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Offenheit ohne Grenzen

Abgrenzung, Hierarchien, Markt und Verkehrsentwicklung: Gerd Held reflektiert über "Territorium und Stadt"als unterschiedliche Räume der Moderne

01.11.2005 00:11
ROBERT KALTENBRUNNER

Als Georg Simmel vor mehr als hundert Jahren sein berühmtes Werk Die Großstädte und das Geistesleben verfasste, monierte er eine "Abstumpfung gegen die Unterschiede der Dinge". Eine ähnliche Lethargie erkennt nun auch Gerd Held, wenn er überraschende Reflexionen darüber anstellt, wie sich das Leben und der Raum zueinander verhalten. Die Ausgangsthese seiner Studie Territorium und Großstadt. Die räumliche Differenzierung der Moderne lautet, dass die Offenheit und strategische Reichweite einer Gesellschaft wesentlich von der Art und Weise ihrer räumlichen Strukturierung - und eines entsprechenden Bewusstseins davon - bestimmt wird. Allerdings liege es damit schon im Argen. Denn dass Ordnungsprobleme eines Staatswesens und einer Volkswirtschaft eine inhärente Verknüpfung mit dem Raum aufweisen, werde heute weithin ignoriert. Mit Ausnahme der Verkehrsentwicklung scheinen die grundlegenden Fragen der Zeit mit dieser Sphäre nicht viel anfangen zu können.

Demgegenüber beharrt Held auf dem Standpunkt, dass unsere heutigen Krisen durchaus "etwas mit der Schwächung territorialer und großstädtischer Festlegungen" zu tun haben. Benötige man doch mindestens zwei Gebietseinheiten, um Globalisierung beschreiben und analysieren zu können - gerade weil es sowohl übergreifend abstrakte als auch spezifisch konkrete Problemstellungen gibt. Und Räume entfalten als ausschließende oder einschließende Bedingungen eine entsprechende Wirksamkeit.

Die Großstadt als Transitraum

Mäandernd und auf vielfach verzweigtem Weg, präpariert der Autor nach und nach zwei unterschiedliche Gehalte von "Räumlichkeit" heraus: "Während der Staat auf dem territorialen Ausschlussprinzip beruhte, und die Abgrenzung eines Binnenraums die Möglichkeit der relativen Homogenisierung eröffnete, kennt die Stadt im Prinzip keine Grenze als Trennungsmechanismus. Sie ist im Wesen offen. Sie bezieht ihre Stabilität aus dem Mechanismus der relativen Dichte, die die Elemente in einen besonderen Zustand gegenseitiger Haftung und Übertragung versetzt."

Mit seiner materialreichen Studie will Held bislang getrennte Diskurse überblenden. Seine Kernfragen geben nicht nur Auskunft über die argumentative Zielrichtung, sondern auch über tieferliegende Ambitionen: Worin besteht heute Identität? Wie sind ihre konkreten und symbolischen Konstruktionen des Raumes, ihr soziales und kulturelles Gedächtnis beschaffen? Ist die Großstadt womöglich zum überall gleichen, uniform ausgestatteten Transitraum, zum Nicht-Ort einer Übermoderne geworden?

Ein Problem sieht er in der vorherrschenden Mentalität, indem räumliche Rangfolgen mit negativen Konnotationen versehen werden: Hierarchie als Ausdruck ungleicher Machtverteilung, irgendwie autoritär und veraltet. Gleichwohl liege hierin gerade das Prinzip des Föderalismus; man müsse es nur sinnig revitalisieren. Zu erinnern habe man indes auch an die Zeiten eines Haussmann, Cerdà oder Hobrecht: Damals "hatte der Städtebau eine hervorragende Stellung im politischen und wirtschaftlichen Leben. Die Konstruktionsebene der Stadt bildete überhaupt einen eigenen, relevanten Gegenstandsbereich, der sich von der Einzelbebauung und Allokation von Nutzungen ausdrücklich abhob".

Integrative Kraft

Heute hingegen dominiere fast ausschließlich Letzteres. Gleichwohl, und wie die Geschichte zeigt, bedeutet "die räumliche Differenzierung der Moderne erst - beim Territorium - ein ‚Weniger', und dann - bei der Großstadt - ein ‚Mehr'. So trennt die Moderne die scheinbare Einheit des ‚Raums' in zwei entgegengesetzte Mechanismen und Logiken auf, die sie gegenseitig profiliert und steigert." Längst jedoch sei diese sinnige Komplementarität hinfällig: Einerseits hebelt die zunehmende Fokussierung auf ‚Regionen' das territoriale (staatliche) Wirkungsgefüge aus, andererseits unterwandert die gesellschaftliche Unterkomplexität der Suburbanisierung die integrative Kraft der Großstadt. Nun wäre es naiv anzunehmen, dass dieser eigenwillige Versuch einer Differenzierung von Raumkategorien zur Vereinfachung ihrer planerischen Handhabung beiträgt. Darum ist es dem Autor vorderhand nicht zu tun. Vielmehr will er die fundamentalen Grundlagen noch einmal neu definieren. "Eine allgemeine Raumstruktur muß sich so über die konkreten Orte erheben, wie sich der Markt über die einzelnen Betriebe erhebt." Sätze wie dieser bieten tatsächlich eine Orientierung. Doch weiß man nicht so recht, was man von des Autors Eigenart halten soll, bei diesem soziologisch-raumwissenschaftlichen Großversuch auf fast unorthodoxe Weise zwischen intellektueller Imagination, kulturhistorisch oft entlegenen Funden und philosophischer Spekulation zu flottieren.

Freilich fördert gerade dieser freibeuterische Ausgriff den Erkenntnisgewinn. Insgesamt stellt das vorliegende Buch also eine so nachdrückliche wie lehrreiche Empfehlung dafür dar, dass die Sphären von Städtebau/Raumordnung einerseits und Politik, Ökonomie und Kultur andererseits ihren Burgfrieden gegenseitiger Nichtbeachtung beenden und sich "auf gleicher Augenhöhe" zueinander in Bezug setzen. Und das ist tatsächlich bitter nötig.

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