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Nobelpreisträger Patrick Modiano Romane zum Süchtigwerden

Die Bücher des Nobelpreisträgers Patrick Modiano entwickeln einen eigenen Sog. Den fühlt unser Autor, der den Roman „Ein so junger Hund“ von Modiano ins Deutsche übersetzt hat, am eigenen Leib.

10.10.2014 08:27
Jörg Aufenanger
Patrick Modiano ist der Literaturnobelpreisträger 2014. Foto: dpa

Ich bin kein Suchtmensch, auf Alkohol, Frauen und Kaffee und alle anderen Suchtmittel kann ich, wenn auch schweren Herzens, gut verzichten, doch auf die Romane Modianos nicht. Habe ich den gerade neu erschienenen Roman beendet, beginnt das kaum zu ertragende Warten auf den nächsten Roman. Glücklicherweise schreibt Patrick Modiano viel, etwa im Zweijahresrythmus erscheint ein neuer Roman, es mögen inzwischen über dreißig sein. Fahre ich in Urlaub, nehme ich immer einen seiner Romane mit, lese ihn zum fünften, sechsten Mal, bin so sicher, dass ich nie enttäuscht werde.

Nun hat er den Nobelpreis bekommen, und ich habe das Gefühl, es wird mir etwas genommen, so als wollte ich ihn nur für mich bewahren. In Frankreich gilt er schon lange als ein Star der Literaturszene, aber auch dort steht er unter dem Verdacht, immer denselben Roman zu schreiben. Aber was macht das schon, das Leben ist ja auch ein Roman in vielen Geschichten. In Deutschland hatte er lange Zeit eine kleine, fast geheime Gemeinde, er wurde wenig gelesen, nur von den Süchtigen, und so gab Suhrkamp ihn irgendwann auch an Hanser ab.

Es geht um das Verschwinden

„Mein Leben war immer nur eine Flucht“, schreibt Modiano in dem Roman „Hochzeitsreise“. Und in der Tat geht es in nahezu allen Büchern um das Verschwinden, denn seine Protagonisten, hinter denen sich der Autor zu verstecken sucht, wollen ihre Existenz auslöschen in einem nur ungefähren Leben, wollen sich den Anforderungen und Zumutungen der Gegenwart entziehen. Und warum?

„Ich wurde am 30. Juli 1945 geboren, in Boulogne-Billancourt, als Kind eines Juden und einer Flämin, die sich im Paris der Okkupationszeit kennengelernt hatten“, bekennt Patrick Modiano in seinem eindeutig autobiographischen Roman „Ein Stammbaum“, in dem er alle seine anderen Roman leider entschlüsselt hat.

Wie manisch besessen wird er auf die Suche nach seinem Vater gehen, der den Sohn immer wieder aus seinem Leben abschiebt in Internate, in eine leere Wohnung. Und bei der Suche stellt er auch fest, dass sein Vater, obwohl Jude, mit den deutschen Besatzern von Paris auf dem Schwarzmarkt gekungelt hat, und in der Folge auch immer wieder in zwielichtigen Unternehmungen unterwegs war, bei denen sowohl seine Frau als auch der Sohn lästig waren.

Über Monate war er verschwunden, was aber auch dazu führt, dass der Sohn, also Modiano, zwangsläufig früh autonom wird und sein Heil im Schreiben sucht. Seinen ersten Roman „Place de l’Étoile“ verfasst er mit 21 Jahren, der auch sofort von Gallimard, der ersten Verlagsadresse Frankreichs, veröffentlicht wird.

Hier schon hat er sein Thema gefunden. Er halluziniert die Jahre der Okkupation, in denen Verrat, Korruption herrschen, in denen sich Franzosen, wie auch Modianos Vater, bereichern, in dem sie für den Schwarzmarkt mit den Besatzern zusammenarbeiten. Da er selbst nicht die Zeit erlebt hat, taucht Modiano in diese „schwarzen „Jahre“ ab, als wäre er auch dabei. Diese Überlagerung von Vergangenheit und Gegenwart wird zu seinem Stilmittel, mit dem er versucht zu erkunden, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hineinragt und die eine die andere berührt. Dabei bleibt alles im Ungefähren einer Halluzination, was Modiano seitens eines Kritikers in einer deutschen Zeitung schon mal den Vorwurf eingebracht hat, er habe wieder einmal die Nebelmaschine angeworfen.

