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Noam Chomsky Es mag komplex sein, aber es ist zu begreifen

Ein Mensch, der keine Kontroverse scheut: Die FR würdigt den Linguisten Noam Chomsky, der 90 Jahre alt geworden ist.

Noam Chomsky
Widersprüche auszuhalten, gehört zur Grundausstattung Noam Chomskys. Foto: dpa

Wer Mitte der sechziger Jahre in der Bundesrepublik aufwuchs und sich zur undogmatischen Linken zählte, der war begeistert von Noam Chomsky. Es gab kaum einen Wissenschaftler, der mit ähnlicher Energie sich gegen den Vietnamkrieg aussprach. Ich kannte keinen, der sich als sozialistischen Anarchisten bezeichnete und Mitglied bei der legendären 1905 gegründeten Organisation der „Industrial Workers of the Earth“ war.

Gleichzeitig aber fanden einige von uns Chomskys Vorstellung von einer dem Menschen eingeborenen Fähigkeit zur Sprache reaktionär. Er suchte nach Tiefenstrukturen. Wir predigten das „weiße Blatt“. Freiheit konnte es, so dachten damals manche, nicht geben, wenn wir in vielem schon vor aller Erziehung festgelegt waren.

Der neue Mensch, von dem viele träumten, würde so neu nicht sein können, wenn man akzeptieren müsste, dass die wesentliche Mechanik des Sprechens von vornherein und auf ewig festgelegt war. Sprechen, das wussten wir, nicht zuletzt durch Chomsky, war nicht nur Kommunikation, wir waren aufs Sprechen angewiesen, wenn wir dachten, wenn wir träumten und fantasierten.

Es gab kleine Lesezirkel, in denen wir unseren soziologischen Blick stark zu machen versuchten gegen die Linguistik Chomskys. Irgendwann verlor diese Auseinandersetzung an Reiz. Der Krieg Soziologie gegen Biologie wurde abgeblasen. Wohl nicht zuletzt darum, weil die Soziologie ihn verloren hatte.

Noam Chomsky arbeitete und unterrichtete an einer der Kaderschmieden der naturwissenschaftlichen Intelligenz der USA, am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, Massachusetts. Auf dessen Website erhält man einen Überblick über Chomskys wissenschaftliche Veröffentlichungen.

Seit den sechziger Jahren veröffentlichte Noam Chomsky auch Aufsätze und Bücher zur Außenpolitik der USA. Er hielt am MIT auch Vorlesungen zu diesem Thema. In einem langen Gespräch mit Noam Chomsky, das 2015 geführt wurde und auf Youtube zu sehen und zu hören ist, erzählt der Physiker und Kosmologe Lawrence M. Krauss, geboren 1954, wie er in den siebziger Jahren statt Physikvorlesungen zu besuchen, lieber in Chomskys Veranstaltungen ging, die ihm die Augen öffneten für die wirkliche Geschichte und Gegenwart der USA.

Er tut das seit einem halben Jahrhundert. Er ist unermüdlich, wenn es darum geht, daran zu erinnern, dass die Väter der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung Sklavenhalter waren, die vehement die Vernichtung der indigenen Bevölkerung betrieben. Das hinderte sie nicht daran zu erklären: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden sind, worunter Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glück sind.“

Einsatz für Holocaust-Leugner

Widersprüche nicht nur auszuhalten, sondern ihnen nachzugehen, gehört zur Grundausstattung Noam Chomskys. Wer über die Entwicklung seiner linguistischen Ansichten liest, wird merken, wie er immer wieder Kritik aufnahm und sie veränderte. Er weiß, dass er irren kann. Das macht ihn nicht vorsichtig, sondern es gibt ihm die Kraft, zu seiner Überzeugung zu stehen. Bis er widerlegt wird.

Er scheute keine Kontroverse. Er setzte sich für die Freiheit von Holocaustleugnern ein, den Holocaust zu leugnen. Der am 7. Dezember 1928 in Philadelphia als Sohn mitteleuropäischer Juden geborene Noam Chomsky ist einer der schärfsten Kritiker der israelischen Politik. Er begreift schon die Schaffung des Staates Israel als einen Akt des europäischen Kolonialismus. Die Be- und Verdrängung der Palästinenser stehe in dieser Tradition.

Noam Chomsky hat mehr als einhundert Bücher veröffentlicht. Er ist unermüdlich. Die Rede, die er im Mai des Jahres hielt, dauerte eine Stunde. Man kann sie auf Youtube sehen. Er spricht über Donald Trump, über die gewaltigen Unterschiede zwischen Arm und Reich – in den USA und weltweit. Er spricht über Klimawandel, Korea, die EU, China und die Gefahr eines Atomkrieges. Ein Überblick über die Weltlage. Es könnte die Rede eines Präsidenten sein. Aber je länger man ihm zuhört, desto stärker wird der Eindruck: Der Mann, der so ruhig am Pult steht, der keine Spur von Erschöpfung zeigt, hält diese Rede in dem Bewusstsein, dass es vielleicht seine letzte sein könnte, sein Testament also.

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