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Novelle von Uwe Timm Als wir Arno Schmidt lasen

Uwe Timm erinnert sich in seiner neuen Novelle an die Zeit am „Freitisch“, die lange her ist. Sanftmut und Unverlogenheit gehen selten so stimmig Hand in Hand wie hier.

Inzwischen lebt Uwe Timms Ich-Erzähler in Anklam. Dort gefällt es ihm auch ganz gut. Foto: Katja Hoffmann/laif

Uwe Timms „Freitisch“ kommt gemütlich daher. Zugleich demonstriert sein Autor, dass er es faustdick hinter den Ohren hat. Uwe Timms „Freitisch“ kommt gemütlich daher. Zugleich demonstriert sein Autor, dass er es faustdick hinter den Ohren hat. Erzählt wird nicht gerade die von Goethe erwähnte und gleich im ewigen Formelbüchlein unter „Novelle“ festgeschriebene „unerhörte“ Begebenheit, aber doch eine, die „sich ereignet“ hat. Ja, so kann es gewesen sein, und erzählt hat es noch keiner. Es gibt auch wenig zu erzählen, ehrlich gesagt.

Zwei Männer treffen sich nach Jahrzehnten wieder, in Anklam in Vorpommern, wo der eine als mittlerweile pensionierter Lehrer wohnt, „zwischen Rosen und Porree, mit Kaufmanns-Und, versteht sich“, und der andere als Müll-Unternehmer und potenzieller Investor auftritt. Der Lehrer und Ich-Erzähler passt den alten Bekannten ab, der wie der Leser auf dem Schlauch steht und wie der Leser (oder ist das eine Projektion?) leicht gereizt ist von den witzigen Anreden des Pensionisten. Es sind – wie das Kaufmanns-Und, versteht sich – Anspielungen auf Arno Schmidt und den Band „Kühe in Halbtrauer“, die im Unternehmer Erinnerungen wecken sollen. Am Freitisch in München war von nichts anderem die Rede. „Da kam mit einem Ah und einem Ja die Erinnerung aus seinem Mund und ließ ihn heftig grinsen.“

Man geht ins Café, um novellengemäß zu konsumieren und zu plaudern: Vom Semester am Freitisch, wo Stipendiaten ein Mittagessen bekommen. Montags rangeln sie um die besten Hühnchenstücke. Der Rückblick geht in die Mitte der sechziger Jahre, eine Zeit, die unsere studierenden Eltern auf Fotos noch mit Krawatte und Twin Set zeigt. Dass es damals das Aufmüpfigste auf der Welt ist, Arno Schmidt zu lesen, muss man sich dazudenken. Hinterm burschikosen Witz herrscht eine rührende Scheu am Freitisch.

Die Gegenwart der Novelle ist jetzt. Unter einer „sterbenden Stadt“ (Anklam), die auf eine Mülldeponie hofft und in der Neonazis den zugezogenen Altlinken belästigen, wird sich jeder etwas vorstellen können. Ebenso unter Herrschaften, die sich an früher erinnern und denen, die nicht dabei waren, auf die Nerven gehen. Mag man die beiden überhaupt? Interessant sind sie nicht. Das macht sie so menschlich und die Situation so natürlich.

Die Erinnerungen an die alten Tage sind halb so wild. Die wildeste Geschichte ist noch jene, in der der heutige Unternehmer und damalige Schmidt-Verehrer vergeblich nach Bargfeld fährt. Im zweiten Anlauf nimmt er den Ich-Erzähler mit und dringt mit einem (ironischerweise eine Mülldeponie einschließenden) Trick zu Schmidt vor. Sein Begleiter muss draußen warten. Alice Schmidt bietet ihm Saft an. Drinnen – der Unternehmer spricht nicht gerne darüber – macht Schmidt seinem Gast klar, was er von dessen eigenen literarischen Versuchen hält. „Was hat er denn gesagt? Schweigen. Dann, geknurrt: Wackeres Schmidt-Imitat. ... Das war alles? Ja. Das heißt, er hat noch gesagt: Ich kann bei der Sprachzerhacke nur abwehrend die gespreizten Hände aufstellen. Dann schon besser solide erzählen.“

Vor dem „Heißen Sommer“

Die alten Tage sind also noch nicht der „Heiße Sommer“ (über den Timm bereits 1974 schrieb). Aber schon am Freitisch wird über Vietnam diskutiert, wenngleich der Empörte noch in der Minderheit ist. So klammert die Novelle die Studentenrevolte zugleich aus und ein. Und so deutet sich, ohne dass ein Wort darüber verloren würde, ein doppeltes Scheitern an: der Schmidt-Enthusiast, der am Ende mit Müll reich wird; die Generation der Studentenproteste, die Beamten- und Unternehmerlaufbahnen einschlägt, privatisiert und eher defensiv die Belästigung durch Rechtsextreme zur Kenntnis nimmt. Dass der Müllunternehmer in Indien heiraten will, wirkt wie ein spöttischer Nachklang der siebziger Jahre. Aber so ist das gar nicht gemeint. In einem Schlüsselsatz heißt es über den Müllspezialisten: „Ich hatte ihn mir anders vorgestellt, kälter, kalkulierender, selbstgefälliger. In seinem Erzählen war keine Spur von Renommieren, in seiner Inbrunst, mit der er über Elefanten, Turbane und Müllabfuhr redete, wurde mir seine damalige Arno-Schmidt-Begeisterung wieder gegenwärtig.“

Denn „Freitisch“ ist bei aller feinen Ironie kein Büchlein über die Niederlage, sondern über die Bescheidung. Es ist zwar ohnehin nicht gesagt, dass aus Schmidt-Lesern notwendigerweise Müllunternehmer werden. Aber selbst wenn, muss das noch keine Tragödie sein. Es ist der Gang der Dinge. Davon berichtet diese kleine Geschichte, ohne übrigens Arno Schmidt zu imitieren. Timm nimmt sich Schmidts Kritik zu Herzen. Und er erzählt nicht nur solide, sondern auch ohne eine Spur von Bitterkeit. Sanftmut und Unverlogenheit gehen selten so stimmig Hand in Hand.

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