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Nordkorea Glühwürmchen in der Finsternis

Unter dem Pseudonym „Bandi“ veröffentlicht ein regimekritischer Autor Erzählungen aus Nordkorea.

Nordkorea
Pjöngjang, 16. April 2017: Zwei Jungen salutieren. Foto: rtr

Ist Karl Marx zum Fürchten? Auf diese Frage wird wohl jeder so seine eigene Antwort zu geben wissen. Für den zwei Jahre alten Meyong-Sik indes ist die Sache eindeutig: Er fürchtet sich in der Tat vor dem Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, genauer: vor dem riesigen Konterfei des bärtig-finsteren Mannes, das an einer Hauswand gegenüber der elterlichen Wohnung angebracht ist. Der sensible Junge weint, kann nicht schlafen – woraufhin seine Mutter Han Kyeong-Hui etwas Naheliegendes tut: Sie zieht die Vorhänge zu, auf dass ihr Sohn Karl Marx nicht mehr sehen muss.

Naheliegend nach landläufigen Maßstäben, aber nicht in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang, wo diese Geschichte spielt: Es ist der Tag vor dem Nationalfeiertag, eine gigantische Militärparade ist angesagt, und da haben in den Mietskasernen an der Marschroute sämtliche Gardinen zurückgezogen zu bleiben. Bei den Mietern mit den geschlossenen Vorhängen kennt die Staatssicherheit kein Pardon: Ideologische Subversion wird vermutet, eine staatsfeindliche „Geisteshaltung“. Zumindest hätten es die Erzeuger des Knaben nicht verstanden, ihm „Anfälligkeit und Ängstlichkeit“ auszutreiben.

Die Strafe: Die Familie Kyeong-Hui wird bei Nacht und Nebel und unter Zurücklassung ihrer Habseligkeiten aus Pjöngjang verbannt – irgendwohin aufs Land. Und das ist eine harte Sanktion, denn Privatreisen in Nordkorea sind, wie eine andere Geschichte lehrt, strikten parteiamtlichen Restriktionen unterworfen.

Eine andere Geschichte? Ja, der Band „Denunziation. Erzählungen aus Nordkorea“ besteht aus sieben Storys aus der Alltagswelt des weitgehend abgeschotteten und daher zumal dem westlichen Normalverbraucher unbekannten Landes, das die Völkergemeinschaft freilich durch seine martialisch-aggressive Polit-Rhetorik und seine permanente Drohung mit der Atombombe beziehungsweise der Entwicklung weitreichender Trägersysteme in Atem hält.

Der Autor des Bandes nennt sich „Bandi“, was so viel wie „Glühwürmchen“ bedeutet. Der Sinn dieser Pseudonym-Wahl liegt auf der Hand: Ein Glühwürmchen ist ein kleines Licht in der Nacht einer sich selbst kommunistisch nennenden Steinzeitdiktatur, deren Ende einstweilen nicht abzusehen ist. Und jetzt kommt das, was die Veröffentlichung einzigartig macht und weshalb dem Piper-Verlag mit diesem Buch ein großer Wurf gelungen ist: Während authentische nordkoreanische Literatur bislang ausschließlich aus den Federn von in den Westen geflohenen Dissidenten stammt, lebt „Bandi“ nach wie vor auf der Nordhälfte der seit 1953 politisch geteilten Halbinsel. Das Manuskript musste und konnte, wie Do Hee-Yoon im Nachwort schreibt, aus dem Land geschmuggelt werden. Selbstredend verschleiert Do, der Vorsitzende der südkoreanischen Nichtregierungsorganisation „Solidarität und Menschenrechte für alle nordkoreanischen Flüchtlinge“, auch die Identität des Autors, denn angesichts der systemkritischen, besser: der systemvernichtenden Tendenz der Texte müsste deren Verfasser in seinem Heimatland mit dem sicheren Tod rechnen.

So sind halt auch die biografischen Angaben zu „Bandi“ im Nachwort relativ wertlos, da eben aus Verschleierungsgründen fingiert. Und weil Do Hee-Yoon der einzige Gewährsmann für die Authentizität dieser Texte ist, kann der Verdacht nicht gänzlich ausgeräumt werden, bei dem Ganzen könne es sich auch um ein Pseudo-Konstrukt, um ein Fake handeln. Kenner der Materie indes halten Stil und Machart der Erzählungen immerhin für sehr „nordkoreanisch“.

Die Storys sind zwischen 1989 und 1995 entstanden, umschließen also die Periode jener katastrophalen Hungersnot, in deren Folge in Nordkorea eine Million Bürger ums Leben gekommen sein sollen, wie auch des familiären Führungswechsels von Kim Il-sung zu Kim Jong-il im Jahre 1994. Im Zentrum der Geschichten stehen Durchschnittsmenschen, die, von Haus aus alles andere als Regime- oder Parteifeinde, irgendwann aufgrund von Zwangslagen in ihren persönlichen Lebensumständen zwischen den unerbittlichen Mühlsteine der Staatsmacht zerrieben werden: Da ist der junge Mann, der seine sterbende Mutter besuchen will, sich verzweifelt über das Reiseverbot hinwegsetzt und dabei erwischt wird. Da ist die Familie, deren Mitglieder bei einer Massenpanik an einem Bahnhof schwer verletzt werden, weil die Zuglinie für den vorbeifahrenden Diktator gesperrt wurde. Da ist der Leiter der Technikabteilung einer Sojapaste-Fabrik, der entbehrungsreich neue Anbauflächen schafft und doch kujoniert wird, als die Sache ohne sein Verschulden schief geht. Und da sind allemal die Menschen, die aus Liebe und Dankbarkeit für ihren großen Führer gleichsam auf Kommando Tränen vergießen können – obwohl sie unter Willkür, Bespitzelung, Sippenhaft und Machtmissbrauch brutalst zu leiden haben. Das Regime zwingt sie dazu, permanent als Statisten auf einer Bühne zu stehen, zu einer angstgesteuerten „Als ob“-Existenz.

Literarisch reißen diese Texte übrigens keine Bäume aus (auch die Qualität der Übersetzung ist nicht preisverdächtig). Hölzern wirken mitunter narrative Struktur und Dialogführung, grobschlächtig ist die Symbolik. In der letzten Erzählung „Der rote Pilz“ zum Beispiel gibt es ein Parteigebäude in der Stadtmitte, das wie ein solcher aussieht. Zugleich vergiften sich hier mehrere Menschen an roten Pilzen – platter geht’s kaum. Aber das kann nicht der Punkt sein: Allemal wird hier nachdrücklichst eine an Orwell und Kafka erinnernde Alptraumwelt lebendig. Man hält es kaum für möglich, dass es so etwas gibt – und für noch weniger verständlich, dass westliche „linke“ Autoren wie Luise Rinser sich einst dazu hinreißen ließen, dieses System zu bejubeln.

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