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Nnedi Okorafor „Fantasy ist die andere Seite der Realität“

Fantasy-Autorin Nnedi Okorafor über Aliens in Lagos, schwarze Buchheldinnen und Rassismus in der Science-Fiction-Szene.

Nnedi Okorafor
„Keine einzige Figur spiegelte mich“, stellte Nnedi Okorafor fest und schuf Abhilfe. Foto: Michael Schick

Frau Okorafor, alle Ihre Bücher drehen sich um starke, schwarze Mädchen oder Frauen. Sind das Heldinnen, die Ihnen selbst in Ihrer Jugend gefehlt haben?
Oh ja. Einer der Gründe, warum ich begann, Fantasy- und Science-Fiction-Literatur zu schreiben war, dass ich keine komplexen schwarzen Frauenfiguren fand. Ich habe alles mögliche gelesen. Wann immer ich Science Fiction zur Hand nahm, sah ich nicht eine einzige Figur, die mich spiegelte. Diese Lücke wollte ich füllen.

Würden Sie sich als feministische Autorin bezeichnen? 
Ja, klar, ich bin Feministin! Aber ich verfolge deswegen keine Agenda beim Schreiben. Ich will einfach eine gute Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die einen direkt hineinzieht beim Lesen. Da ich mich selbst sehr stark als Feministin definiere, an Empowerment glaube und die Gleichheit aller Menschen, blubbert das aber bei allem, was ich schreibe, zwischen den Zeilen an die Oberfläche. 

Sie sind in den USA aufgewachsen, leben in Chicago. Warum spielen alle Ihre Geschichten in Afrika?
Eine gute Frage, sie wird mir oft gestellt. Meine Eltern kamen 1969 aus Nigeria zum Studieren in die USA und blieben dort, weil in ihrer Heimat der Biafrakrieg ausbrach. So kam es, dass ich in den USA geboren wurde. Nach dem Krieg brachten meine Eltern mich und meine Geschwister regelmäßig nach Nigeria, um die Verbindung zur Familie und unserer Kultur zu halten. Diese Reisen hatten einen starken Einfluss darauf, wer ich bin und wie ich die Welt sehe. Sie haben mir gezeigt, dass die Welt weit und vielfältig ist; dass die Vereinigten Staaten nicht die einzige Art von Gesellschaft sind. Deshalb hat schon die erste Kurzgeschichte, die ich im Alter von 19 Jahren schrieb, in Nigeria gespielt. Das war einfach der Ort, wo für mich die Geschichten lagen. Auch meine Romane spielen in bestimmten Teilen Afrikas, einem mythischen, futuristischen Afrika.

Ihr Werk wird deshalb gerne der kulturellen Ästhetik des Afrofuturismus zugeordnet. Finden Sie das treffend? 
Als ich 2005 meinen ersten Roman veröffentlichte, hatte ich noch nie von Afrofuturismus gehört. Mittlerweile wird darunter alles eingeordnet, was sich schwarzes Leben in der Zukunft ausmalt oder futuristische Technologien; jegliche Science Fiction, die afrikanischer Herkunft ist. Aber eigentlich hat Afrofuturismus einen anderen Ursprung, es begann als Reverenz an die afroamerikanische Musik von P-Funk, George Clinton oder Sun-Ra. Mich stört, dass die Wurzel des Afrofuturismus in der afroamerikanischen Kultur liegt. Ich finde, die Wurzel eines Afrofuturismus sollte in Afrika liegen und von dort aus in die Diaspora wachsen. Mir scheint die Definition sonst zu eng. Aber ich habe ohnehin eine komplexe Beziehung zu Kategorien. Sobald man etwas definiert, reduziert man es gewissermaßen darauf. 

In jüngeren Jahren haben junge nigerianischstämmige Autorinnen und Autoren wie Chimamanda Ngozi Adichie oder Teju Cole von sich reden gemacht, die ein ganz anderes Genre bedienen als Sie. Verfolgen Sie ihr Schaffen? 
Ich liebe ihre Bücher, ich lese alles von ihnen. Viele, etwa Chimamanda, Teju Cole, Chris Abani habe ich auch persönlich kennengelernt. Ich identifiziere mich sehr mit dem, was sie schreiben. Auch mit der Generation vor ihnen. Mit Ben Okri, Wole Soyinka, Buchi Emecheta ...

Sie alle sind in der literarischen Welt anerkannt. Gilt das auch für Sie? Werden Science Fiction und Fantasy im Literaturbetrieb angemessen ernst genommen? 
Es gibt Schriftsteller, die solche Literatur schreiben und zur Elite gezählt werden, Margaret Atwood etwa. Aber sie würde ihr Werk selbst wohl nicht als Science Fiction bezeichnen, weil dem eine Art Stigma anhaftet, dass es kein ernsthaftes Schreiben wäre. Das ändert sich nur langsam. Ich meine, ich habe einen Doktortitel in Literatur. Ich kenne die Vorzüge der schönen Literatur und stecke vieles davon in meine Arbeit, wenn ich schreibe. Ich kenne beide Welten, die der Unterhaltungsliteratur und der Hochliteratur, und finde ich kann mir herausnehmen zu sagen, dass es Quatsch ist, diese beiden Bereiche zu trennen und einen als höherwertiger zu bezeichnen.

Ärgert Sie diese Unterteilung?
Ja, klar. Wenn man eine bestimmte Art von Literatur schreibt und deswegen von vorneherein für bestimmte Preise nicht in Betracht kommt, schmerzt das natürlich.  Oprah’s bookclub etwa lässt Science Fiction und Fantasy nicht zu. Das zeugt von einem problematischen Snobismus.

