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Nicholas Stargardt "Der deutsche Krieg 1939-45" Der Mord an den Juden war kein Geheimnis

Krieg und Schuld: Nicholas Stargardts außerordentliche Alltagsgeschichte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

03.12.2015 14:26
Von Micha Brumlik
Die alliierten Bombenangriffe auf Hamburg wurden seit 1943 „als Vergeltung gegen die Behandlung der Juden durch uns“ bezeichnet. Foto: epd

Bis weit in die 1950er Jahre, ja bis zur Wende zum dritten Jahrtausend und auch noch gegenwärtig sind viele Deutsche in Ost und West davon überzeugt gewesen, dass sich die Art und Weise, wie die Alliierten gegen Hitlers Deutschland Krieg führten, sich nicht wesentlich von den Verbrechen unterschied, die deutsche Truppen ihren Feinden im Krieg – nicht zuletzt deren Zivilbevölkerung, von den Juden ganz zu schweigen – zufügten.

Dass sich hinter dieser Larmoyanz ein massives Schuldbewusstsein verborgen hat, beweist eine neue, umfassende Darstellung des Zweiten Weltkriegs nicht nur in militärgeschichtlicher, sondern zumal in alltagsgeschichtlicher Perspektive.

Das soeben erschienene Buch „Der deutsche Krieg 1939-1945“ des in Großbritannien forschenden australischen Historikers Nicholas Stargardt überzeugt nicht nur durch die ebenso panoramatische, sehr anschauliche Darstellung des Kriegsgeschehens – vom Überfall auf Polen im September 1939 bis zur Kapitulation einer ausgebluteten Gesellschaft im Mai 1945 – sondern auch und vor allem dadurch, dass es sich eines häufig mit Argwohn betrachteten Quellenfundus bedient: nämlich persönlicher Tagebuchaufzeichnungen, privater Briefwechsel per Feldpost sowie der Mitteilungen nationalsozialistischer Inlandsdienste.

Sowenig sich im streng soziologischen Sinn die Repräsentativität der aus Alltagsquellen erhobenen Einstellungen der Deutschen während des Zweiten Weltkrieges beweisen lässt, so sehr belegen sie doch typische Haltungen während dieses Krieges.

Stargardts Alltagsgeschichte des „deutschen Krieges“ konfrontiert zwei Sichtweisen der deutschen Gesellschaft während des Zweiten Weltkrieges: Erstens die in sich durchaus gebrochene Perspektive des Regimes, das sich jederzeit darum sorgen musste, die Kampfmoral an militärischer und an der Heimatfront zu erhalten; sowie zweitens die Perspektive der Soldaten an der Front aber auch jener, die – ohne in allen Fällen überzeugte Nationalsozialisten gewesen zu sein – dem Regime in seinen Kriegsanstrengungen moralische Hilfe zukommen ließ. Das gilt nicht zuletzt für die Kirchen, zumal für die Katholische Kirche und ihre Amtsträger, die, allem mutigen Einsatz gegen die Ermordung Kranker zum Trotz, das Regime in seinem Krieg gegen die Sowjetunion ohne Wenn und Aber unterstützte, während protestantische Theologen – seien sie nun Mitglieder der Deutschen Christen oder der Bekennenden Kirche gewesen – den Krieg in vielen Fällen rechtfertigten.

Stargardts alltagsgeschichtlicher Blick nimmt Themen auf, die wenig brisant erscheinen, es jedoch tatsächlich waren: etwa die zunehmende Knappheit an Lebensmitteln sowie die sexuelle Bedürftigkeit sowohl der Soldaten an der Front als auch ihrer Frauen, Verlobten und Freundinnen zu Hause. Briefe zeugen ebenso von beinahe rührend anmutenden Versuchen junger Paare, ihre Beziehung brieflich aufrecht zu erhalten wie vom Glück von Soldaten in wohlhabenden Besatzungsterritorien, dort entweder billig einkaufen zu können oder sich auch schlicht als Räuber betätigen zu können. Die notorische Lebensmittelknappheit fand früh humoristischen Ausdruck – so nannte der Volksmund den damals weitverbreiteten Kaffeeersatz „Horst Wessel Kaffee“, weil in ihm „die Bohnen nur im Geiste mitmarschieren.“

Die Knappheit an Lebensmitteln und – ob der Bombardierungen – städtischem Wohnraum schmiedete das Volk jedoch keineswegs zusammen, im Gegenteil. Die von der NS Ideologie gepflogene Utopie der „Volksgemeinschaft“ zerbröckelte und brachte Nachbarn, unterschiedliche Gruppen von Bewohnern und Konsumenten gegeneinander auf, ohne doch in Kritik am oder Widerstand gegen das Regime umzuschlagen.

