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NICOLE HENNEBERG Das Treffen der Winde

László Krasznahorkai sucht und findet in Japan einen vollkommenen Ort

16.03.2005 00:03
Die Illustrationen dieser Literatur-Rundschau stammen von Larissa Bertonasco, von der soeben das Kochbuch "La nonna La cucina La vita" im Gerstenberg Verlag erschienen ist. Mehr Informationen und weitere Illustrationen unter www.bertonasco.de.

Mit keinem seiner Bücher hat sich der ungarische Erzähler László Krasznahorkai so weit von seinem Heimatland entfernt wie mit diesem. Seit längerem schon ein begeisterter Asienreisender, begibt er sich mit Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß tief in die Mythen- und Vorstellungswelt Japans hinein, ohne jedoch, und das ist eines der vielen bewundernswerten Dinge an diesem kleinem Roman, seinen ganz eigenen Blick aufzugeben. Die Geschichte, die auf zwei gegenläufigen Ebenen erzählt wird, ist einfach und kompliziert zugleich: Der Enkel des Prinzen Genji, eine märchenhafte Figur, die durch die Jahrhunderte wandert und von der es sehr verschiedene Geschichten und Deutungen gibt, sucht einen geheimnisvollen und verborgenen Ort, von dem er in einem alten Buch gelesen hat. Er ist so besessen von dieser Suche, so gehetzt von der Leidenschaft seiner Vorstellungskraft, dass ihn kurz vor dem Ziel die Kräfte verlassen. Der Erzähler beobachtet ihn, überholt ihn in der Erzählzeit und kehrt wieder zu ihm zurück, so, als wäre der Protagonist der Erzählung eine beliebige Spielmasse, oder auch nur ein Einfall, eine Laune, jener ähnlich, die ihn selbst führt, "eine luftige, nicht zu dieser Welt gehörende, leichte, spielerische, mit ungewohnt eindrücklicher Improvisation arbeitende, aber unfehlbare Laune".

Was der Erzähler und der geheimnisvolle Enkel des Prinzen Genji in Gestalt des vollkommenen Ortes suchen, ist die gegenständlich gewordene Schönheit, ein Bild unerreichbarer Harmonie, dessen sichtbare Oberfläche jenes verlassene Kloster in den Bergen bei Kyoto ist, das - zwischen Berg, See, Weg und Fluss gelegen - alle Vorschriften der Tradition erfüllt. Was sich an diesem einen Tag, zwischen dem Eintreffen des Zuges der Kaihan-Linie aus der nahen Stadt am späten Vormittag bis zum Einbruch der Abenddämmerung dort abspielt, ist - auch wenn äußerlich kaum etwas geschieht - das größte aller denkbaren Abenteuer, denn der Eros des Wissens und der Erkenntnis zeigt sich gleichsam unverhüllt.

Hier, zwischen der endlosen Klostermauer, dem System der überdachten Korridore, der Lehr- und der Goldenen Halle und den Schreinen für die uralten Bambusbücher, laufen alle Fäden der Kulturgeschichte zusammen. Aber nicht nur das: Hier treffen sich auch die Winde, die sanften und die zerstörerischen, die Boden- und die Höhenwinde, die geostrophischen, die zyklischen und die antizyklischen; hier zeigen in winzigen Pflanzungen die Gesteine und Mineralien ihre Schönheit und ihr Können, jetzt, nachdem sie mit unendlicher Hartnäckigkeit alle tektonischen Verwerfungen der Erdgeschichte überstanden haben; und auch die acht eleganten Hinokizypressen stünden nicht hier, hätten Samen und Blütenstaub nicht unzählige, aussichtslos scheinende Kämpfe und widrigste Umstände überstanden. An jedem Punkt, an dem Erzähler und Protagonist um sich blicken, entfaltet sich so der vollkommene Augenblick, ein überirdischer Moment, der Vergangenheit und Zukunft im inneren Gleichklang zusammenführt und für uns nur in seiner Vergänglichkeit zu ertragen ist.

Aber nichts liegt Krasznahorkai ferner, als das Schöne zu vereinfachen, im Gegenteil: Er lässt es aus dem härtesten Kontrast hervortreten, aus Leid und Tod und Ekel, aus Unverständlichem und Krudem. Und seine Qualität, so der philosophische und zugleich poetische Anspruch in jedem der fünfzig Kapitel, die fast die Dichte von Prosagedichten haben, liegt in der Aussöhnung von Wissen und Rhythmus, von enzyklopädischer Leidenschaft und Bildkraft.

Eine ähnlich vielschichtige Synthese hatte Peter Handke in seinem Versuch über den geglückten Tag (1991) versucht, indem er die Spannung zwischen radikal subjektivem Fragen und Erzählelementen dauernd offen und fruchtbar hielt. Ähnlich streng hält Krasznahorkai die erzählerischen Passagen aus der Beantwortung philosophischer und existenzieller Fragen heraus, womit die mehr angedeutete als ausgeführte Definition von Schönheit ihre schwebende und beunruhigende Brisanz behält.

Die vielen kleinen und zarten Beobachtungen sind eingewoben in lange Ketten von ineinander greifenden Vorgängen, vom Wachsen des Bauholzes bis zum Knarren eines Bodenbrettes, das in der Verlassenheit der Gebäude noch von den ehemaligen Schritten erfüllt ist - lebendig dank des stimmigen Zusammenhangs, in den Menschen es, der Tradition gemäß, in Kenntnis und verehrender Nachahmung der Natur gebracht haben. Nicht zuletzt in diesem umfassenden Blick ist der Einfluss von Jorge Luis Borges spürbar, der seine Erzählungen als "Parabeln des Universums" gelesen wissen wollte.

Borges erzählte gern von fernen Zeiten und Ländern, um die Idee der Nichtigkeit und Einsamkeit, um die seine Geschichten paradigmatisch kreisen, in größtmöglicher Entfernung sich entfalten zu lassen. Und auch Krasznahorkai, dessen letzte Bücher Der Gefangene von Urga (1993) und Krieg und Krieg (1999) ebenfalls von weiten Reisen zeugen, ist mit diesem Roman weit von Ungarn entfernt - und doch ganz bei sich. Denn auf einer neuen Ebene ist er wieder bei dem elementaren Blick angelangt, der sich schon in seinem frühen Dorfroman Satanstango (1990) gezeigt hat.

Unmittelbar nach der Wende hielt ein verzweifeltes und angstvolles Beharren auf der Ausweglosigkeit die Menschen jenseits aller Vernunft gefangen. Mit dem Weg durch ein menschenleeres Kloster, das die Welt nicht nur bedeutet, sondern sie auf allen zeitlichen und räumlichen Ebenen, bis in die größte Erdtiefe hinein, verkörpert, ist der größtmögliche Gegenpol erreicht. Auch von hier gibt es kein Entkommen, ist es doch das Sein selbst, das sich in jedem Hauch, jeder Bewegung offenbart - der gespenstische Bereich reiner Mittelbarkeit, in dem alles mit den Händen zu greifen und doch nicht zu fassen ist, gegenwärtig und doch unerreichbar. Der kleine, magere Buddha im innersten Tempel jedenfalls wendet den Kopf ab angesichts des ständigen Misslingens ringsum; aber er tut das mit einer Geste reiner Schönheit.

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