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Nora Bossong Die verschreckte Zwergin Europa

Nora Bossong findet in ihrem neuen Gedichtband poetische Bilder für die Dilemmata unserer Zeit.

Nora Bossong
Nora Bossong. Foto: Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

Kreuzzug mit Hund“ heißt der neue Gedichtband von Nora Bossong. Ein überraschender Titel, der irrige Assoziationen weckt. Nein, es geht keineswegs um bewaffnete Eroberungszüge, es geht nicht um einen christlich-abendländischen, einen vermeintlich gerechten Krieg, im Gegenteil. Das Buch vollzieht zwar eine Bewegung von West nach Ost, und es ist offenbar inspiriert von vielen Reisen: ins deutsche Bürokratenwesen, in die Provinz, in europäische Städte, nach Israel und schließlich in den Iran.

Ein Blick auf das titelgebende Gedicht „Kreuzzug mit Hund“ lässt ahnen, wie das mit dem „Kreuzzug“ gemeint ist. Es entstammt dem neunten und abschließenden Zyklus „Mysterien“ und ist in Teheran verortet. Das lyrische Ich verliert sich „müde vom Smog / und all den Mysterien“ in einer Sphäre zwischen Tag und Traum. Der Hund in diesem „Kreuzzug“ ist ein versehrter, hinkender Straßenköter und das Ich eine von zu vielen Eindrücken überwältigte Reisende, berauscht und bedrängt von Fremdheit, Schönheit und dreckiger Luft. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk hat Nora Bossong den „Kreuzzug“ im Buchtitel als „Versuch einer Annäherung verschiedener Kulturen, verschiedener Mentalitäten, verschiedener auch Religionen“ erklärt. Die Reisende ist also weder im Zeichen des Kreuzes noch in unfriedlicher Absicht unterwegs, sondern nähert sich fremden Orten, Kulturen und Geschichten suchend und in der Hoffnung auf Verständigung.

Die 1982 in Bremen geborene Autorin hat Kulturwissenschaften, Philosophie und Literatur in Berlin, Leipzig und Rom studiert. Sie schreibt Lyrik, Romane, Essays und Reportagen und hat zurzeit die Poetikdozentur für junge Autoren der Hochschule RheinMain und der Stadt Wiesbaden inne. Bossong ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden, darunter mit dem Peter-Huchel-Preis, dem Kunstpreis Berlin und dem Roswitha-Preis. „Kreuzzug mit Hund“ ist ihr erstes Buch, das bei Suhrkamp erscheint.

Mit weit offenen Augen und Sinnen ist sie gereist, vereint die Unvereinbarkeiten der Wirklichkeit, fasst unfassliche Schönheit in Worte und spart den brennenden Plastikmüll nebenan nicht aus: die Pracht des Kuppeldachs der Lotfollah-Moschee in Isfahan und im Hof die PET-Flaschen, die sich im Feuer schmelzend „zu einem Tulpenkelch krümmen“ (in „Tulpenfieber“).

Dichtend setzt sie sich mit Politik auseinander, indem sie poetische Bilder findet für die Dilemmata unserer Zeit. „Ach Europa,“ heißt das erste Gedicht des Bandes. Es greift mit diesem Stoß-seufzer den Entstehungsmythos auf („Königstochter mit einer panischen Angst vor Stieren“) und beschreibt den Kontinent als „Panoptikum aus Irren und Ehrenbürgern, / Bagatellen und bösen Geistern“, als „verschreckte Zwergin am Ende der Welt“, an der „uns“ trotz allem irgendetwas liegt – weshalb wir sie aufmuntern „und beteuern, dass es einmal gut ausgeht mit ihr“. Es herrscht also skeptischer Realismus statt des Zweckoptimismus, mit dem politisch Mächtige so oft die Augen verschließen vor all den Rissen und Gräben nicht nur in Europa.

Es geht um moderne Kriege, worum sie geführt werden und womit: „die Lage wird / heute durch Mohnanbau bestimmt durch Zeissoptik beschossen“, und um ihre Folgen: „ein Kamerad ging zurück war nur noch leer ein Hüllenwesen“ („Stationiert“). Es geht ums große Ganze, um das Böse, das unbegreiflich ist und uns doch in jedem Terroranschlag so real begegnet wie in uns selbst („Unde malum“). Erinnerungen werden zu poetischen Miniaturen: Erinnerungen an verlorene Lieben wie im Zyklus „Gespenster“ oder Erinnerungen (vielleicht) an die Kindheit im Zyklus „Versuch über Provinz“.

Tiere kommen häufig vor. Gerade weil sie keine Sprache haben, werden sie zuweilen Boten der poetischen Welt, so wie der lächelnde Pfau in „Könige. King David Hotel, Jerusalem“ im Israel-Zyklus „Altes neues Land“. In atmosphärisch dichten Momentaufnahmen verschränkt Nora Bossong Gegenwärtiges und Vergangenes, Erlebtes, Erlerntes und Erfundenes. Sie öffnet mit ihren reimlosen Versen Assoziationsräume, in denen sich ihre Spur verliert. Wenn sie von sich spricht, „ich“ sagt, hat sie die Leserin längst hineingezogen in ihr lyrisches Universum, und sie bleibt immer einen Schritt voraus.

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