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Oliver Bottini Das Misstrauen der Louise Bonì

Oliver Bottinis straffer Kriminalroman „Der weiße Kreis“ über rechte Rassisten und dubiose Verfassungsschützer.

Leider hier keine Fiktion: Ein Ku-Klux-Klan-Treffen in den USA, wo er noch 2000 bis 3000 Mitglieder haben soll. Foto: REUTERS

Oliver Bottinis Freiburger Kripobeamtin Louise Bonì hat es inzwischen ins Fernsehen geschafft, im Februar gibt es bei der ARD die zweite Romanverfilmung mit Melika Foroutan als Kommissarin. Bonì ist außerdem, im jüngsten Band, immer noch trocken – und auf eine sehr nüchterne Weise unerschrocken. Sie sagt kernige Sätze wie „Gott hat mich mit Dienstausweis erschaffen“. So zu einem Kollegen, der sich hat versetzen lassen und undercover arbeitet. Und während der Kollege bei jedem hastigen, heimlichen Informationsaustausch kaputter aussieht, bewahrt Bonì Haltung beim Ermitteln gegen bürgerliche, darum nicht weniger fiese Rechte, die in Freiburg eine Art Ku-Klux-Klan-Ableger pflegen – inklusive Feuerzeremonie im Wald.

Bottini, der seine Handlungsfäden auch schon weit ins Ausland gesponnen hat, ist diesmal offensichtlich stark inspiriert von Erkenntnissen zum Nationalsozialistischen Untergrund. Im 2004 spielenden Prolog zu „Der weiße Kreis“ – das ist der Kreis der Freiburger Ku-Klux-Klan-Anhänger – wird zum Beispiel auf zwei Streifenpolizisten geschossen.

Einer stirbt (wie beim NSU-Anschlag die Beamtin Michèle Kiesewetter), einer überlebt schwer verletzt. Ein Motiv ist nicht erkennbar, ein Täter nicht zu ermitteln. Der damals schwer Verletzte arbeitet sich im Innendienst der Rente entgegen und recherchiert in seiner Freizeit wie besessen, was geschehen sein könnte. Er wird Kontakt aufnehmen zu der Kommissarin, in der Hoffnung auf ein weiteres Puzzleteilchen.

Ausgangspunkt für das – angemessene – Misstrauen Louise Bonìs ist die Tatsache, dass eine Informantin des undercover-Kollegen von einer Waffenübergabe zu berichten weiß an zwei jüngere Männer. Dass außerdem ein perfektes Opfer für Rassisten, ein Ruander, gerade nach Freiburg gekommen ist, um die Gebeine des Großvaters seiner Frau heimzuholen. „Sie waren, Kabangus Überzeugung zufolge, 1908 von einem deutschen Stabsarzt namens Feldmann an das Freiburger Institut für Anthropologie geschickt worden.“ Louise Bonì hält Kabangu für ernstlich bedroht. Der möchte lieber nicht unter Polizeischutz stehen. Basta.

Der Verfassungsschutz spielt, wie beim Fall des NSU, eine dubiose Rolle in „Der weiße Kreis“ – auch, indem er Informanten und vielleicht sogar Täter um jeden Preis abschirmt vor den Ermittlungen der Kripo-Kollegen.

So hält man als Leser die Fiktion immer wieder gegen die Folie der NSU-Realität. Bottini, schon immer ein straffer Schreiber, verliert sich allerdings keineswegs in Details. Er stellt vielmehr noch mehr Fragen zu Fanatismus, Schuld und Wiedergutmachung, indem er Kabangu der Freiburger Kommissarin vom ruandischen Gemetzel, dem Völkermord der Hutu an den Tutsi (und an andersdenkenden Hutu) erzählen lässt. Da sitzen sie dann im Hotelzimmer des Ruanders und kämpfen beide mit ihren jeweiligen Gespenstern. Und Kabangu spottet: „Denken Sie, ein Afrikaner wird schon wissen, wie man mit Leid und Verlust umgeht? (...) Ein Afrikaner tröstet und stellt Verbindungen her und ist eins mit allem, was war, ja?“

Oliver Bottini treibt, wie immer, die Handlung voran, deutet manchmal nur an, schweift nicht groß ab. Einiges bleibt bei ihm im Dunkeln. Und manches Grauen fasst er dann in ein, zwei Sätzen – diese Nüchternheit macht gar nichts, im Gegenteil. „Sie standen im Hof vor dem Auto, tauschten sprachlos Blicke, Polizeibeamte am Ende ihrer Weisheit, tatsächlich.“

Umso seltsamer, dass der Autor diesmal ein Ende aus dem Hut zaubert, das wie ein Notausgang wirkt. Als hätte er es seinen Lesern nicht zumuten wollen, dass Schurken davonkommen. Aber Bottini sollte Bottini-Leser nicht unterschätzen.

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