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Neues Buch über Keynes Ebenso Philosoph und Moralist wie Ökonom

Robert Skidelsky will Keynes´ Wirtschaftstheorie vor falschen Interpreten retten. Dieses Buch zur aktuellen Wirtschaftskrise ist ein doppelter Glücksfall: Es ist lesbar und sein Autor ist ein ausgewiesener Fachmann.

05.03.2010 00:03
Rudolf Walther
Von einer Herrschaft des Keynesianismus zu sprechen, verbiete sich, schreibt Skidelsky. Foto: pa/dpa

Dieses Buch zur aktuellen Wirtschaftskrise ist für den Leser ein doppelter Glücksfall: Erstens sind Bücher von Ökonomen für Nicht-Ökonomen und Nicht-Mathematiker in der Regel wegen ihrer mathematischen Kostümierung kaum lesbar. Und zweitens ist Robert Skidelsky, Autor des Buches "Keynes für das 21. Jahrhundert" , auch der Verfasser der wissenschaftlich maßgeblichen, zweibändigen Biografie über John Maynard Keynes, also bestens ausgewiesener Fachmann. Skidelsky lehrte an der Universität Warwick und hat 1981 die Social Democratic Party gegründet - zusammen mit dem ehemaligen Labour-Minister David Owen. Heute sitzt er für die Konservativen im britischen Oberhaus.

In seinem Buch beschäftigt sich Skidelsky zwar auch mit Leben und Werk von Keynes, aber der Schwerpunkt liegt auf der Analyse der aktuellen Wirtschaftskrise und den Aussichten für eine Rückkehr zum Keynesianismus. Für Skidelsky tragen Banken, Hedgefonds und Spekulanten eine große Mitverantwortung an der aktuellen Krise, aber die Hauptverantwortung trifft nicht diese Akteure, sondern die Wirtschaftswissenschaft, deren Lehren die Akteure gleichsam schulbuchmäßig befolgt haben.

Im Boom der Nachkriegsgeschichte dominierten zwischen 1950 und der Ölkrise von 1973 wirtschaftspolitische Konzepte, die sich von Keynes´ Theorie herleiten lassen. Von einer Herrschaft des Keynesianismus zu sprechen, verbietet sich jedoch Skidelsky zufolge, denn Keynes´ Theorien wurden selektiv angewandt und vulgarisiert zu einem technokratischen Instrument antizyklischer Konjunkturpolitik.

Dieses in Deutschland von der Großen Koalition nach 1966 und von der sozialliberalen Koalition verfolgte Konzept beruhte auf der hybriden Annahme, Inflation und Arbeitslosigkeit ließen sich mit den staatsinterventionistischen Hausmittelchen von Lohn- und Preiskontrolle in den Griff bekommen. Am Ende des Vulgärkeynesianismus stand nicht ein wirtschaftliches Gleichgewicht, sondern die "Krise der Regierbarkeit". Die sozialliberale Koalition in Deutschland war mit ihrem Latein am Ende, und die Konservativen übernahmen die Macht wie in den USA und in England.

Parallel dazu erfolgte ein Paradigmenwechsel in der Wirtschaftswissenschaft. Die marktradikale Chicago-Schule wie der moderate Neokeynesianismus verabschiedeten Keynes´ Theorie. An die Stelle makroökonomischer Konzepte trat nun die Logik individueller Entscheidungen sowie die Theorie "rationaler Entscheidungen", die sich angeblich aus der Fähigkeit der Märkte zur Selbststeuerung ergaben. Statt auf die prinzipielle Offenheit und Unsicherheit der Zukunft und damit auch der Aussichten ökonomischen Handelns, wie sie Keynes vertrat, setzte die neoklassische Schule auf die Wahrscheinlichkeit, die sie in komplexen mathematischen Modellen abbildete.

Ein guter Ökonom war fortan ein in Mathematik beschlagener Ökonom. In komplexen Modellrechnungen errechneten Wirtschaftswissenschaftler, dass Risiken, wie sie sich in der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise real einstellten, theoretisch nur einmal alle 10140 Jahre vorkommen dürften. Solche Risikomanagementmodelle, die niemand verstand, erwiesen sich über Nacht als Makulatur, und der Staat bzw. die Steuerbürger mussten nun mit Milliardenbeträgen stützend und bürgend einspringen.

Die Ökonomen dagegen "stehen daneben und schauen zu, wie die Politiker versuchen, aus den Trümmern des Marktsystems zu retten, was noch zu retten ist", schreibt Skidelsky. Sein Fazit ist gnadenlos: Die Krise ist "das Resultat des intellektuellen Versagens der wirtschaftswissenschaftlichen Profession" und erwies "die unglückselige Nutzlosigkeit des größten Teils der derzeit tonangebenden akademischen monetären Ökonomie."

Einen Ausweg aus dieser intellektuellen Krise skizziert Skidelsky in den letzten Kapiteln des Buches als "Rückkehr" zu Keynes. Der verstand Ökonomie nicht als verkappte mathematische Naturwissenschaft, sondern als Geistes- und Sozialwissenschaft. Märkte waren für ihn kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, möglichst vielen Menschen "ein gutes Leben" zu ermöglichen. Und wie alle Mittel bedürfen auch Märkte der Regeln und der Kontrollen, sonst wird aus ihnen ein Spielkasino.

Keynes war "ebenso Philosoph und Moralist wie Ökonom", deshalb war für ihn eine Akkumulation von noch mehr Reichtum um des Reichtums willen - der Kern der neoliberalen Marktreligion - ethisch und politisch inakzeptabel. Keynes war kein Sozialist und kein Umweltschützer, aber er erkannte "die moralischen Grenzen des Wachstums" (Skidelsky) ebenso wie die Gefahren der "Liebe zum Geld" (Keynes) für den Bestand einer Gesellschaft. Statt für immer mehr Einkommen plädierte Keynes für mehr Lebensfreude und Freizeit zu einer Zeit, als noch kaum jemand permanentes wirtschaftliches Wachstum als Sackgasse erkannt hatte. Ein ebenso anregendes wie lesenswertes Buch.

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