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Oswald Spengler Der Untergang des Abendlandes

Vor einhundert Jahren erschien der erste Band von Oswald Spenglers spektakulärem Bestseller. Eine Erinnerung an den nationalistisch-konservativen Revolutionär, der in Mussolini das Ideal sah.

„Titanic“
Der Untergang der als unsinkbar geltenden „Titanic“ am 14. April 1912, dargestellt von einem unbekannten Künstler. Foto: afp

„Der Untergang des Abendlandes“ lag bereits im September 1918 in den Buchhandlungen. Im November dann, mit der definitiven Niederlage der „Ideen von 1914“, mit der Ausrufung der Republik, mit den USA als Super- und Russland als Sowjetmacht, erschien vielen in Deutschland, was gerade noch nichts als ein Buchtitel gewesen war, als die die Epoche kennzeichnende Parole.

Autor des Buches, das fast sofort ein Bestseller war und es jahrzehntelang blieb, war Oswald Spengler (1880–1936), ein bis dahin nahezu unbekannter Mann. Er hatte – immer am Rande des Nervenzusammenbruchs – Mathematik, Naturwissenschaften und Philosophie studiert, war Lehrer geworden, dann erbte er und privatisierte. Begonnen hatte er mit der Niederschrift des „Untergangs des Abendlandes“, so erklärte er, nach der Marokkokrise von 1911. Die blamable Niederlage in der Auseinandersetzung mit Frankreich um die Ausweitung des Kolonialbesitzes war für ihn ein Menetekel. Er nahm das Ereignis symbolisch und entzifferte es. Spengler schrieb sein Buch in München, der Stadt, in der der „Blaue Reiter“ in diesen Jahren das Ende der bisherigen Kunst ausgerufen hatte. Oswald Spengler beobachtete auch diese Entwicklungen. Aufmerksam, hilflos und voller Abscheu.

Die Idee von der Weltgeschichte, mit der er aufgewachsen war, war offensichtlicher Unsinn. Es hatte einen Fortschritt gegeben. Aber das war vorbei. Jetzt gab es Niedergang. Das war nicht das erste Mal. Man hatte das alles schon einmal, nein, immer wieder beobachtet: Kulturen entstiegen der Barbarei, entwickelten, entfalteten sich, und dann versanken sie wieder in der Geschichtslosigkeit. Spengler war kein Historiker. Er interessierte sich nicht für Geschichte. Er wollte die Gegenwart begreifen. Aber bei dem Versuch, das zu tun, stellte sich heraus, dass er seinen Gesichtskreis enorm erweitern musste.

„Ich sehe statt jenes öden Bildes einer linienförmigen Weltgeschichte, das man nur aufrechterhält, wenn man vor der überwiegenden Menge der Tatsachen das Auge schließt, das Schauspiel einer Vielzahl mächtiger Kulturen, die mit urweltlicher Kraft aus dem Schoße einer mütterlichen Landschaft, an die jede von ihnen im ganzen Verlauf ihres Daseins streng gebunden ist, aufblühen, von denen jede ihrem Stoff, dem Menschentum, ihre eigne Form aufprägt, von denen jede ihre eigne Idee, ihre eignen Leidenschaften, ihr eignes Leben, Wollen, Fühlen, ihren eignen Tod hat.“

Spenglers Weltgeschichte zeigt uns nicht nur, was alles war, sondern auch wie es wurde, was es war. Sie betrachtend, erkennen wir, dass so einzigartig jede Kultur auch ist, so ähnlich sind sich alle Kulturen in ihrem Entwicklungsgang. Den Schöpfern folgen die Nachahmer, den Philosophen die Philosophieprofessoren. Das ist keine europäische Besonderheit. Das hat sich in Indien und China nicht anders abgespielt.

Erst der Blick über den europäischen Horizont hinaus gibt einem die Möglichkeit des Vergleichs. Erst wer sich andere Gesellschaften in ihrer Entwicklung anschaut, wird begreifen, in welchem Abschnitt des Ganges der eigenen Kultur er sich gerade befindet. Selbsterkenntnis gewinnt man nur durch die Erkenntnis des anderen. Spengler meint damit nicht, dass man Verständnis für andere aufbringen müsse.

„Der Übergang von der Kultur zur Zivilisation vollzieht sich in der Antike im 4., im Abendland im 19. Jahrhundert. Von da an fallen die großen geistigen Entscheidungen... nur in drei, vier Weltstädten.“ Man hat es statt mit einem „formvollen mit der Erde verwachsenem Volk“ mit neuen Nomaden, Parasiten, Großstadtbewohnern, mit irreligiösen Tatsachenmenschen zu tun. Wer in einer solchen Epoche der Dekadenz versucht, ein innovativer Künstler zu sein, verschwendet seine Energie, seinen Fleiß, seine Intelligenz: „Wenn unter dem Eindruck dieses Buches sich Menschen der neuen Generation der Technik statt der Lyrik, der Marine statt der Malerei, der Politik statt der Erkenntniskritik zuwenden, so tun sie, was ich wünsche und man kann ihnen nichts Besseres wünschen.“ Man hört darin einen Nachhall des futuristischen Manifests von 1909: „Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen... ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.“ Man denkt auch an die jungen Leute, die nach dem Ersten Weltkrieg Philosophie Philosophie, Literatur Literatur sein ließen und sich in die Politik stürzten, wie zum Beispiel der zum Kommunist gewordene junge Literaturliebhaber Georg Lukács es tat.

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