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NS-Zeit „Das Bedürfnis, alles zu wagen“

Luce d’Eramos ungeheuerlicher Tatsachenroman „Der Umweg“.

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Luce d'Eramo, um 1984. Foto: Imago

München, Ende des Jahres 1944: Die 19-jährige Lucette Mangione, genannt Luce, flüchtet sich in der verschneiten Stadt während eines Bombenangriffs in einen Luftschutzraum. Dort trifft sie auf italienische Landsleute und erkundigt sich nach dem Weg zum Arbeitsamt. Sie solle doch am „Sendicatorplatz“ fragen, wird sie beschieden: „Erst später habe ich entdeckt, dass er in Wirklichkeit Sendlinger-Tor-Platz heißt, ein Name, den kein Ausländer je richtig hat aussprechen können.“

Was die Insassen des Luftschutzbunkers nicht wissen: Die junge Frau ist gerade aus dem KZ Dachau geflohen. Dort hatte sie zwölf Wochen in Lagerhaft verbracht, bis sie zu einem Arbeitstrupp für Reinigungsarbeiten in der Münchner Kanalisation eingeteilt wurde. Das bot ihr die Gelegenheit zur Flucht. Nach Dachau war sie deportiert worden, weil sie in Verona bewusst Angehörige der SS provoziert hatte. Diese seltsame Tat erklärte sie sich selbst als eine Art von Buße: „Ich wollte von den Nazis verhaftet und eingesperrt worden sein, damit nach und nach auch mein erster freiwilliger Einsatz verschwamm, die Monate bei den IG Farben sich vernebelten und sogar der Aufenthalt im Konzentrationslager Dachau in den Schatten trat, es war fast, als steckten darin Situationen, die mich zwangen, auch den Rest wachzuhalten.“

Bis heute hat Luce d’Eramos Roman „Deviazione“ – auf Deutsch „Abweichung“ oder „Umweg“ – nichts von seiner Ungeheuerlichkeit eingebüßt. Sie habe sich ihre Klassenverhältnisse vom Leib reißen müssen, bekannte sie gegen Ende ihres 1979 erstmals in Italien erschienenen Lebensberichts. 2016 wurde das Buch durch den Verleger Carlo Feltrinelli wiederentdeckt und mehrfach übersetzt. Es gilt innerhalb der Holocaust-Literatur zu Recht als absoluter Solitär, schildert es doch die verquere „Heldenreise“ eines freiwilligen NS-Opfers. Luce Mangione, verheiratete d’Eramo, wurde 1925 in Reims als Tochter eines hohen Beamten der Mussolini-Regierung geboren. Bei Kriegsausbruch kehrte die Familie nach Como zurück. Die Tochter jedoch begab sich gleich zweimal freiwillig und gegen den Willen ihrer Eltern ins sogenannte Dritte Reich.

Mit Kant-Lektüre – sie sollte später über die „Kritik der Urteilskraft“ promovieren – und Fotos ihrer Idole Hitler und Mussolini im Gepäck fuhr sie im Februar 1944 heimlich zur IG Farben nach Frankfurt-Höchst, um sich dort als „Fremdarbeiterin“ in eine Baracke einweisen zu lassen. Die glühende Jungfaschistin glaubte an das Gleichheitsversprechen des Duce. Sie wagte es, beim Direktor gegen die menschenunwürdige Behandlung der Zwangsarbeiter aus Osteuropa zu protestieren. Prompt musste die Exzentrikerin wie die von ihr verteidigten und als solche gekennzeichneten „Ostarbeiter“ Eisblöcke aus Kohlensäure mit einer Temperatur von 78 Grad minus schleppen.

Gemeinsam organisierten sie einen Streik. Als dieser scheiterte, versuchte sie sich zu vergiften. Der italienische Konsul setzte sich daraufhin für die komfortable Rückführung der spleenigen Funktionärstochter in ihre Heimat ein. Doch die durchaus geltungssüchtige Luce d’Eramo zog es ein zweites Mal nach Deutschland zurück – diesmal als KZ-Insassin. Linde Birks Übersetzung vermittelt gut d’Eramos bürgerlichen Selbsthass, der sie angestachelt haben muss: „Schon im Güterwaggon hatte ich eine ganz merkwürdige Lebensfreude empfunden; eine Art Wollust bei der Ankunft im KZ, als ich mich mitten in einem Haufen von Frauen auf einem Platz auf den Schotter fallen ließ.“

Nach ihrer Flucht aus Dachau schlug sich Luce d’Eramo nach Mainz durch. Dort traf sie Arbeitskollegen aus Höchst wieder, die ebenfalls im Untergrund lebten: „Es war schon Abend. Die Straße war voller Leute und Stimmen, überall züngelten Flammen. Dieses Schauspiel löste in mir immer eine barbarische Fröhlichkeit aus, das Bedürfnis, zu ihnen zu eilen, alles zu wagen.“

Bei dem verheerenden Bombenangriff am 27. Februar 1945 versuchte die junge Italienerin mit ihren Gefährten, eine Mainzer Familie aus den Trümmern zu retten. Dabei stürzte eine Mauer auf Luce, die seitdem querschnittgelähmt war. Das hinderte sie nicht daran, im Rollstuhl in die Sowjetunion zu emigrieren, wo sie auf eine neue ideologische Heimat hoffte. Eine „blödsinnige Heldin“ nennt sie ein französischer Mitgefangener. Als sie 2001 in Rom starb, zählte die Schriftstellerin zum Kreis der Intellektuellen rund um Alberto Moravia, Dacia Maraini und Ignazio Silone, über den sie eine Biografie schrieb. Auch mit dem italienischen Linksterrorismus und der Rolle der Massenmedien beschäftigte sie sich intensiv, etwa in dem Roman „Nucleo zero“ von 1981.

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