Sie lehren auch kreatives Schreiben. Geht es da speziell um Ihr Genre?
Nein, ich lehre kreatives Schreiben. Punkt. Dieselben Handwerksregeln sind auf alle Formen der Literatur anwendbar. Es geht um einen guten Plot, um starke Charaktere, um Stil, um Erzählstimme – das alles gilt es bei allen Prosaformen zu beachten.

Der westliche Blick auf den großen Kontinent Afrika ist oft wenig differenziert. Nun kommen Sie und mischen fiktive und real existierende Orte und Kulturen sowie harte reale Themen, etwa weibliche Genitalverstümmelung oder Kriegsvergewaltigungen, mit magischen und fantastischen Elementen. Laufen Sie damit nicht Gefahr, einer weiteren Exotisierung Afrikas Vorschub zu leisten?
Das besorgt mich eigentlich nicht, weil ich beide Seiten kenne. Ich romantisiere Afrika nicht. Wenn ich nach Nigeria reise, komme ich nicht als Touristin, sondern als Familienangehörige. Ich sehe die positiven und negativen Seiten. Aber weil ich auch Amerikanerin bin, ist mir bewusst, wie der afrikanische Kontinent im Westen betrachtet wird. Ich glaube, ich kann aus dieser Position heraus afrikanische Themen erfolgreich für ein westliches Publikum übersetzen. Und was die fantastischen Elemente meiner Geschichten angeht: Ich bin überzeugt, dass das Fantastische die andere Seite der Realität ist. Teil meiner persönlichen Weltsicht ist es, dass das Mystische und das Mondäne koexistieren. Wenn ich etwas Schreckliches schildere, wird es immer diese mystischen Aspekte an sich haben. Ich glaube, Unerträgliches wie weibliche Genitalverstümmelung, Vergewaltigung als Kriegswaffe, Kindersoldaten oder Genozid lassen sich oft überhaupt nur darstellen durch die Linse der Fantasie.

Wenn ich an die nigerianische Megacity Lagos denke, in der Ihr Roman „Lagune“ spielt: Da stolpert man in der Realität an jeder Straßenecke über so viel Kurioses, Kontraste, Konflikte – warum braucht es da noch Aliens, die in die Stadt kommen?
(lacht) Gerade darum! Als Schriftstellerin möchtest du doch, dass deine Geschichte dort spielt, wo am meisten passiert, wo es aufregend ist, wo es Konflikte gibt. Also habe ich mich gefragt: Wenn Aliens nach Afrika kämen, wo würden sie hingehen? Natürlich würden sie nach Lagos gehen. Wohin denn sonst? Lagos ist eine unglaublich hektische, furchteinflößende, wundervolle, verblüffende, verrückte, sich entwickelnde, gigantische Stadt. Die größte Stadt in Afrika. Deshalb würden Aliens, wenn sie nach Afrika kommen, selbstverständlich in Lagos landen. Jedes Mal, wenn ich dort war, habe ich Unglaubliches gesehen ...

Zum Beispiel? 
Lagos ist berüchtigt für seinen Verkehr, den „go-slow“. Ich erinnere, wie ich einst mit 16 Jahren auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel in diesem Stau stand. Da sah ich einen Mann, der mit einer Peitsche auf die Autos einschlug, als seien sie Pferde. Ich sah eine Frau in einem majestätischen Kleid, die sich selbst offenkundig sehr darin gefiel und in aller Ruhe die dichtbefahrene Straße kreuzte. Einen Autofahrer störte das und statt zu hupen, stupste er sie mit seinem Wagen an, damit sie schneller ginge. So ging das in einem fort. Binnen 15 Minuten war ich so verängstigt von dieser Stadt, dass ich mich in meinen Sitz kauerte und mir schwor, nie wieder zu kommen. Als ich „Lagune“ schrieb, musste ich wieder an diese Reise denken und wusste, dass mein Buch hier spielen muss.

Für Ihren Roman „Wer fürchtet den Tod“, der im vergangenen Jahr in deutscher Übersetzung erschienen ist, haben Sie 2011 den World Fantasy Award gewonnen in einem Genre, das lange von männlichen, weißen Perspektiven dominiert wurde. Welche Erfahrungen haben Sie als schwarze Autorin in dieser Szene gemacht?
Als ich den World Fantasy Award gewann, gab es diesen Preis seit 32 Jahren und ich war die erste schwarze Preisträgerin. Der Preis hatte die Form des Kopfes von Horror-Autor H. P. Lovecraft. Ich wusste, dass er berüchtigt ist für seine rassistischen und antisemitischen Ansichten. Aber erst als ein Freund mir ein wirklich übles, grauenhaftes Gedicht Lovecrafts über schwarze Menschen zeigte, wurde mir das Ausmaß bewusst. Ich hatte gerade den bis dato wichtigsten Preis meiner Karriere gewonnen, geformt nach dem Antlitz eines Rassisten – und keiner sagte etwas dazu. Da wusste ich, es gibt ein Problem und habe einen Blogeintrag verfasst. Mein Text mündete in einer sehr lebhaften Diskussion über Rassismus in der Science-Fiction-Community, die fast fünf Jahre andauerte. In dieser Zeit habe ich erstmals Todesdrohungen erhalten. Aber ich habe eine Debatte angestoßen – und letztes Jahr wurde die Form des Preises schließlich geändert. 
 
Interview: Marie-Sophie Adeoso

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