Ihm hielten die Deutschen in ihrer übergroßen Mehrheit unverbrüchlich die Treue: sowohl und zumal am Anfang des Krieges, als Deutschland an allen Fronten zu siegen schien, als auch nach Stalingrad, als täglich deutlicher wurde, dass dieser Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Über allem aber lastete der Druck des schlechten Gewissens darüber, was das Regime sowohl den in Deutschland lebenden als auch den in Polen und der Sowjetunion vorgefundenen Juden duldend oder aktiv angetan hatte.

Im Nachweis dieses kollektiven Bewusstseins besteht der besondere, eine Forschungslücke schließende Beitrag von Stargardts Darstellung. Er kann tatsächlich nachweisen, dass die nach dem Krieg sowohl in der Bundesrepublik und als auch der DDR gepflogene Annahme, man habe von dem Mord an den europäischen Juden nichts gewusst, nichts anderes als eine kollektive Lüge war, die freilich – psychologisch gesehen – bald die Form einer systematischen Verdrängung annahm.

So fragte das Büro des Sicherheitsdienstes von Stuttgart im Jahr 1944 anlässlich der Veröffentlichung von Photographien sowjetischer Gewalttaten an Deutschen: „Was bezweckt die Führung wohl mit der Veröffentlichung solcher Bilder wie im ,NS Kurier‘ am Samstag? Sie müsste sich doch sagen, dass jeder denkende Mensch, wenn er diese Blutopfer sieht, sofort an die Greueltaten denkt, die wir im Feindesland, ja sogar in Deutschland begangen haben. Haben wir nicht die Juden zu Tausenden hingeschlachtet? Erzählen nicht immer wieder Soldaten, Juden hätten in Polen ihre eigenen Gräber schaufeln müssen? Und wie haben wir es denn mit den Juden gemacht, die im Elsass im KZ waren? Die Juden sind doch auch Menschen. Damit haben wir den Feinden vorgemacht, was sie im Falle eines Sieges mit uns machen dürfen.“ In vielen Fällen weckten schon lange vor der Kapitulation die durch alliiertes Bombardement in Brand gesetzten Häuser Erinnerungen an die brennenden Synagogen des November 1938, mehr noch: paradoxerweise war es gerade das Regime, das eine Verbindung zwischen der Verfolgung der Juden und dem Untergang der deutschen Städte herstellte.

Das geschah dadurch, dass das Regime in seiner Inlandspropaganda immer wieder darauf hinwies, dass der alliierte Bombenkrieg letztlich von Juden gesteuert werde – das Bombardement also Ausdruck der „Rache des Weltjudentums“ gewesen sei.

1943, nach der in einem Feuersturm endenden Bombardierung Hamburgs schrieb ein Dolmetscher der Marine, der die Zahl der Toten auf etwa 240 000 Tote schätzte, Freunden folgendes: „Bei aller Wut gegen die Engländer und Amerikaner über die Art ihrer unmenschlichen Kriegsführung muss man ganz objektiv feststellen, dass das einfache Volk, der Mittelstand und die übrigen Kreise von sich aus wiederholt Äußerungen unter vier Augen und selbst auch in größeren Kreisen machten, die die Angriffe als Vergeltung gegen die Behandlung der Juden durch uns bezeichneten.“

Derlei Deutungen in der Heimat sowie die von Front durchsickernden Berichte über die Ermordung der Juden, an denen die Soldaten häufig selbst beteiligt waren, beweisen, dass das, was später als „Holocaust“ oder noch später als „Shoah“ bezeichnet wurde, der deutschen Bevölkerung während des Krieges spätestens nach dem Überfall auf die Sowjetunion durchaus bekannt war.

Mit dieser Alltagsgeschichte des Zweiten Weltkrieges in Deutschland hat Stargardt nicht nur eine Forschungslücke geschlossen, sondern auch bewiesen, dass Bundesrepublik und DDR nicht nur in ihren ersten Jahrzehnten auf Lebenslügen beruhten, sondern noch lange antisemitisch eingestellt waren.

So waren noch kurz nach dem Krieg 64 Prozent der Deutschen bei einer Umfrage der Meinung, dass die Judenverfolgung entscheidend zur deutschen Niederlage beigetragen habe, während 37 Prozent noch immer davon überzeugt waren, dass die Vernichtung von Juden, Polen und anderen Nichtariern für die Sicherheit der Deutschen notwendig gewesen sei.

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