Hinter einem Nebelschleier sichtbar

Als Junge hatte Modiano einen Autounfall gehabt, wurde operiert und mit Äther betäubt, was er in mehreren Romanen erzählt. Wie in einem Äthertraum bleiben Geschehnisse miteinander verbunden und in der Tat wie hinter einem Nebelschleier nur sichtbar. Auch in seinem zweiten Roman „La Ronde de Nuit“ von 1969 ist der Verrat während der Besatzungszeit beherrschendes Thema, eine Angelegenheit über die man damals in Frankreich noch beharrlich und nicht einmal beschämt schwieg.

1978 erhält Modiano für „Die Gasse der dunklen Läden“ den Prix Goncourt, damit ist seine Stellung als einer der bedeutendsten Schriftsteller seines Landes besiegelt. Auch in diesem Roman vermischt er Gegenwart und die dunkle Vergangenheit Frankreichs, stellt Koinzidenzen zwischen gestern und heute her. Der Ich-Erzähler hat sein Gedächtnis verloren, so dass er seine Vergangenheit neu erforschen muss. Die Frage quält ihn: Was geschah zum Ende des Kriegs bei einer Flucht aus Frankreich in die Schweiz und was hat das mit der Straße in Rom zu tun, die dem Roman den Titel gibt? Kein Kriminalroman, aber eine Geschichte, die ihrer Aufklärung harrt.

Fast alle Romane Modianos spielen in Paris, und wohl keiner in unserer Zeit hat die Stadt so eindrucksvoll, umfassend und penibel genau erzählt wie er, so dass man seine Romane auch wie einen Stadtplan nutzen kann. Inzwischen gibt es beliebte Führungen auf Modianos Spuren durch die Stadt, die vor seinem Wohnhaus am Seine-Quai beginnen. Immer mal habe ich mir vorgestellt, ob er dann wohl aus seinem Fenster schaut, wie man in seinem Namen durch Paris führt.

Zumeist wird der Nobelpreis für Literatur ja vergeben an Schriftsteller, deren Werk offensichtlich eine gesellschaftliche Relevanz hat, Stellung nimmt. Da dies bei der radikalen Ich-Literatur Modianos auf den ersten Blick nun nicht gegeben ist, überrascht die Verleihung an ihn, auch wenn es stets um die vier Jahre der Okkupation Frankreichs und die dortige Verfolgung der Juden geht. Aber eine Stellungnahme zur unmittelbaren Gegenwart findet man in seinen Romanen nicht.

„Er dachte an die Zukunft, das heißt eigentlich an nichts“, ist zu lesen in dem Roman „Eine Jugend“, der von Peter Handke übersetzt wurde, er auch ein begeisterter Leser seines französischen Kollegen. Dasselbe gilt auch für jede Gegenwart. Für Modiano ist alle Zeit eine verlorene Zeit, und wenn er von dieser erzählt, sind es vor allem die 1960er Jahre, wo doch so viel Aufbruch in der Welt war. Der scheint auch durch, doch wie „Im Café der verlorenen Jugend“ erinnert sich Modiano vor allem an die Abwesenheit von Hoffnung. Diese Melancholie, zart aber unerbittlich, ist Erbe der Vergangenheit, die ihn besetzt – und inzwischen wohl auch einen nicht geringen Teil der Franzosen.

Was aber bleibt und erwartet die Tausenden neuen Leser, die nun erst Modiano entdecken werden? Man könnte mit seinem Landsmann Buffon antworten: „Der Stil macht den Menschen aus.“ Ja, es ist der ansteckende Stil seines Schreibens, der nicht nur wunderbar vermag, vom ersten Satz an eines Romans eine Atmosphäre von Ort und Zeit zu schaffen, sondern auch so ergreifend von einem Menschen erzählt, der immer ein unverwechselbares Ich ist, das des Patrick Modiano. Zum süchtig werden.

Jörg Aufenanger hat Modianos Roman „Ein so junger Hund“ übersetzt.

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