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NS-Forschung Von Dünkel und Konkurrenzangst

Götz Aly legt mit triftigen Indizien dar, wie Raul Hilbergs Holocaust-Werk in der BRD lange verhindert wurde.

Hilberg
Der Holocaust-Forscher Raul Hilberg. Foto: Steffen Schmidt

Die Stimmung im Saal war zum Bersten gespannt, als der 90-jährige Historiker Raul Hilberg in seinem letzten Vortrag in Berlin im Jahr 2007 über die „Selbstverständlichkeit“ der Vernichtung der Juden sprach. Es habe des Befehls zu einer sogenannten „Endlösung“ nicht bedurft. Im Bewusstsein der Architekten des Holocausts sei sie in einem buchstäblichen Sinne selbstverständlich gewesen. Hilberg reihte Fakten aneinander, zitierte und fasste zusammen. Er sprach frei, scheinbar ohne ein vor ihm liegendes Manuskript, als sei alles für immer fest in seinem Gedächtnis verankert.

Es war ein fast tonloser Vortrag, die Spannung erwuchs aus den schier unfassbaren Fakten, die der Holocaustforscher gewissenhaft und in großer Ruhe aneinanderreihte. Raul Hilberg referierte nicht nur, er schien vielmehr die Haltung eines Menschen zu verkörpern, der die wissenschaftliche Durchdringung eines monströsen Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu seinem Lebenszweck gemacht hatte.

Die Stimmung im Saal war von großer Zuneigung geprägt, längst galt Hilberg als einer der renommiertesten Forscher seiner Zunft. Sein 1961 erschienenes Werk „The Destruction of The European Jews“ gilt als Standardwerk, das Forscher und Leser gleichermaßen durch Detailfülle sowie seine große soziologische Distanz überzeugt. Hilberg war einer der ersten, der darauf verwies, dass der Holocaust nicht zuletzt auch das Werk einer akademisch gebildeten Elite war.

In Deutschland ist das Buch „Die Vernichtung der europäischen Juden“ mit großer Verspätung erst 1982 vollständig übersetzt erschienen. Wurde es hierzulande lange verhindert? Die Frage hat der Berliner Historiker Götz Aly in einem Vortag, den er gestern auf einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Zentrums für zeithistorische Forschung Potsdam anlässlich des 10. Todestages von Hilberg hielt, eindeutig bejaht.

„Wie deutsche Historiker und Verlage die Übersetzung von Raul Hilbergs Buch ,The Destruction of the European Jews‘ behinderten. Ein Sittenbild“ lautete der Titel von Alys Ausführungen, zu denen er aufgrund von gemeinsamen Archivstudien mit seinem Kollegen René Schlott gelangt ist. Im Kern geht es dabei um die Frage, warum der Verlag Droemer Knauer, der die Rechte an Hilbergs Buch 1963 erworben hatte, diese zwei Jahre später unverrichteter Dinge wieder zurückgab.

Götz Aly ist sich sicher: „Das geschah nicht zuletzt aufgrund eines negativen Votums ausgerechnet der Institution, die die junge Bundesrepublik zur Erforschung der NS-Gewaltherrschaft gegründet hatte, nämlich des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) München“. In dem Gutachten wurde bemängelt, dass Hilberg lediglich „die technisch-organisatorische Seite der Judenausrottung“ schildere und „die Frage, wie sich das Programm zur Endlösung durchsetzte, nur am Rande“ behandele.

Aly unterstellt dem IfZ institutsstrategische Absichten. Es sei nicht zuletzt darum gegangen, „den fast fertigen Zweibänder ,Anatomie des SS-Staates‘ vor dem deutlich besseren Buch Hilbergs zu schützen“. Der Fall Hilberg war laut Aly kein Einzelfall, ähnlich sei das IfZ mit dem Buch „Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland“ von H. G. Adler verfahren, wobei in diesem Fall der Veröffentlichung einer Publikation des Historikers Wolfgang Scheffler der Vorrang eingeräumt worden sei. Eine Schlüsselrolle bei der von Wissenschaftsdünkel geleiteten Veröffentlichungspolitik schreibt Aly den Historikern Martin Broszat und dem damaligen IfZ-Leiter Helmut Krausnick zu, die bis heute als Koryphäen der deutschen Geschichtsschreibung gelten.

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