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Nils Minkmars Essays Klebt gut

Nils Minkmars "Mit dem Kopf durch die Welt": Essays über das normale Leben, im emphatischen Sinn des Wortes, nämlich ein spielerischer Versuch, komplexe Phänomen zu beobachten.Von Oliver Pfohlmann

10.05.2009 00:05
OLIVER PFOHLMANN

Nils Minkmar ist vom Sekunden-Zweikomponenten-Kleber fasziniert. Ein "Superstoff", der in Nullkommanix Wasserrohre dichtet und Löcher klebt. Sogar Dübel lassen sich in ihn hineindrehen, verrät der Journalist in einer Abhandlung über den Umzug als Charakteristikum postmoderner Lebensweisen - ein selbstironischer Handwerkertipp, der sich auch als Metapher für die Bauweise von Minkmars "personal essays" verstehen lässt.

Denn das, was der 43-jährige Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung aus den "modernen Kerngebieten des Normalen" wie Politik, Religion oder dem Verhältnis des bahnfahrenden Mannes zu seinem Sitzplatz zu berichten weiß, sind aus disparaten Einzelteilen zusammengeleimte Collagen. Frei nach Willy Brandt, einem von Minkmars Hausgöttern: Jetzt steht zusammen, was ich als Reporter alles zu einem Thema erlebt oder schon einmal dazu geschrieben habe.

Und, oh Wunder: Das Ganze hält. Meistens jedenfalls. Man nehme etwa Minkmars Essay über die "schönste Hauptsache der Welt", die Politik, Pflichtlektüre für alle Verdrossenen und Verächter. Er beginnt bei dem gespenstischen Besuch eines wie unter Drogeneinfluss wirkenden George W. Bush 2007 in Mecklenburg-Vorpommern, wechselt dann zur Wahlnacht im November 2000, als Al Gore schon wie der sichere Sieger aussah - von heute aus gesehen einer der "tipping points" der Weltgeschichte, den Minkmar im CNN-Newsroom in Atlanta miterlebte. Reist von Atlanta zurück in die achtziger Jahre, in Minkmars Vergangenheit in der Juso-Hochschulgruppe seiner Uni, wo sie schon alle versammelt waren: die Politikjunkies, Querulanten und größenwahnsinnigen Schwätzer. Und endet mit einem liebevoll-vernichtenden Porträt Oskar Lafontaines ("noch heute kann ich es kaum fassen, dass er wie der Duracell-Hase einfach weitermacht").

Emphatischer Essayismus

Was in der Zusammenfassung wie ein haarsträubende Tour de Force anmuten mag, entpuppt sich bei der Lektüre als Essayismus im emphatischen Sinn des Wortes, nämlich als spielerischer Versuch, ein komplexes Phänomen aus verschiedenen Perspektiven zu beobachten. In anderen Texten reist Minkmar auf den Spuren des Nachwuchsislamisten Daniel aus der Sauerland-Gruppe in seinen Saarbrücker Heimatstadtteil Dudweiler (bis dahin für ihn "der Nullpunkt menschlicher Harmlosigkeit") oder erkundet den dramatischen Kurssturz des Mannes von einer Stütze der Gesellschaft "zu einer weniger behaarten Variante des Problembären".

Auch wenn Minkmars Aufhänger, die "Unvorhersagbarkeit" von Lebensläufen und Ereignissen im frühen 21. Jahrhundert, ein bisschen wie ein in einem zu groß gebohrten Loch herumwackelnder Haken wirkt, sind es doch überwiegend pfiffig gemachte, lesenswerte Bastelarbeiten voller ironischer Reflexionen, die der Bourdieu-Schüler hier abliefert.

Mit seinem so anrührend porträtierten französischen Großvater hat Minkmar vielleicht mehr gemein, als er ahnt: Der kulinarisch versierte Weltkriegsveteran aus Bordeaux, der noch die einfachen Freuden des Lebens zu genießen wusste, bezog bei seinen Besuchen in Saarbrücken stets Stellung vor Imbissbuden. Dort beobachtete er immer aufs neue staunend die Bratwurstsemmeln in sich hineinstopfenden deutschen Passanten.

Eben dieses unversiegbare Staunen ist es, mit dem hier einer die "ganz normale" Wirklichkeit beobachtet.

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