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Olivier Adam Wo die traurigen Geister wohnen

Nachsaison an der Cote d'Azur: Der Roman „Die Summe aller Möglichkeiten“ ist ein betörender Reigen der Sehnsüchtigen und Verlorenen.

Frankreich
Winter an milder Küste. Foto: afp

Er hätte es schaffen können. Jetzt liegt er im Koma. Jemand hat versucht, ihm den Schädel einzuschlagen. Antoine ist ein begabter Fußballer. War er mal. Er ist vor allem ein Verlierer. Wegen seiner Dauerkifferei hat er seinen Arbeitsplatz bei der Autowerkstatt verloren, beim Fußballverein ist er wegen eines Fouls gesperrt, dabei steht das wichtigste Auswärtsspiel an, und seine Freundin Marion, die im Hotel die Zimmer sauber macht, mit dem gemeinsamen Kind hat ihn auch rausgeworfen. Jetzt lebt sie mit Marco, der ist zuverlässig und verkauft Nissans.

Antoine kommt nicht darüber weg, über nichts. Er hängt an Marion und an seinem kleinen Jungen. Ins Marineland, Delphine gucken, wollte er mit ihm, darauf ist der Knirps immer ganz wild. „Das ist das Problem mit dem Leben, dachte Antoine. Dasjenige, das man hat, ist immer zu eng, und das, das man gern hätte, ist zu groß, um es sich auch nur vorstellen zu können. Die Summe aller Möglichkeiten ist das Unendliche, das gegen Null tendiert.“

Aber nein, so würde er wohl nicht reden. Der ihm diese Gedanken zudichtet, ist Olivier Adam, 1974 geboren und aufgewachsen in der Pariser Banlieue. Der französische Schriftsteller ist einer, der „An den Rändern der Welt“ (2015) sein Zuhause findet, dort wo „Nicht ist, was uns schützt“ (2009). Für diesen neuen Roman hat es ihn an einen verschlafenen Badeort an der Côte d’Azur verschlagen. Es ist Nachsaison, die Hotels, Strandcafés und Restaurants sind fast alle verrammelt und verschlossen. Ein altes Ehepaar tappert Händchen haltend die Strandpromenade entlang. Paul und Helene. Ein letztes Mal eintauchen in die glücklichen Sommer. Wenigstens bis zur Bank. Er erträgt das Leben nicht mehr, selbst die Freude erschöpft ihn. Das Herz, das Sehen, die Knie, die Hüfte. Wird immer schwächer, ja. Sie setzen sich auf die Bank. Ihr ist kalt, ihm auch. Der Wind bläst, wie er es hier noch nie erlebt hat. Ein Herbststurm kommt auf. Wohin gehen sie? In welche Nacht tauchen sie ein? Welche Sintflut löscht sie aus?

Das Meer wird zum riesigen Tier, der Campingplatz verwüstet, die Strandgaststätte überschwemmt. Menschen ertrinken. Leichen werden angeschwemmt. Einer kommt um, als er seinen Hund aus dem Meer fischt. Und eine junge Frau, die nicht spricht, taucht am Strand auf. Wovon aber erzählt sie dem bewusstlos im Bett liegenden Antoine? Ihre Eltern, die doch alles richtig gemacht haben, reisen an, da ist sie schon wieder weggetaucht. Ein Elektrolager wird dilettantisch ausgeraubt, zwei Männer verschwinden. Ein Hund spielt verrückt. Eine Knarre liegt am Strand. Der alte Mann stürzt sich in eine Schlucht.

Jahrelang passiert nichts, dann an diesem einen Wochenende alles. Der Ermittler ist ratlos. Und einsam. Er hört Bruce Springsteen, schenkt sich einen Whisky ein und schaut aus dem Fenster. In einer Sprache von ungeheurer poetischer Dichte lässt Olivier Adam seinen Reigen der Verlorenen durch den verkaterten Geisterort im Winterschlaf taumeln. Atemlos, in einem Rausch der Sprache, verdichten sich die Figuren zu Akteuren eines fragilen Lebens, in das sie ohne Sinn hineingeworfen wurden. Wilde Kinder am Ende der Zivilisation, der Boden ist Treibsand, er zieht sich unter ihren Füßen weg. Alle sind fehlbar, alle Geschiedene und Gescheiterte. Und kämpfen doch wie Ertrinkende um Liebe. Im eigenen Leben Verirrte, die doch ihre ungestümen Sehnsüchte nicht preisgeben.

Und dann ist da das Fußballteam, auf das sich die Hoffnungen aller Dorfbewohner richten. Die Fußballer sind der Nukleus des Ortes, das Herz, das schlägt, wenn der Einzelne zu zerbrechen droht: „Der Torwart Busfahrer, eine Abwehr aus Arbeitslosen, Lageristen, Landarbeitern und Angestellten bei Avis. Ein Mittelfeld aus Maurern, Mechanikern, Wachmännern, Anstreichern. Ein Angriff aus Sozialhilfeempfängern mit Ausnahme des Rechtsaußen, der Gepäckträger am Flughafen ist.“ Der Trainer, Eric, schläft mit der Schwester von Antoine, obwohl er glücklich verheiratet ist und zwei Kinder hat. Wegen denen er die Affäre dann beendet. Sie sind jetzt Jugendliche. „Sie schaffen es ganz allein, sich wehzutun.“ Die Pizzeria schließt, die Tennisplätze liegen im Dunkeln. „Nichts bewegt sich mehr. Selbst das Meer liegt ganz ruhig da. Als wollte es ihn nachdenken lassen.“

Olivier Adams Reigen der Verlorenen, die ihren Hunger nach Glück jedem Sturm entgegenstellen, ist von solch betörend mitreißender Atmosphäre, dass ich mich am liebsten den ganzen Winter über in diesem Ort der traurigen Geister einmieten möchte.

Olivier Adam: Die Summe aller Möglichkeiten. Roman. A. d. Franz. v. Michael von Killisch-Horn. Klett-Cotta, Stuttgart 2017. 445 S., 25 Euro.

 

 

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