte“, die zu dem zweiten Mittelalter geführt haben, in der wir laut Khanna nun leben. „Wie man die Welt regiert“ soll die Roadmap sein, um in dieser Welt zurechtzukommen.

Den Schlüssel sieht er in dem, was er „Mega-Diplomatie“ nennt: eine Politik, die nicht nur auf Krisen reagiert, sondern sie „vorausschauend verhütet“ und die „vielen verschiedenen Akteure der diplomatischen Landschaft allesamt berücksichtigt – aufsteigende Mächte und multinationale Konzerne, Philanthropen und Fundamentalisten, Universitäten und Söldner“. Im Zusammenschmieden von Regierungen, Unternehmen und Organisationen liege die Zukunft: „Die Diplomatie ist tot. Lang lebe die Diplomatie!“

Saftige Zitate und Fakten

Parag Khanna benutzt in seinem Buch gerne griffige Überschriften. Und Ausrufezeichen. Er schreibt regelmäßig für internationale Blätter, und das merkt man: Seine Kapitel sind reportagenhaft; auf jeder Seite reihen sich saftige Zitate und Fakten: 40 Stadtregionen erbringen zum Beispiel zwei Drittel der Weltwirtschaftsleistung; im Auswärtigen Dienst der USA arbeiten weniger Mitarbeiter (etwa 5000), als ein einziger Flugzeugträger Besatzungsmitglieder hat. Mit bunten Metaphern (den heutigen Streit um die weltpolitische Macht vergleicht Khanna mit einem „Moshpit“, „eine(r) ekstatisch tanzende(n) Menschentraube, in der aber jeder für sich tanzt“) und lässigen Sätzen wie „Diplomatie ist das zweitälteste Gewerbe der Welt, und die Menschen praktizieren es so selbstverständlich wie das erste“, wird Politik bei Khanna rasch fesselnder Lesestoff.

Tatsächlich ist sein furioser Schreibstil Pluspunkt und Nachteil zugleich: So geht Khanna erfrischend deutlich mit seinem Kritikziel, den Vertretern der alten Diplomatie, um: Die UN etwa sind für ihn nur eine „behelfsmäßige, notdürftige Stützkonstruktion“. Doch kippt seine Lässigkeit leicht ins Unvorsichtige um. Dass Berufsdiplomaten sich ein Beispiel an der Unermüdlichkeit Madonnas nehmen sollten, die Malawi ins öffentliche Bewusstsein gehoben hätte, indem sie malawische Kinder adoptierte, möchte man so nicht hinnehmen.

Seine Behauptung, wir hätten uns angewöhnt, die bedeutenden Fragen unserer Zeit als rein globale Probleme zu behandeln, ist schlicht falsch, wie die bundesweiten Proteste gegen die Atompolitik der Bundesregierung kürzlich zeigten – ausgelöst durch die geografisch weit entfernte Katastrophe in Japan.

Khanna ist ein witziger und intelligenter Autor. Dass er es mit 33 so weit gebracht hat – im Präsidentschaftswahlkampf hat er Barack Obama außenpolitisch beraten –, überrascht nicht, schafft er es doch, dröge Inhalte in knackige Soundbites zu verwandeln. „Wie man die Welt regiert“ bietet interessante Überlegungen zur Lage; auch sein Einsatz für die wachsende Rolle zivilgesellschaftlicher Gruppen etwa bei der Vergabe von Kleinstkrediten an Arme oder für Prominente wie die Philanthropen Bill und Melinda Gates, die alle zusammen seine diplomatische „Generation Y“ bilden, ist begrüßenswert.

Doch ist er selbst ein Vertreter der neuen Spezies von Mega-Diplomaten, die er in seinem Buch vorstellt: sie sind keine reinen Staatsdiener mehr, sondern verfolgen eine eigene Agenda. Doch fehlen ihnen, trotz all der modernen Möglichkeiten, die dieser neuen Generation geboten werden – Smartphones und Twitter; Enthusiasmus und Mobilität – womöglich einige der traditionelleren diplomatischen Tugenden wie Ruhe und Substanz.

Parag Khanna: Wie man die Welt regiert. Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt. Bloomsbury Verlag 2011, 336 Seiten, 26 Euro.

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